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15. April 2013

Viereckige Augen

Kinder vor dem Fernseher
Zu langes Fernsehen führt zum Mogli-Effekt (Bild: Getty Images).

Kennen Sie die Disney-Version von «Das Dschungelbuch»? Falls ja, dann erinnern Sie sich vermutlich an die Szene, in welcher der kleine Mogli von der Python Kaa hypnotisiert wird. Am Schluss der Einstellung drehen sich Moglis Augäpfel in Endlosspiralen.

Wenn meine Töchter vor dem Fernseher sitzen, gucken sie exakt so. Sobald es auf der Mattscheibe flimmert, blenden die beiden die Welt um sich herum aus und fallen in einen Trancezustand. Am besten klappt das mit Super RTL. Kika funktioniert ebenfalls sehr zuverlässig. Zur Not tut es auch der Wetterbericht oder eine Live-Schaltung ins Bundeshaus – Idas und Evas Ansprüche in Sachen Programmgestaltung sind nicht besonders hoch. Der Mogli-Effekt kann jederzeit und quasi überall eintreten. Zum Beispiel beim Kinderzahni. Dort öffnete meine Vierjährige ihren Mund so weit, dass es in ihrem Kiefergelenk knackte. Anfangs kapierte ich überhaupt nicht, wieso das Kind so viel Freude auf dem Behandlungsstuhl hatte. Bis ich merkte, dass an der Decke ein Fernsehgerät hing. Es lief gerade «Cars». Und Eva? Die wollte neulich nicht mehr aus dem Mediamarkt heraus. Sie warf sich in der TV-Abteilung auf den Boden und strampelte mit ihren Beinchen. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass sie weiterhin das Interview mit Angela Merkel verfolgen wollte. Und zwar auf 30 Geräten gleichzeitig.

Apropos Mediamarkt – da ich nicht blöd bin, nutze ich den Mogli-Effekt zuweilen für meine Zwecke. Ich habe Ida beispielsweise jahrelang beim Glotzen die Haare geschnitten. Und Evas Fussnägel können auch heute noch nur abgeclipst werden, wenn der «Kleine rote Traktor» durchs Bild fährt.

Eigentlich könnte die Kolumne hier zu Ende sein. Doch wir wissen alle (zumindest theoretisch), dass übermässiger Fernsehkonsum schlecht für die Kleinen ist. Mir klingen immer noch die vor über 30 Jahren gesprochenen Worte meiner Mutter im Ohr: Vom Fernsehgucken bekommt man viereckige Augen! Ui, das wäre im Fall gar nicht lustig, oder? Deswegen dosieren mein Mann und ich die Kindersendungen so, als würde es sich um Medikamente handeln. Unsere beiden dürfen maximal eine halbe Stunde pro Tag in Trance fallen. Und zwar nur mit freundlicher Unterstützung des pädagogisch wertvollen Kika. Super RTL ist in unserem Haushalt mittlerweile tabu. Warum? Weil wir erkennen mussten, dass bereits zehn Minuten mit dem Zappel-sender Nebenwirkungen wie Augenzucken und Wortbildungsstörungen hervorrufen. Ausserdem glauben wir Bildungsbürger, dass die Kika-Zuschauer von heute die Arte-Nutzer von morgen sind. Und die Super-RTL-Gucker? Die landen in ein paar Jahren selbstverständlich bei «Germany’s next Topmodel», «Extrem schön» oder dem «Bachelor». Da sind wir uns sicher. (Obwohl ich genau diese Sendungen eigentlich mag. Aber lassen wird das …)

Autor: Bettina Leinenbach