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28. Juli 2014

Vom Brabbeln zum Sprechen

Nicht jedes Kind lernt gleich schnell sprechen, das ist völlig normal. Wie kann man die Kleinen in ihrer Sprachentwicklung fördern, und wann ist ein Besuch beim Logopäden angezeigt? Verraten Sie zu den Tipps, welche(s) Wort(e) Ihr Kind zuerst beherrschte (unten).

Das Kind lernt: Ich muss etwas sagen, um etwas zu bekommen.
Das Kind lernt: Ich muss etwas sagen, um etwas zu bekommen.

«Äh, äh!» Die kleine Henriette steht vor dem Wohnzimmerregal, tritt unruhig von einem Fuss auf den anderen und streckt die Hände in die Luft. Oben, im dritten Regalboden, liegt ihr Bilderbuch, unerreichbar für das Mädchen. «Was möchtest du denn?», fragt ihre Mutter und greift ohne eine Antwort abzuwarten ins Regal. Mit leuchtenden Augen nimmt Henriette ihren Schatz entgegen und verschwindet Richtung Sofa.

Henriette ist 16 Monate alt und kann «Mama» und «Papa» sagen, ansonsten kein Wort. Trotzdem plappert sie von morgens bis abends fröhlich vor sich hin, unverständliche Melodien und Klangfolgen, «babyanisch» eben.

Laut der einschlägigen Fachliteratur lernt ein Kind zwischen 12 und 18 Monaten 10 bis 20 Wörter, wozu auch das «Au» für Auto und «Baba» für Banane zählen, erklärt Joyce Vach (36), Logopädin und Sprachwissenschaftlerin in Luzern. Muss Henriette in ihrer Sprachentwicklung unterstützt werden? Und ab welchem Alter ist eine Förderung überhaupt sinnvoll?

Wer seinem Kind schon im jungen Alter vorliest, unterstützt es in seiner Sprachentwicklung.

«Schon ab dem Mutterleib, wenn sie mich fragen», sagt Joyce Vach und lacht. Dann nämlich, wenn das Baby anfängt, mit der Aussenwelt zu kommunizieren. Die Stimme der Mutter, ihr Singen, ihr Streicheln über den Bauch, sind Kommunikationsmittel, auf die schon ein Fötus reagiert. «Auch wenn er dies für uns erst einmal nicht sichtbar tut», hält die Logopädin und dreifache Mutter fest. Und einmal auf der Welt, bildet ein Baby schon nach drei bis vier Monaten unterschiedliche Laute und Silben wie «mabamam» oder «gagaka». Studien haben ergeben: Wer seinem Kind schon in diesem jungen Alter aus Kinderbüchern vorliest, vorsingt, mit ihm spricht und Kinderreime vorträgt, unterstützt es in seiner Sprachentwicklung. Wer jetzt aber fürchtet, mit seinem Baby spezielle Programme durchführen oder gar Eltern-Kind-Kurse besuchen zu müssen, kann beruhigt werden. Im Gegenteil. «Diese Dinge sollten ganz natürlich und altersgerecht in den Familienalltag eingebracht werden», sagt Joyce Vach.

Das erste Wort folgt dann mit einem Jahr, ebenso wie der erste eigenständige Schritt. Im Durchschnitt. Denn dass diese beiden Grossereignisse gern auch einige Wochen oder sogar Monate früher oder später eintreten, können viele Eltern bestätigen.

Das sei auch völlig normal und überhaupt kein Problem, sagt Joyce Vach. Allerdings sei es wichtig, dass ein Kind mit zwei bis zweieinhalb Jahren mehr und mehr neue Wörter lernt. Ist das nicht der Fall, sollten sich Eltern an den Kinderarzt oder einen Logopäden wenden. Denn zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr erwerben die Kinder ihre Sprache. Tun sie das nicht, kann es für sie im Kindergarten und später in der Schule problematisch werden, ihre nächste Entwicklungsaufgabe zu erfüllen, Lesen und Schreiben zu lernen sowie Beziehungen über Sprache aufzubauen.

Kommt ein solches Kind zu ihr, testet die Fachfrau erst einmal sein Gehör, denn Hören ist die Voraussetzung dafür, sprechen zu lernen. Ebenso muss das Kind das Gesagte intellektuell verstehen. In einem zweiten Schritt wird geprüft, ob das Kind trotz seiner Verzögerung Fortschritte in seiner Sprachentwicklung macht. Joyce Vach: «Ich rate Eltern, eine Liste mit den Wörtern zu erstellen, die das Kind versteht und die es sprechen kann. Und das Gleiche nach drei und sechs Monaten noch einmal zu tun. Wenn dann immer noch kein Fortschritt zu erkennen ist, sollte das Kind vom Kinderarzt abgeklärt werden.»

Vorher gilt es abzuwarten und das Kleinkind im Alltag ruhig ein wenig zu fordern. «In Situationen, in denen Kinder etwas von uns wollen, geht das besonders gut», sagt Joyce Vach. So hat Henriettes Mama das nächste Mal nicht sofort reagiert, sondern immer wieder nachgefragt, was Henriette denn jetzt genau haben wolle. «Bububu», hat das Mädchen irgendwann gesagt, ihr drittes Wort.

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Bubu, Wauwau, amam – Erinnern Sie sich: Welche waren die ersten Worte Ihres Kindes?
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Autor: Evelin Hartmann