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13. April 2017

Vogelfrei

Kinder ohne Angst
Immer höher: Kinder ohne Angst ... (Bild: Pixabay.com)

Ich hoffe sehr, meine Tochter bricht sich keinen Arm. Weder wenn sie vom höchsten Ast des Baums fällt, noch wenn sie mit Karacho auf ihrem Mountainbike einen Waldweg hinunterbrettert – und wegrutscht. Nein, bitte keinen Arm brechen! Obwohl: Wenn ich es mir recht überlege, wäre ein Beinbruch noch unangenehmer. Bei einer Ellenbogenfraktur kann man immerhin die Leggins anlassen, oder? Bei einem Schienbeinbruch geht das hingegen nicht so gut.

Apropos: Wenn Menschen im Spital meiner Grossen mal einen Gips anrühren würden, müssten sie beim Anblick ihrer Beine einfach das Schlimmste denken. Ida, die noch nie in ihrem Leben geschlagen wurde, sieht unterhalb der Knie wie ein schwer misshandeltes Kind aus. Ihre Beine sind konstant blau gefleckt. Ganz zu schweigen von den unzähligen Kratzern und Schrammen, mal ohne Epidermis, mal mit Kruste oder mit ganz frisch nachgewachsener Haut.
Habe ich die Fünfliber-grosse Narbe auf Höhe der rechten Kniescheibe schon erwähnt? (Zur Erinnerung: Das war diese fiese Schürfwunde, auf die Ida zwei Wochen nach dem ersten Sturz abermals gefallen ist. Und dann drei Tage danach ein drittes Mal.)

Auch wenn das bisher eher flapsig klingt, ich befürchte wirklich, in Anbetracht des Verletzungsmusters von Kinderlosen in die Schlechte-Mutter-Schublade gesteckt zu werden. Wer jedoch selbst Zwerge hat, der wundert sich kaum: Alle Unterschenkel in Idas Peer Group sehen ähnlich mitgenommen aus. Wo wir gerade dabei sind: Platzwunden sind unter Zweitklässlern auch total in Mode. Oder angebrochene Fingerglieder, abgeknickte Schlüsselbeine und abgelöste Fingernägel.

Doch warum ist das so? Warum bilden sich Kinder in dem Alter ein, ihr Leben sei ein einziger Stunt? Warum fürchten sie sich weder vor Höhe noch vor Schädelbasisbrüchen? Wieso müssen sie sich immer bewegen, immer schneller, immer weiter, immer wilder? Und welches Spatzengehirn kommt auf die Idee, beim Steinzeit-Spiel Steinwerkzeuge zu behauen (und vergisst dabei seinen Finger zwischen Hammer und Speerspitze)? Wo wir gerade dabei sind: Muss der Molch, dem die Rasselbande ein liebevolles Grashaus gebaut hat, wirklich direkt im Teich ausgesetzt werden? Hätte es nicht gereicht, das Amphib einfach in der Wiese freizulassen? Dann wäre nämlich niemand nass geworden und die Zecke, die neben dem Biotop wohnt, hätte auch keine Gratismahlzeit erhalten ...

Schon gut, ich denke ja nur laut nach. Sie haben natürlich recht: Wenn wir Eltern wollen, dass unsere Kinder artgerecht aufwachsen, sollten wir sie in ihrem Freiheitsdrang unterstützen. Fernrohr statt Fernsehen, Mountainbiken statt Couchsurfen.

Wir Mütter (ja, schon wieder wir) müssen es aushalten, wenn die Kleinen hoch klettern und tief fallen, denn nur so lernen sie, Risiken einzuschätzen und die eigenen Fähigkeiten realistisch einzustufen. Schürfwunden verheilen, und blaue Flecken werden irgendwann grün, dann gelb, und dann sind sie weg. Und wenn ihnen abends, nach einem Tag in der Natur, der Matsch aus den Ohren tropft, dann ist das kein Grund, den Kärcher auszupacken.
In meiner Familie hat sich übrigens eine Strategie bewährt. Immer wenn ich mal wieder das Gefühl habe, dass die Grosse was total Gefährliches ausheckt, bitte ich Herrn Leinenbach um eine Gefahrenpotenzialeinschätzung. Meistens guckt er mich dann nur total mitleidig an. Er muss gar nichts sagen. Ich weiss es ja selbst. Wie sollen die Kinder denn fliegen lernen, wenn ich einen goldenen Käfig über sie stülpe?

Autor: Bettina Leinenbach