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04. November 2013

Virtuelles in der Realität

Facebook verbindet Menschen, Generationen, Länder, Kontinente. Wie verändern sich Freundschaften und soziales Verhalten – wird die Welt zum globalen Dorf?

Die Welt rückt dank Facebook immer näher zusammen, wird aber nicht zum globalen Dorf
Die Welt rückt dank Facebook immer näher zusammen, wird aber nicht zum globalen Dorf (Bild: iStock Photo).

Das Smartphone vibriert, vom Bildschirm leuchtet ein roter Hinweis. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht: Jemand will mit mir befreundet sein. Schnell surfe ich zu facebook.com und öffne nervös die Freundschaftsanfragen. Es ist ein alter Schulkollege. Was der wohl heute macht? Natürlich bestätige ich und formuliere sofort eine Nachricht, während die Augen schon wieder weiterziehen und die neusten Fotos studieren, die Minute für Minute wie aus dem Nichts in meiner Timeline auftauchen.

Facebook heisst Tempo: Nach wenigen Sekunden ist das Interesse an einem Beitrag weg. Facebook heisst Aufmerksamkeit: Jeder will gesehen, gehört, wahrgenommen werden. Facebook heisst Oberflächlichkeit: Als Belohnung für eine erfreuliche Nachricht gibts manchmal ein «Gefällt mir», wenns hochkommt einen «Ich-freue-mich-für-dich-Kommentar». Mehr als virtuelles Schulterklopfen ist das allerdings nicht. Und trotzdem freuen sich viele aktive Facebook-Nutzer über jedes kleine Stückchen Anerkennung.

Mittlerweile ist die Antwort des ehemaligen Schulkollegen eingetroffen. Ich möchte zwar antworten, komme aber nicht dazu. Meine Online-Freunde empfehlen mir zahlreiche Zeitungsartikel, posten lustige Videos und fordern mich auf, an einer angeblich ganz wichtigen Umfrage teilzunehmen. Das interessiert mich plötzlich mehr als sein Werdegang. Facebook ist voll von Informationen, vielleicht zu voll. Täglich loggen sich 665 Millionen Menschen in das soziale Netzwerk ein. Das sind doppelt so viele, wie in den Vereinigten Staaten leben.

Die schiere Flut an Klickenswertem ist so gross, dass ich manche Freunde enttäuschen muss. Es ist nicht persönlich gemeint, wenns von mir weder ein «Gefällt mir» noch einen Kommentar gibt. Wollten Nutzer alles lesen, hören und beantworten, sie würden sich schnell gestresst fühlen. Das muss nicht sein. Facebook soll im Privaten vor allem eines: Spass machen. Es ist dazu da, Dinge zu entdecken, auf die man sonst nie gestossen wäre, und Dinge zu teilen, die möglichst viele Freunde sehen sollen. Witzige, informative, berührende Texte, Bilder oder Videos.

Erst in zweiter Linie dient Facebook der Kontaktpflege. Zwar wurde das Netzwerk anfangs dazu benutzt, aber diese Art der Kommunikation hat sich mehrheitlich auf andere Kanäle verschoben. WhatsApp zum Beispiel. Zwar vernetzt Facebook insgesamt 1,1 Milliarden Menschen, aber kaum ein Schweizer Nutzer sucht bewussten Kontakt nach Kuba, Montenegro oder Swasiland. Deshalb ist das globale Dorf eigentlich blosse Theorie. Die meisten Nutzer schliessen sich nur mit Kollegen und Bekannten vom Arbeitsplatz oder von der Schule und vor allem mit Freunden aus dem Umfeld ihrer Freizeitbeschäftigung zusammen. Kontakt ins Ausland kommt nur zustande, wenn ein Freund dort arbeitet, studiert oder etwa auf Weltreise geht.

Anders verhält es sich natürlich bei der Partnersuche im Web. Dort geht’s explizit darum, Kontakt zu Unbekannten zu suchen – je nach Vorlieben sogar im Ausland. Die Welt wird ebenfalls zum globalen Dorf, wenn sich jemand dank dem Internet in Europa nicht erhältliche Kleider oder Filme bestellt und eine aussergewöhnliche Übernachtungsmöglichkeit in Guatemala sucht. Für all dies ist Facebook jedoch die falsche Plattform. Dort knüpfen die meisten bloss lose Kontakte. Ich selbst pflege echte Freundschaften lieber ausserhalb des sozialen Netzwerks. Doch das spricht überhaupt nicht gegen Facebook. Im Gegenteil: Es lässt sich wunderbar als Adressbuch nutzen, das sich nicht nur selbst aktualisiert, sondern darüber hinaus völlig kostenlos den neusten Klatsch und Tratsch, grafisch hübsch angereichert, mitliefert.

Wenn Facebook also an unseren Freundschaften nicht viel verändert, welchen Einfluss hat es dann auf unsere Gesellschaft? Einen entscheidenden! Wenn wir in einer Bar, im Fussballverein oder im Aerobic-Kurs jemanden kennenlernen, lautet die erste Frage nicht mehr «Was arbeitest du?», sondern «Hast du Facebook?», und schwupp, steht der zumindest virtuellen Freundschaft nichts mehr im Weg. Diese wird wie erwähnt nicht unbedingt zur Kontaktpflege genutzt, sondern zum Kennenlernen. Denn keine Minute nach der Verabschiedung durchforsten wir das neu zugängliche Profil, nehmen Fotos und alte Statusmeldungen unter die Lupe und versuchen uns ein Bild des Menschen zu machen. Ist er oder sie überhaupt Single? Stimmt seine oder ihre politische Meinung mit meiner überein? Gibts gemeinsame Interessen, und welches sind die Lieblingsrestaurants?

Ein grosser Vorteil. So erledigen sich Standardfragen und -floskeln, wenn sich die beiden zum zweiten Mal sehen, weil sie bereits das Wichtigste voneinander wissen. Mein Smartphone vibriert, vom Bildschirm leuchtet ein roter Hinweis. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Im Posteingang liegt eine Nachricht von der Barbekanntschaft von letzter Woche. Ich muss weg.

Autor: Reto Vogt