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27. Februar 2017

Vitiligo lässt die Haut erbleichen

Vor fünf Jahren entdeckte Nicole Schwob Sennhauser erstmals einen weissen Fleck an ihrem Daumen. Vier Monate später war die 46-Jährige aus dem Baselbiet übersät mit Flecken. Diagnose: Vitiligo. Inzwischen hat sie gelernt, mit der Krankheit zu leben.

Nicole Schwob Sennhauser leidet an Vitiligo.
Nicole Schwob Sennhauser sieht man die Krankheit nicht sofort an: Ihr Gesicht ist inzwischen ganz weiss, nur an Händen, Ellbogen und Dekolleté fallen die hellen Flecken auf.

Vitiligo ist weder ansteckend noch gefährlich oder schmerzhaft. Die heutige Lehrmeinung geht davon aus, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt. Man nimmt an, dass das eigene Immunsystem die Zellen blockiert oder zerstört, die den Hautfarbstoff erzeugen (Melanozyten).

«In der Schweiz leiden etwa ein Prozent der Bevölkerung an Vitiligo», sagt Professor Lasse Roger Braathen aus Ittigen BE, Facharzt für Derma­ologie. «Eine Heilung ist extrem selten.» Die Krankheit kann in jedem Alter auftreten, aber am häufigsten sind Teenager betroffen. Genetische Faktoren spielen eine Rolle. In manchen Familien kommt Vitiligo häufiger vor.

Plötzlich mit weissen Flecken übersät

Als Nicole Schwob Sennhauser den ersten weissen Fleck bei sich entdeckte, dachte sie noch, er käme von der Sonne. Man verschrieb ihr eine Salbe. Ohne Erfolg. Im Gegenteil. «Meine Haut wurde dünner und reagierte äusserst empfindlich auf Sonne», erinnert sie sich. Vier Monate später kam der grosse Ausbruch: «Über Nacht war mein Körper übersät mit weissen Flecken: an den Händen, Ellenbogen, im Nacken, am Dekolleté, an den Füssen. Sogar um die Augen hatte ich hellere Haut und sah deshalb immer müde aus. Es war ein Riesenschock.» Nicole Schwob Sennhauser ging in eine Selbsthilfegruppe, denn bei Vitiligo leidet auch die Seele.

Behandlung mit Lichttherapie

Auslöser der Krankheit können bei Risikopersonen Hormonumstellungen oder emotionaler Stress sein. Nicole Schwob Sennhauser bekam den ersten weissen Fleck nach einem schweren Skiunfall. Weil Vitiligo häufig mit anderen Erkrankungen einhergeht, würde sie sich heute nach der Diagnose ganzheitlich checken lassen. «Damals fühlte ich mich schlapp, nahm zu und wurde mehrmals ohnmächtig.» Erst ein Jahr später wurde eine Unterfunktion der Schilddrüse festgestellt.

«Für Vitiligo gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, aber praktisch allen gemeinsam ist eine Therapie mit UV-Strahlen», sagt Professor Braathen. Auch Nicole Schwob Sennhauser riet man nach der Diagnose zu einer Lichttherapie. «Das ist sehr zeitaufwendig», sagt sie. «Man geht mindestens dreimal in der Woche zum Arzt, stellt sich anfangs für zehn Sekunden in eine Lichtkabine. Das habe ich vier Monate durchgehalten. Zuletzt war ich etwa eine Minute darin.» Die Behandlung blieb ohne Erfolg. Heute unternimmt sie nichts mehr gegen die Krankheit. Keine Lichttherapie, keine Creme.

Es ist auch eine Kostenfrage. Eine Tube dieser speziellen Creme kostet über 100 Franken, und die Krankenkasse übernimmt nur einen Teil der Kosten: «Wenn ich meine weissen Stellen zweimal am Tag eincreme, reicht sie eine Woche.»
Im Januar 2015 ist die Krankheit zum Stillstand gekommen. Nicole Schwob Sennhauser führt wieder ein normales Leben. «Im Sommer trage ich ärmellose T-Shirts. Das ist kein Thema mehr für mich. Ich hatte nie das Gefühl, wegen der Flecken weniger akzeptiert zu werden.» Das sei jedoch nicht selbstverständlich. Sie weiss von Leuten, die wegen Vitiligo einen Job nicht bekommen haben.

Trotz Vitiligo ein Topmodel

Popstar Michael Jackson litt an Vitiligo, ihn nahm die Krankheit auch psychisch sehr mit. Sein ältester Sohn ist ebenfalls davon betroffen. Es gibt aber auch Menschen, die offen damit umgehen können wie Winnie Harlow. Die 22-jährige dunkelhäutige Kanadierin nahm trotz ihrer weissen Flecken an der 21. Staffel von «America’s Next Top Model» teil, schaffte es auf Platz sechs und wurde zur Markenbotschafterin der spanischen Modemarke Desigual.

Nicole Schwob Sennhauser arbeitet als administrative Assistentin und engagiert sich in der Schweizerischen Psoriasis-Vitiligo-Gesellschaft SPVG). Sie wünscht sich, dass Vitiligo bekannter wird und dass die Bevölkerung toleranter mit Menschen umgeht, die daran erkrankt sind. «Es ist wichtig, dass man sich nicht alleine fühlt, dass es Leute gibt, die einen ernst nehmen, Unterstützung anbieten und zuhören.»

Autor: Inge Hess

Fotograf: René Ruis