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06. April 2015

Auf Visionssuche in der Natur

Was lange bloss Menschen mit einem Hang zur Esoterik ansprach, ist jetzt auch für Unternehmer und Führungskräfte in der Sinnkrise interessant.

Unternehmensberater Patrick Tobler bei seiner Visisionssuche
Das Ritual: Unternehmensberater Patrick Tobler liess seine Dämonen in Flammen aufgehen und fand den ersehnten inneren Frieden.

HSG-Absolvent Patrick Tobler (40) war ein Senkrechtstarter: Im Schnellzugstempo durch die Uni, mit 30 Jahren Mitglied der Geschäftsleitung eines international tätigen Logistikunternehmens, mit 35 selbständig als Unternehmensberater. Trotz des beruflichen Erfolgs war er unglücklich und stellte sich Sinnfragen: Was liegt mir wirklich am Herzen? Wie kann ich auf dieser Welt etwas bewirken? Was möchte ich meinen Kindern für ein Beispiel sein?

Zudem fühlte er sich emotional und körperlich ausgebrannt. Ein unerwartetes Auftragsloch und ein schmerzhafter Hexenschuss führten schliesslich dazu, dass Patrick Tobler fand, er brauche eine Auszeit. Seine Frau, die damals gerade mit dem zweiten Kind schwanger war, bestärkte ihn in seinem Entschluss. Der Unternehmensberater meldete sich für eine Visionssuche an. Im Rahmen dieses Seminar verbrachte er zwölf Tage in der Natur, vier davon ohne Begleitung und ohne Nahrung.

Trailer des Films «Hinter dem Horizont»

Die Visionssuche, auch unter dem englischen Begriff «Vision Quest» bekannt, wurde in den 70er-Jahren von den US-Amerikanern Meredith Little und Steven Forster entwickelt. Es handelt sich dabei um eine moderne Adaption eines indianischen Übergangsrituals. Es soll Orientierung im Leben bieten und den Übertritt in eine neue Lebensphase ermöglichen. Inzwischen gibt es auch in der Schweiz diverse Anbieter solcher Programme.

Den Zugang zur Gefühlswelt finden

«Meine Ausbildung und bisherige Karriere hat vor allem das analytische Denken geschult und dabei den Umgang mit Instinkten, Intuition und Emotionen total vernachlässigt», erklärt Patrick Tobler seine Motivation, sich für eine Visionssuche anzumelden. Es sei stets ein innerer Kampf gewesen, seine Ideale mit dem beruflichen Erfolg in der Leistungsgesellschaft zu vereinbaren – ein schmaler Grat, der ihm täglich viel abverlangte.

Für Kadermann Bernhard Brülhart (58), der in seinem Leben schon so manche Metamorphose allein bewältigte – vom Feinmechaniker zum Schweizer Gardisten und Kantonspolizisten bis zum Teamleiter bei der Suva –, war es 2007 so weit. «Ich war damals 53 Jahre alt und fragte mich: Was machst du noch mit deiner Zeit? Es kann doch nicht sein, dass ich mein Leben einfach nur noch abarbeite.» Er meldete sich zu einem Wüstentrekking. Im Ausschreibungstext stand: «Hier finden Sie Ihre innere Ruhe. Hier können Sie nachdenken. Über Ihr Leben, Ihren Beruf und Ihre persönliche Entwicklung.»

Kadermann Bernhard Brülhart suchte die Nähe zur Natur und fand eine neue Einstellung zu Leben und Tod.
Kadermann Bernhard Brülhart suchte die Nähe zur Natur und fand eine neue Einstellung zu Leben und Tod.

Alexa Widmer (19) entschloss sich vor vier Jahren zu einer Visionssuche. Sie war damals 15 Jahre alt, Gymnasiastin mit guten Noten, aber ohne Freude am Leben. Sie nahm an einem Programm teil, das speziell auf Jugendliche ausgerichtet war.

Symbolisch Abschied nehmen

Die meisten der in der Schweiz buchbaren Angebote laufen nach demselben Muster ab: Man reist in die Berge, wo es eine mehrtägige Aufwärmphase in der Gruppe gibt, bei der unter anderem auch Basisinformationen zum Überleben in der Natur vermittelt und Rituale zum Loslassen durchgeführt werden. Etwa indem man Dinge, die für das eigene Leben stehen, aufschreibt und die Papierschnipsel im Feuer verbrennt. «Symbolisch nimmt man Abschied vom alten Leben. Damit etwas Neues entstehen kann und man sich weiterentwickelt», erklärt Bernhard Brülhart. Bei Alexa Widmer ging es in dieser Phase vor allem darum, negative Gefühle hinter sich zu lassen: «In der Primarschule wurde ich ausgegrenzt. Und dann war da noch eine Enttäuschung mit dem Ex-Freund. Ich wollte das alles nicht mehr mit mir rumschleppen.»

In der zweiten Phase suchen sich die Teilnehmer einen Platz, an dem sie vier Tage und Nächte allein und ohne Essen ausharren werden. Das Sicherheitsdispositiv: Ein Kreis aus Steinen, den jeweils zwei Teilnehmer zwischen ihre mehrere Kilomenter auseinanderliegenden Camps legen, wobei immer einer abends und einer morgens einen Stein bewegt – als Zeichen, dass alles in Ordnung ist.

Alexa Widmer platziert einen Stein um, als Zeichen, dass es ihr gut geht.
Alexa Widmer platziert einen Stein um, als Zeichen, dass es ihr gut geht.

Den drei Protagonisten gemeinsam ist, dass sie schon immer eine grosse Nähe zur Natur verspürt und Kraft aus ihr geschöpft haben, bisher vor allem beim Sport. Auch ihre Motivation lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Die Frage: Wie weiter im Leben? Was sie dann aber während der vier Tage in Einsamkeit erleben und was sie davon mitnehmen, ist ganz unterschiedlich.

Ängste und Verletzungen kommen hoch

Patrick Tobler schlug sein Lager auf einer Sandbank an einem Wasserlauf auf. Ein idyllisches Plätzchen, das ihm gefiel, wäre da nicht dieser grosse Tierschädel gewesen. In der Nacht hörte er unheimliche Geräusche: «Das Ganze war recht spooky.» Wahrscheinlich, weil durch das Fasten auch dem Verstand Nahrung entzogen worden sei. So hätten die Emotionen mehr Raum erhalten – darunter auch tiefer liegende Ängste und Verletzungen aus der Kindheit. Am dritten Tag verbrannte Patrick Tobler den Schädel aus einem Impuls heraus, gemeinsam mit seinen Dämonen und zog symbolisch in die Mitte des Platzes, die er zuvor wegen des Kadavers gemieden hatte. Er nahm dessen Platz ein.

Den Teilnehmern war empfohlen worden, die vierte und letzte einsame Nacht wach und sitzend zu verbringen. Unternehmer Tobler befolgte den Rat, kämpfte erst mit Wut gegen den Schlaf – «Was mache ich hier überhaupt?» – und staunte, wie plötzlich positive Sätze aus seinem tiefsten Innern aufstiegen: «Ich vertraue dem Universum», «Ich habe Geduld», «Ich geniesse das Leben» und «Ich bin stolz auf mich». Die Urkraft dieser laut gesprochenen Sätze hätten den ersehnten inneren Frieden gebracht, und von dieser Kraft zehre er noch heute.

Von der Visionssuche zur Geschäftsidee

Auch reiste Patrick Tobler mit einer neuen Geschäftsidee nach Hause. Heute hilft er Studenten und Unternehmen beim Finden und Umsetzen ihrer Visionen: «Fast in jedem Businessplan findet sich eine Vision, leider sind das meist leere Worthülsen ohne jegliche Wirkung. Warum? Weil es emotionsloses Managementblabla ist, das den Menschen nicht berührt.» Auch für sich selbst hat er eine Vision gefunden: «Ich bin der Schöpfer einer neuen Welt», einer Wirtschaftswelt, in der sich echte Sehnsüchte und Träume in brillant geführte und erfolgreiche Unternehmen verwandeln, in denen passionierte Menschen mit funkelnden Augen arbeiten. Sein Ansatz kommt an, sagt er, heute könne er sich nicht über fehlende Arbeit beklagen.

Bernhard Brülhart meinte, das Wasser wolle zu ihm sprechen.
Bernhard Brülhart meinte, das Wasser wolle zu ihm sprechen.

Teamleiter Bernhard Brülhart, der zuvor schon in der Wüste geschnuppert hatte, stieg während seiner Visionssuche im Misox GR mit einem Gewitter in die Fastentage. «Ich sass auf dem Boden unter meinem Zeltdach und spürte förmlich,wie die Erde bebte.» Er habe sich der Natur sehr nahe gefühlt und sei später vielen Tieren begegnet, die ihn oft nicht wahrgenommen oder keine Scheu gezeigt hätten. Am dritten Tag stieg Bernhard Brülhart auf eine Alp hoch. Hörte Kuhglocken und roch Milch, obwohl dort keine Kühe waren. Auch meinte er, das Wasser wolle zu ihm sprechen. Allerdings verstand er nicht, was es ihm sagen wollte.

Überall Tod und Verderben

Überall begegneten ihm Zeichen des Verfalls und der Wiedergeburt: Tierskelette und daneben blühende Krokusse. Daraus entnahm er die Botschaft: «Du musst dich mit Tod und Sterben auseinandersetzen.»

Nach dem Seminar absolvierte er bei der Caritas einen Grundkurs als Sterbebegleiter und besucht heute als Freiwilliger in seiner Freizeit schwerkranke und sterbende Menschen. «Diese Menschen erzählen mir oft ihre Lebensgeschichte. Das ist ein riesiges Geschenk.» Zudem setze er sich durch diese Begegnungen letztlich auch bewusst mit der eigenen Vergänglichkeit auseinander, und dabei würden viele Alltagsprobleme einfach verblassen.
In den vergangenen zwei Jahren verstarben sowohl Brülharts Mutter wie auch sein Schwiegervater. Die Todesfälle in der Familie warfen ihn nicht aus der Bahn.

Den eigenen Weg gefunden

Gymnasiastin Alexa Widmer langweilte sich während ihrer Fastentage grässlich. Zudem hatte sie Pech mit dem Wetter: Es regnete praktisch ununterbrochen, und einmal fielen sogar Schneeflocken, und das im Juli. Am zweiten Tag erwachte sie gerädert und mutlos. Nach langem Hin und Her beschloss sie schliesslich, ins Basislager zurückzukehren.

Dort sprach sie eine Weile mit der Leiterin. Diese fragte sie unter anderem, unter welchen Bedingungen sich Alexa vorstellen könnte weiterzumachen. Die beiden vereinbarten, dass Alexa an ihren Visionsplatz zurückgehen, aber am folgenden Tag Besuch von der Seminarleiterin erhalten würde. «Diese Abmachung gab mir Halt und dem kommenden Tag eine Struktur.» Gleichzeitig sei ihr bewusst gewesen, dass sie mit ihrer Rückkehr ins Camp die Regel gebrochen hatte. Aber das Ausscheren aus den Erwartungen habe sich richtig und gut angefühlt.

Zurück aus den Bergen entschied sich Alexa Widmer, die Kantonsschule abzubrechen: «Meine Eltern haben mich nie gedrängt, aber das Gymi war in meinem Umfeld halt das, was man normalerweise macht.» Die Visionssuche habe ihr gezeigt, dass man den Erwartungen nicht immer entsprechen müsse, sondern lieber seinen eigenen Weg sucht. Nach dem Seminar machte sie sich auf die Suche. Die ungewisse Zukunft belastete sie wider Erwarten nicht. Ein halbes Jahr später begann sie eine Lehre als Automatikerin, lernte bei der Arbeit ihren Freund kennen und fühlt sich heute ausgeglichen und glücklich.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Anne Gabriel-Jürgens