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06. Februar 2017

Virenzentrale

Im Wartsaal
Im Wartsaal: Hohes Ansteckungsrisiko beim Arztbesuch mit Kindern. (Bild: Getty Images)

Manche Dinge wollen mir einfach nicht in den Kopf. Zum Beispiel das hier: Warum haben Kinderärzte Wartezimmer? Verdammt noch mal, das ergibt doch keinen Sinn. Ein gemeinsamer Aufenthaltsraum für kranke Patienten ist ungefähr so schlau wie ein Kuchenbuffet beim Weight-Watchers-Treffen.

Jaaahaaaa, Sie und ich, wir sind erwachsen. Wir waren an den Vorlesungen «Mikrobiologie» und «Infektiologie». Wir wissen, dass sich im Wartebereich sämtliche Krankheitserreger zum Stelldichein treffen. Alles, was wir bis anhin nur aus dem «grossen Buch der Kinderkrankheiten» oder von Youtube kannten, gibt es zwischen Stahlrohrstühlen und Elternbroschüren live und in Farbe zu sehen: lustige Ausschläge, farbige Auswürfe und mit etwas Glück sogar winzige Tierchen. Doch, doch, das ist total cool. Vorausgesetzt, man steckt in einem dieser gelben Schutzanzüge, wie ihn Dustin Hofmann in «Outbreak» trägt. (Wie blöd, dass nur die Wenigsten von uns so ein Teil im Kleiderschrank haben.)
Die Wahrheit ist: Wer sein Kind zum Kinderarzt bringt, der begibt sich in die Höhle der Viren und Bakterien.

Ich habe im Lauf der Jahre Strategien entwickelt. Die zerfledderten Heftli im Wartezimmer gucke ich meist nur von aussen an. Und wenn ich eines unbedingt durchblättern muss, weil ein halbnackter Mann auf dem Cover ist, dann wirklich nur mit spitzen Fingern. Und um Gottes willen anschliessend nicht in der Nase bohren. Ich vermeide ausserdem jeglichen Kontakt mit der Stuhllehne, dem Türgriff und vor allem zu den Mitpatienten. Immer schön in die Runde lächeln und nach Möglichkeit kaum einatmen. Das hilft auch … glaube ich zumindest.

Meine Kinder gehen hingegen anders an die Dinge, besser gesagt an die Keime heran. Während ich die Fremden und ihre Körperausscheidungen zwanghaft im Auge behalte, starten Ida und Eva sofort eine Art Konfrontationstherapie. Jedes, aber auch wirklich jedes verdammte Spielzeug in dem winzigen Raum wird betatscht, beschnuppert – und bei Gefallen auch mal abgeschleckt. Die zerfilzte Barbie braucht ein Küsschen, der muffelige Bär will gedrückt werden. (Kleines Nebengleis: Warum sammeln Kinderärzte Bilderbücher aus den 1980er-Jahren? Und wieso entsorgt niemand verlauste Plüschaffen, denen die Gedärme aus dem Bauch hängen?)

Wenn Ida und Eva gerade nicht sämtlichen Oberflächen entlangrutschen oder Virenwolken inhalieren, dann schliessen sie garantiert Freundschaft mit dem einen Kind im Raum, dem grüne Seile aus den Nasenlöchern baumeln. Einmal, es ist schon einige Jahre her, unterhielt sich die Grosse angeregt mit einem fremden Mädchen. Das Gespräch wurde nur kurz unterbrochen, als das fremde Kind sich wiederholt in einen von seiner praktisch veranlagten Mutter mitgebrachten Plastiksack erbrach. Dann ging die Konversation weiter. Als die Magen-Darm-Patientin vor uns aufgerufen wurde (halleluja!), war meine Tochter eingeschnappt: «Warum muss die Ärztin immer dann kommen, wenn es am schönsten ist?»

Autor: Bettina Leinenbach