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11. Juni 2012

Vom Abstellgleis auf die Erfolgsstrasse

Dank Mikrokrediten der Stiftung Arbeitslosenrappen können Erwerbslose in der Region Basel ein eigenes Geschäft aufbauen. Ein erfolgreiches Modell, wie die Beispiele von Peter Thüring und Claudia Meili zeigen.

Peter Thüring 
fand nach seiner Entlassung keine Arbeit mehr: Mit einem Darlehen des Arbeitslosenrappens gründete 
er den GST Garten- und Gebäudeservice. Für grössere Arbeiten engagiert er jeweils eine Teilzeitmitarbeiterin.

Fast sechs Jahre lang hat Peter Thüring anspruchsvolle technische Projekte für das Marketing einer Basler Firma aufgegleist, dann folgte die kalte Dusche: Der Feinmechaniker und Betriebsfachmann wurde 2002 entlassen. Mit seiner vielfältigen Erfahrung glaubte der damals 50-Jährige, rasch wieder etwas zu finden. Doch das war ein Irrtum — eingestellt wurden Jüngere mit weniger Erfahrung und niedrigeren Lohnansprüchen.

Schliesslich entschied er sich, sein Hobby zum Beruf zum machen. Der Basler war schon immer ein begeisterter Gärtner und hat grosses Talent bei handwerklichen Arbeiten. Nur: Um sich damit selbständig zu machen, brauchte es Geld. Das RAV brachte ihn mit dem Arbeitslosenrappen in Kontakt. «Es war für mich der einzige realistische Weg, zu Startkapital zu kommen», sagt Peter Thüring. «Banken lassen sich auf so was in der Regel nicht ein.»

Vier Monate nach seinem Gesuch erhielt er ein Darlehen über 7500 Franken von der Stiftung; davon leistete er sich einen Anhänger für seinen Kleinbus, und los konnte es gehen mit dem GST Garten- und Gebäudeservice. Trotz grosser Konkurrenz im Raum Basel, hat sich Thüring mit seiner Einmannfirma seit 2005 etabliert und einen treuen Kreis an Stammkunden aufgebaut. «Reich werde ich damit nicht, aber ich kann davon leben und tue etwas Sinnvolles, das mir erst noch Spass macht.»

Ein einmaliges Konzept, aber nur für den Raum Basel

Das zinslose und gebührenfreie Darlehen zurückzuzahlen, war kein Problem. Und das gleiche Geld dürfte inzwischen noch anderen Arbeitslosen dabei geholfen haben, ihr eigenes Geschäft aufzubauen. Zwar muss der Arbeitslosenrappen jährlich 20 bis 30 Prozent seiner Darlehen abschreiben, der Rest aber wird wieder und wieder verwendet. «Das ist das Grossartige und Einmalige an unserem Konzept», sagt der Jurist Marcus Cottiati (50), der seit 1995 beim Arbeitslosenrappen mitwirkt.

Ohne Arbeit geht man moralisch kaputt. – René Segginger, Spender

Zwischen 9 und 19 Gesuche erhält die Stiftung jährlich, davon werden zwischen 50 und 80 Prozent genehmigt. Ausbezahlt wurden in den letzten Jahren im Schnitt rund 15'000 Franken pro Gesuchsteller. Die meisten sind zwischen 35 und 55 Jahre alt, darunter rund ein Drittel Frauen, Tendenz steigend. «Wir hätten durchaus noch etwas Kapazität für mehr, Bedingung ist einfach, dass die Gesuche aus der Region Basel kommen und schon eine gewisse Berufserfahrung besteht», sagt Cottiati. Beurteilt wird das Produkt, die Marktsituation für das neue Angebot, das Marketing, aber auch die Person: Hat sie ein unternehmerisches Flair, hat sie Unterstützung im Umfeld, ein Netzwerk, genügend Fachkompetenz, Motivation und Zeit?

Studien belegen, dass generell nur rund 50 Prozent es schaffen, sich selbständig zu machen. Bei den Arbeitslosen gelingt es laut einer Studie des Seco allerdings 60 bis 70 Prozent. Der Arbeitslosenrappen arbeitet mit den lokalen und nationalen Behörden zusammen. «Unsere Hoffnung ist, dass sich unser Stiftungsmodell auch in anderen Regionen verbreitet, aber alle Versuche sind bisher an bürokratischen Hürden gescheitert.» Etwas Vergleichbares gibt es laut Cottiati sonst nur in Lausanne.

Viele Menschen definieren sich über ihre Arbeit

Unterstützt vom Arbeitslosenrappen gründete Claudia Meili eine Ergotherapiepraxis. Heute hat sie zwei Angestellte und lässt ihrerseits der Stiftung eine jährliche Spende zukommen.
Unterstützt vom Arbeitslosenrappen gründete Claudia Meili eine Ergotherapiepraxis. Heute hat sie zwei Angestellte und lässt ihrerseits der Stiftung eine jährliche Spende zukommen.

Rund 1200 regelmässige Spender unterstützen die Stiftung, die 1983 von zwei Industriepfarrern gegründet wurde. «Die Idee dahinter: Du hast Arbeit, gib doch ein bisschen was ab», sagt Cottiati. Pro Jahr kommen so rund 150'000 Franken zusammen. Regelmässig Geld geben auch der pensionierte Kaufmann René Segginger (76) aus Münchenstein BL und der Spitalpfarrer Hans Rapp (57) aus Basel. Segginger ist Mitglied der katholischen Synode Baselland und engagiert sich dort seit 20 Jahren für Arbeitslose. «Ich war früher selbst einige Zeit arbeitslos und weiss, was das heisst», sagt Segginger. «Finanziell war es eigentlich kein Problem, aber moralisch geht man kaputt.» Hans Rapp setzt sich ein, dass es in den Gottesdiensten eine Kollekte für die Stiftung gibt. «Viele Menschen in der Schweiz definieren sich über ihre Arbeit, Arbeitslosigkeit ist hier deshalb mit einem besonderen Makel behaftet.»

Auch Claudia Meili hat von der Stiftung profitiert. Dank dieser besitzt sie nun eine eigene, erfolgreiche Ergotherapiepraxis in Kleinbasel mit zwei Mitarbeiterinnen. Die 47-Jährige hatte ihre feste Stelle beim Unispital Basel 2002 selbst gekündigt, reiste einige Zeit durch die Welt und arbeitete danach temporär. «Die 10'000 Franken vom Arbeitslosenrappen kamen innert eines Monats, und ich staunte, wie problemlos das ablief», erinnert sich Meili. «Ich hatte Glück.»

Nun will sie von ihrem Erfolg ein bisschen abgeben. Sie unterstützt den Arbeitslosenrappen mit einer jährlichen Spende, «weil es eine gute Sache ist!»

www.arbeitslosenrappen.ch

www.gstgartenservice.ch

www.ergomeili.ch

Fotograf: Matthias Willi