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11. Mai 2015

Vom Ballet aufs Brett

Tamara Prader ist eine der schnellsten Longboarderinnen: An Weltcups fährt sie regelmässig aufs Podest. Auch diese Saison will die ehemalige Tänzerin vorne mitfahren. Und für gleiche Rechte für Frauen kämpfen.

Tamara Prader im Zürcher Kreis 5
Ein Hoodie gehört zum Style vieler Boarder: Tamara Prader im Zürcher Kreis 5.

Als Kulisse dienten Meer und Sandstrand. «Wir logierten unter Palmen und waren mit dem Motorrad, der Hängematte und unseren Longboards unterwegs», sagt Tamara Prader (31), eine der besten Longboarderinnen der Welt. An der sechsten Visayan Longboarding­Trilogy im April trafen sich die besten Skateboarderinnen und Skateboarder zum Trainieren, Kräftemessen und zum Weltcup-Qualifikationsrennen auf den Philippinen. Tamara Prader fuhr auf Platz 1. Die Chancen, dass sie es im Gesamtweltcup nach dem dritten Platz 2014 auch diese Saison wieder weit nach vorn schafft, stehen gut. Ende Juni startet sie am Weltcuprennen Maryhill Festival of Speed in Washington State, USA.

Keine Frau der halben Sachen
Mit 27 Jahren ist die Architektin vergleichsweise spät zu der von Teenagern geprägten Szene gestossen. Dafür ist sie gleich mit Vollgas eingestiegen und in der ersten Saison 2011 schon auf den dritten Weltcup-Schlussrang gefahren. «Wenn ich etwas mache, dann lieber richtig.»
Das war schon beim Ballett so, das die Prättigauerin 15 Jahre lang intensiv ausgeübt hatte. Nach dem Architekturstudium an der ETH Zürich stand sie zum ersten Mal auf ein Skateboard und übte selber die Basics – Starten, Bremsen, Sliden in den Kurven. Schon bald fuhr sie mit ein paar Jungs in Zürich vom Rigiblick und vom Dolder hinunter – «die perfekten Anfängerhügel».

Mittlerweile ist sie mittendrin in der weltweiten Longboarder Community. Diese vernetzt sich über Social Media wie Facebook, Youtube oder Blogs, gibt Wissen weiter und tourt mit Weltcuprennen um den Globus. Sie ist Teil der Longboardercrew, die mit bunten Filmen ihrer Downhillrennen in Ledermontur, Handschuhen mit Slidehilfen und Fullfacehelm das Lebensgefühl von Freiheit, Tempo, Abenteuer und Spass über die Kanäle jagt.

Tamara Prader am «Angie's Curves» in Pala, Kalifornien
Tamara Prader am «Angie's Curves» in Pala, Kalifornien, dem härtesten Weltcuprennen.

«Natürlich stellt sich bei 90 Kilometern Speed auf vier Rädern unterm Brett die Frage nach dem Risiko», sagt Tamara Prader. «Und wer live zuschaut, findets vielleicht ein bisschen furchteinflössend. Aber es sieht viel gefährlicher aus, als wennman selber draufsteht.»
Unfälle gibt es natürlich dennoch. Und trotz Vollkörperschutz auch Verletzungen. Tamara Prader hat es auch schon aus der Kurve geschleudert. Dabei hat sie sich den Arm gebrochen. Später hat sie sich die Innenbänder am Knie kaputt gemacht. «Aber Schlimmeres ist mir zum Glück noch nie passiert.» Sicheres Fahren hat bei der Perfektionistin oberste Priorität. «Stürzen ist einfach eine schlechte Idee. Es tut viel zu fest weh.»

Auch ihr Freund fährt ganz vorn mit

Ihren Partner, den Kanadier Patrick Switzer (27), einen der weltbesten Downhill-Longboarder, hat sie in der Szene kennengelernt. Mit ihm schaut sie sich nach den Trainingsläufen die Videos ihrer Runs an und analysiert die beste Linie, den idealen ­Bremspunkt beim Einleiten der ­Kurven oder das perfekte Überholmanöver. Und lernt so jedes Mal neu dazu.
Gewicht bedeutet Geschwindigkeit. Die 1,60 Meter grosse und 50 Kilogramm leichte Sportlerin macht ihr Ballerinagewicht mit Fahrperfektion wett. Und heftet sich ihren Konkurrentinnen auch mal im Windschatten an die Fersen, um kurz vor der Ziellinie zum Schlussspurt anzusetzen.

Als Frau ist sie in der Minderheit in dem von Männern dominierten Sport. Umso wichtiger ist es ihr, ihresgleichen zu motivieren, zu unterstützen und zu fördern. Zum Beispiel mit den Skateboardkursen für Anfängerinnen und Profis (siehe rechts). Oder indem sie sich an Events für bessere Startplätze für Frauen und gleich hohe Siegerprämien wie für die Männer einsetzt. Denn so viel sei klar: «Wir leisten genau dasselbe wie die Jungs!»

Autor: Daniela Schwegler

Fotograf: Dan Cermak