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13. Januar 2014

Rendezvous mit Reptilien

Michel Ansermet herzt seine südamerikanischen Leguane genauso zärtlich wie andere ihre Katze. Der Direktor des Vivarium de Lausanne hat die einzigartige Institution vor dem Konkurs gerettet und will sie nun in eine goldene Zukunft führen. Oben finden Sie einige der seltenen Vivarium-Bewohner – von Ansermet kurz charakterisiert.

Krokodilkaiman
Michel Ansermet: Ein Krokodilkaiman (Caiman crocodilus), aus Südamerika - dieses Tier wurde bei der Zollkontrolle entdeckt, um das Bein eines Schmugglers gebunden. Diese Art erreicht in der Regel eine Länge von 2.5 Metern.
Vivarium-Direktor Michel Ansermet mit seinem Liebling Kouma
Vivarium-Direktor Michel Ansermet mit seinem Liebling Kouma, einem zwölfjährigen grünen Leguan aus Südamerika.

Auf den ersten Blick sieht im Krokodil-Gehege des Vivarium de Lausanne alles so aus wie in den Krokodil-Anlagen der meisten zoologischen Gärten dieser Welt: Zwei Tiere liegen regungslos auf einem Felsen, als wären sie ausgestopft. Dann aber betritt Direktor Michel Ansermet (49) die Anlage, schaut sich kurz um und ruft: «Leila! Leila!» Prompt bewegt sich im Wasserbecken etwas, ein drittes Krokodil taucht auf, schaut neugierig und nähert sich. Mit der typischerweise für niedliche Haustiere reservierten Kosestimme lobt Ansermet die knapp drei Meter lange Echsendame. «Good girl, Leila, good girl!» Die beiden anderen Krokodile heissen Cléo und Farouch, und auch sie hören auf ihre Namen, insbesondere wenn es ums Futter geht. Das war allerdings nicht immer so. «Als ich das Vivarium vor drei Jahren übernommen habe, griffen die drei jeden Menschen an, der zu ihnen ins Gehege kam», sagt Ansermet. «Das lag auch daran, wie die früheren Vivarium-Betreiber die Tiere behandelt haben.» Weil kurz zuvor Forscher in Westafrika eine weitere Krokodilart entdeckt hatten, wollte der neue Direktor unbedingt herausfinden, welche Art von Krokodil er da hatte, was sich nur mit einem Bluttest machen liess – und um den durchzuführen, musste man sich den Tieren nähern können.

Ansermet und seine dressierten Krokodil Leila (links) Farouch...
...und Cléo.

Also begann er, mit ihnen zu arbeiten. «Ich besorgte mir drei Meter lange Bambusstöcke und betrat das Gehege. Die erste Woche haben sie die Stöcke zerfetzt und mich aus der Anlage gejagt.» Dann jedoch gelang es ihm, das Vertrauen von Cléo zu gewinnen, mittels Futter und simplen Befehlen. Als nächstes überzeugte er Leila, ihn zu akzeptieren, nur das Männchen Farouch griff weiterhin an. «Acht Monate habe ich gebraucht, um ihn zu knacken, heute macht er höchstens mal noch einen Scheinangriff. In erster Linie kommt er und will seinen Fisch.» Die Blutanalyse ergab übrigens, dass es sich bei Farouch und Cléo tatsächlich um die neuentdeckte Art handelt, Heilige Wüstenkrokodile, beide werden nun Teil eines Zuchtprogramms zur Arterhaltung.

Die drei Krokodile leben bereits seit der Eröffnung des Vivariums 1970 in Lausanne. Gegründet wurde es ursprünglich von Jean Garzoni, einem begeisterten Entdecker und Sammler von exotischen Tieren aller Art. «Die Anlage war eher eine Ausstellung und teils in einem erbärmlichen Zustand, als ich sie 2010 übernommen habe.» Ansermet entliess sämtliche Angestellten, da ihm die Art und Weise, wie sie mit den Tieren umgingen, gar nicht gefiel, stellte neue Leute ein und beschäftigte sich die nächsten 18 Monate damit, alles komplett zu reorganisieren.

Nur was die Leute kennen und mögen, schützen sie auch.

Heute ist das Vivarium ein auf wissenschaftlichen Grundlagen geführtes zoologisches Institut, das weltweit mit vergleichbaren Anlagen vernetzt und an diversen Zuchtprogrammen zur Arterhaltung beteiligt ist. Die Zahl der Besucher hat sich von 18'000 auf 30'000 erhöht und soll 2014 auf 35'000 steigen.

Direktor eines Vivariums zu werden war für Ansermet nicht unbedingt ein logischer Karriereschritt. Er arbeitete zuvor lange Jahre beim Schweizer Schiesssportverband, zuletzt als Chef Spitzensport; im Jahr 2000 holte er in Sydney mit der Schnellfeuerpistole sogar eine olympische Silbermedaille für die Schweiz. Aber privat sind exotische Tiere schon sehr lange seine Passion. «Mit neun Jahren habe ich im Tessin meine erste Giftschlange nach Hause gebracht. Meine Mutter war nicht eben glücklich, hat sich mit der Zeit aber daran gewöhnt», erzählt er und lacht. Ansermet hat eine Tessiner Mutter, einen Lausanner Vater und seine Ausbildungszeit in der Deutschschweiz verbracht. Er ist perfekt dreisprachig.

Eine lebenslange Leidenschaft für Reptilien und Spinnentiere

Learning by doing hiess Ansermets Devise in den letzten vier Jahrzehnten, und so hat er sich ein enormes Wissen über Reptilien, Amphibien und Spinnentiere angeeignet, ging regelmässig mit auf wissenschaftliche Expeditionen nach Asien oder Afrika, um neue Tierarten zu entdecken, und hat sich global vernetzt. «Mich faszinieren diese Tiere, vielleicht auch, weil sie auf viele so abschreckend wirken. Sie sind Meister darin, sich an ihre Umgebung anzupassen, und aus vielen ihrer Gifte können wir wertvolle Medikamente herstellen.»

Fragt man Ansermet nach den ungewöhnlichsten und wichtigsten Tieren in seinem Vivarium, bleibt er fast vor jedem Gehege stehen und hat erstaunliche Dinge zu berichten. Da sind zum Beispiel die kleinen Pfeilgiftfrösche, die giftigsten Tiere der Welt. Der 500'000. Teil eines Gramms des Gifts würde beim Menschen umgehend einen Herzinfarkt auslösen, wenn es in die Blutbahn geriete. Die harmlos aussehenden Fröschchen teilen sich ihr tropisches Gehege mit zwei Lanzenottern, ohne dass sie einander in die Quere kommen. Das Vivarium hält Tiere wenn immer möglich in gemeinsamen Lebensräumen. «Sie interagieren zwar kaum, aber sie nehmen wahr, dass da noch etwas anderes ist, es stimuliert und aktiviert sie.»

Es ist nicht leicht, Spenden für Schlangen zu bekommen. Dabei sind viele davon akut bedroht.

Ansermet und seine Angestellten gehen sanft und respektvoll mit ihren Tieren um, «damit sie merken, dass ihnen von uns nichts Böses droht». Dies macht es den Tierpflegern möglich, die Gehege täglich zu reinigen, ohne die Tiere umzuplatzieren - das gilt selbst für Giftschlangen wie die beiden Schwarzen Mambas. Zu den 280 Tieren des Vivariums gehören auch zwei prächtige südamerikanische Leguane, die Maskottchen des Vivariums. Sie sind Ansermets erklärte Lieblinge, lassen sich von ihm auch gerne mit Trauben füttern, streicheln und sogar auf den Arm nehmen.

In der Schweiz gibt es keine vergleichbare Anlage. Das Vivarium liegt in Lausanne nicht nur ziemlich abgelegen und ist in die Jahre gekommen, bis vor kurzem war es auch akut von der Schliessung bedroht. Als Ansermet übernommen hat, war es faktisch konkurs.

Schon bald bekommen die Tiere ein neues, moderneres Zuhause

Dank grosser Unterstützung der Bevölkerung und Schuldenerlasse der Gläubiger konnte Ansermet das Institut letzten November von der Konkursdrohung befreien, und fast gleichzeitig ergab sich eine kostengünstige Lösung für eine neue Anlage: Das Vivarium wird in den neuen Lausanner Wasserpark Aquatis integriert, der im Frühling 2016 eröffnet werden soll. «Eine perfekte Lösung», schwärmt Ansermet. «Wir werden dort gemeinsame Lebenswelten gestalten können mit Wasser und Land, wo wir Fische, Amphibien und Reptilien kombinieren können.» Dann endlich kann er seinen Schützlingen ein modernes, angemessenes Zuhause bieten.

Doch bis dahin steht noch viel Arbeit an, und schon in den letzten Jahren hatte Ansermet fast keine Freizeit. Einzig das Eishockey-Training zweimal pro Woche lässt sich der geschiedene kinderlose Direktor nicht nehmen, ansonsten steckt er alle Energie in sein Projekt.

Asyl für geschmuggelte und ausgesetzte Exoten

Das Vivarium ist auch Zufluchtsort für geschmuggelte Tiere, die Einreisenden am Zoll abgenommen werden. Zum Beispiel der junge Kaiman, den die Zöllner ums Bein eines Mannes gebunden entdeckten. Der kleine Kerl hat in Lausanne eine neue Heimat gefunden. «Das ist aber ein Extremfall», erklärt Ansermet. «Viel schlimmer sind all die vielen kleinen Schildkröten, Eidechsen und Chamäleons, welche die Leute in den Ferien auf Märkten oder in der Wildnis entdecken und dann als künftiges Haustier in ihren Taschen reinschmuggeln.» Diese würden dann meistens rasch sterben – aus Stress oder wegen falscher Haltung.

Der Schreckliche Pfeilgiftfrosch aus Kolumbien: klein und grün
Der Schreckliche Pfeilgiftfrosch aus Kolumbien ist das giftigste Tier der Welt.

Immer wieder kommt es vor, dass Ansermet und sein Team Tiere in Kisten vor dem Eingang finden. «Anonym vorbeigebracht zum Beispiel von Leuten, die sich eine Schlange zulegen, wenn sie noch klein ist. Aber die wächst und wächst, beisst vielleicht auch mal zu, und irgendwann haben die Leute genug.» Bis Ende letzten Jahres gab es im Vivarium eine Auffangstation für diese Tiere, damit ist jedoch inzwischen Schluss. «Der finanzielle Aufwand ist enorm, und wir haben trotz vieler Anträge und Bitten keine finanzielle Unterstützung dafür bekommmen.»

Generell ist es schwierig, für Reptilien und Amphibien Spenden zu bekommen. «Eisbären und Wale haben es leicht, Schlangen und Frösche lösen halt einfach nicht die gleichen Gefühle aus», sagt Ansermet. Und das, obwohl viele dieser Tierarten in der Wildnis akut bedroht sind und die Hilfe dringend bräuchten. Der Vivarium-Direktor sieht seine Aufgabe deshalb auch darin, den Leuten seine Schützlinge näherzubringen. «Nur was die Leute kennen und mögen, schützen sie auch.»

Regelmässig führt er deshalb Anti­Phobie-Kurse durch, in denen Menschen ihre Angsttiere kennenlernen. Mit grossem Erfolg. «Wir hatten schon Leute hier, denen sind vor Rührung die Tränen runtergelaufen, als sie am Ende des Kurses in der Lage waren, ohne Angst eine einheimische Spinne über ihre Hand laufen zu lassen. Einige wollten sie gar nicht wieder gehen lassen.»

www.vivariumlausanne.ch

www.aquatis.ch

Fotograf: Jeremy Bierer