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07. November 2016

Vollwaise für sieben Wochen

Der zehnjährige Noé Ricklin spielt in Stefan Haupts neuem Film «Finsteres Glück» einen Jungen, der als einziges Familienmitglied einen Unfall überlebt. Das Filmdebüt des Buben geht ans Herz.

Noé Ricklin spielt in «Finsteres Glück»
Ausdrucksstark spielt Noé Ricklin in «Finsteres Glück» den achtjährigen Yves, der bei einem Autounfall seine Eltern und Geschwister verliert. (Bild: Xenix Film)

Draussen vor dem Fenster des Spitals erhellt der Mond die Nacht. Doch mit dem Kameraschwenk ins Innere wird die Stimmung düster. Die Wirbelsäule von einer Halskrause gestützt, liegt der kleine Yves wach im Bett, als die Psychologin Eliane Hess eintritt. Er schaut sie an, doch sein Blick ist leer. Dann plötzlich plappert er los, erzählt ohne Punkt und Komma von der Sonnenfinsternis, vom rostigen Peugeot der Familie, von der Familientherapie, die der Vater zu teuer fand.

Weiss Yves, dass seine Mutter, sein Vater, sein Bruder und seine Schwester beim Autounfall im Tunnel ums Leben gekommen sind? Eliane Hess spürt, wie die Distanz zwischen ihr, der professionellen Seelenheilerin, und ihm, dem achtjährigen Vollwaisenkind, umso mehr brökelt, desto mehr Zeit sie mit dem Jungen verbringt. Er fühlt sich geborgen bei ihr und möchte bei ihr bleiben. Die Psychologin will Yves vor seinen zerstrittenen Verwandten schützen und kämpft für ihn – wohl wissend, dass ihr das nicht zusteht.

Im weiteren Verlauf wirbelt Yves Elianes Leben und das ihrer halbwüchsigen Töchter mächtig durcheinander. «Finsteres Glück» ist ein vielschichtiger Film, der trotz der bedrückenden Thematik Leichtigkeit und Hoffnung versprüht. Auch, weil Yves die Zuschauer fesselt und verzaubert. So verletzt und verloren er zu sein scheint, bleibt er doch verspielt.

Vor der Kamera statt auf der Schulbank

Ein Jahr ist vergangenen, seit der heute zehnjährige Noé Ricklin zu Yves wurde und sieben Wochen auf dem Filmset statt in der Schule verbrachte. Dabei war Noé eher zufällig zu seiner ersten Filmrolle gekommen. Er besuchte einen Kurs des Kinder- und Jugendtheaters Metzenthin in Zürich. Dort wurde per Inserat an einer Pinnwand ein achtjähriger Junge für ein Filmprojekt gesucht. Patric Ricklin (51), sein Vater und Opernsänger von Beruf, ermunterte ihn, sich für das Casting anzumelden. Er meinte, das sei eine gute Erfahrung für seinen Sohn, machte ihm gleichzeitig aber wenig Hoffnung auf eine Zusage: «Du wirst die Rolle nicht bekommen.»

Er lag falsch. Noé überzeugte an einem Casting nach dem anderen. «Von Anfang an hat uns die Art und Weise, wie er schauen kann, in den Bann gezogen», sagt der Regisseur Stefan Haupt (55). «Noé hat ein Gesicht, das von der Kamera geliebt wird. Das haben nicht alle.» Wenn Noé gefilmt werde, sehe man ihm an, «dass ganz viel in ihm vorgeht.» Stefan Haupt ist selbst Vater von vier Kindern und hat sich viele Gedanken darüber gemacht, ob und wie es einem Kind zumutbar ist, sich in eine solch anspruchsvolle Rolle hineinzufühlen.

Sorge um das Seelenheil des Sohnes

Noés Mutter Anita Baumgartner (43) war anfangs gar nicht begeistert von der Idee. Sie las den Roman «Finsteres Glück» von Lukas Hartmann, auf dem das Drehbuch basiert, und fand das Thema gar schwer: «Haben wir dann ein traumatisiertes Kind, das in kein Auto mehr steigen will?», fragte sie sich. Viele Gespräche und die Zusage, dass ihrem Sohn auf dem Set ein Coach zur Seite stehen werde, überzeugten sie schliesslich. Aber wollte Noé auch wirklich mitmachen? Das Projekt würde Ausdauer verlangen. Ausdauer, die er vielleicht beim Legospielen aufbringt, die ihm erfahrungsgemäss bei den Hausaufgaben oder beim Klavierspielen aber oft fehlt ...

Doch Noé hat nicht nur durchgehalten, sondern er hatte auf dem Set die Zeit seines Lebens. «Es war einfach toll!», sagt er heute. «Er war noch nie so ausgeglichen», sagen die Eltern. Christof Oswald (47) hat Noé als Coach durch die Geschichte begleitet, ihm den Ablauf der Dreharbeiten erklärt und ihn auf seine Einsätze vorbereitet. Die Szene im Auto vor dem Unfall zum Beispiel wurde am Klavier musikalisch umgesetzt, um Noé behutsam einzustimmen. Auf dem Set war Noé jeweils Yves, und nach Drehschluss sagte er ganz bewusst: «Jetzt bin ich wieder Noé.»
Auch wenn er die ganze Geschichte kannte, war es wichtig für den Jungen, sich auf Einzelszenen zu fokussieren, damit er sich nicht im Sog der Story verliert.

Noés Erfahrung als Schauspieler hatte sich in der Rolle eines Wächters im Kindertheater «Aschenputtel» erschöpft. Umso bemerkenswerter fällt seine Wahrnehmung der Unterschiede zwischen beiden Kunstformen aus: Im Gegensatz zur Bühne könne man beim Film einfach nicht richtig proben, meint der Zehnjährige. «Dafür lässt sich eine Szene beliebig oft wiederholen, wenn man sie verbockt.» Allzu häufig kam dies ­allerdings nicht vor, wie sein Regisseur bestätigt: «Wann immer es hiess ‹Kamera läuft›, war Noé hellwach und ganz bei der Sache.» Die Szene, in der er im Garten Fussball spielt, war ihm die liebste. Am meisten Mühe bereitete ihm die Szene, in der er die Psychologin schlagen musste.

«Komisch, mich selbst im Film zu sehen»

Nun hat Noé «Finsteres Glück» zum ersten Mal komplett angeschaut. Und wie hat ihm der Film gefallen? «Ich finde ihn eigentlich noch gut, auch wenn es komisch ist, mich selbst darin zu sehen.» Weitere Filmprojekte sind vorerst nicht geplant. Seinen nächsten Auftritt hat Noé in «Dornröschen», wieder eine Aufführung des Kinder- und Jugendtheaters Metzenthin. Dort wird er Knuffi, den frechen Hofhund, spielen. Wenngleich er eine Rolle mit viel Text lieber gehabt hätte («Ich belle nicht so gern»), freut er sich auch auf diese Aufgabe.
Am allerliebsten wäre ihm freilich eine Rolle in einem Film wie «Harry Potter» oder «Star Wars» – da würde er gleich mitspielen. Noé: «Das wäre bestimmt strenger mit all den Spezialeffekten.»  

Zu Hause beschäftigt sich Noé am liebsten mit Lego Technics
Zu Hause beschäftigt sich Noé am liebsten mit Lego Technics. Ausserdem spielt er Klavier und seit Kurzem Uni-Hockey. (Bild: Stephanie Gygax)


«Finsteres Glück»: ab 17. November im Kino; Noé Ricklin wird am 9. November an der Premiere in Bern (Ciné Club, 12 Uhr) und am 12. November im Lunchkino (Arthouse Le Paris, 12.15 Uhr) in Zürich anwesend sein.

Zum Youtube-Trailer

Autor: Monica Müller

Fotograf: Stéphanie Gygax