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12. September 2016

Die vielfältigen Gesichter der Schweiz

Menschen aus fast allen Ecken und Enden der Welt leben in unserem Land. Das neue Buch «Switzers» stellt aus jeder der 193 Nationen eine Person vor und lässt sie ihre Eindrücke oder ihr Leben schildern. Wir zeigen einige von ihnen.

Sinclair
Sinclair, Zentralafrikanische Republik: «Schweizer zu sein, das hat weder mit der Hautfarbe noch mit der Herkunft zu tun: Es ist ein Geisteszustand.» (Alle Bilder aus «Switzers»)

Die Schweiz ist so vielfältig und bunt wie ihre Bevölkerung. Von den rund acht Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern stammen zwei Millionen aus dem Ausland. Tatsächlich findet sich aus fast jedem Land der Welt ­jemand in der Schweiz . Und wenn es nur eine einzige Person ist – wie aus Vanuatu oder Kiribati.

Eine Ausstellung in Zürich zeigte 2015 anlässlich des Sommerfestivals «Aufsehen!» ein Porträt aus jeder Nation: 193 Fotos. Daraus ist nun das Buch «Switzers» entstanden. Hier sind alle Bilder versammelt, ergänzt mit persönlichen Informationen der Porträtierten. Das Buch erscheint dreisprachig.

Reiner Roduner, Inhaber der Absolutturnus Film AG, hat das Projekt initiiert und die Fotos in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Roland Schmid auch selbst gemacht. Drei Jahre lang haben sie mit ihrem Team gearbeitet, Protagonisten gesucht und diese bei 14 Fotoshootings in Zürich, Genf und Lausanne in Szene gesetzt.

«Die Migrantinnen und Migranten bereichern unser Land mit ihrem Wissen und ihrer Kultur», sagt Reiner Roduner, «sie machen einen wichtigen Teil der Schweizer Identität aus.» Mit dem Buch will er ein Zeichen setzen für Menschlichkeit und gegenseitige Achtung.

«Switzers: Die 193 Nationen der Schweiz» , Reiner Roduner (Herausgeber), AS Verlag 2016

Das traditionelle Gewand aus seiner Heimat trägt 
Mazin Attar sonst nur an Hochzeiten.
Das traditionelle Gewand aus seiner Heimat trägt 
Mazin Attar sonst nur an Hochzeiten.

Mazin, Saudi Arabien

Schon als Kind in Saudi Arabien liebte Mazin Attar Schokolade. So sehr, dass seine Mutter einmal zu ihm sagte: «Du solltest in die Schweiz ziehen, wenn du gross bist.» Genau das hat er vor zwei Jahren getan. Eigentlich, um ein freieres Leben führen zu können – wobei die Schokolade natürlich ein will­kommener Nebeneffekt ist. «Mein Favorit ist Lindt, aber ich löffle auch gern Nutella direkt aus dem Glas.»

Der 35-jährige IT-Spezialist, der im Departement Erdwissenschaften an der ETH Zürich arbeitet, ist einer von 687 Menschen aus Saudi Arabien, die in der Schweiz leben. Und er vertritt seine Nation im «Switzers»-Buch, das je eine Person aus den 193 Ländern der Welt zeigt, die in der Schweiz präsent sind. «Ich habe den Aufruf zu diesem Projekt auf einer Expat-Website gesehen, und da ich damals noch keinen Job hatte, dachte ich mir: Warum nicht? Vielleicht hilft das bei der Jobsuche», erzählt Attar. Es sei eine rundum positive Erfahrung gewesen, aber den Job fand er dann am Ende ganz unabhängig davon.

Mazin Attar stammt aus einer wohlhabenden Familie in Saudi Arabien. «Ich war immer ein bisschen das schwarze Schaf, weil ich dauernd die vielen Regeln und Verbote infrage stellte, die in unserem Land herrschen.» Schon als Teenager beschäftigte er sich mit dem Gedanken, eines Tages auszuwandern, inspiriert nicht zuletzt durch Walt Disney. «Ich bin mit Disney-Animationsfilmen aufgewachsen und kann noch heute sämtliche Songs auswendig», sagt er und lacht.

Zunächst jedoch studierte der junge Mann in Alexandria (Ägypten), wo er viele Leute aus westlichen Ländern kennenlernte. Nach der Rückkehr fand er einen IT-Job an der renommierten König-Abdullah-Universität nördlich von Dschidda und zog auf den Campus. «Dort herrschen etwas mehr Freiheiten als sonst in der saudischen Gesellschaft: Frauen dürfen Velo und Auto fahren, es gibt sogar Kinos», erzählt er. Und dort lernte Attar auch einen Holländer aus der Schweiz kennen, der ihn schliesslich davon überzeugte, hier ein besseres Leben führen zu können. Mit ihm teilt er sich heute eine Wohnung in Zürich.

Das grosse Ziel: ein Schweizer Leben
«Für mich ist die Schweiz noch immer ein bisschen wie ein Märchen: die schöne Natur, die historischen Gebäude, das angenehme Klima», schwärmt der Saudi. Hingegen sei es nicht leicht, Freundschaften mit Schweizern aufzubauen. «Sie sind zu Beginn immer sehr zurückhaltend, aber das ist in meiner Heimat gar nicht so anders.»

Mazin Attar beschloss früh, sich so gut wie möglich zu integrieren, begann Deutsch zu büffeln und schweizerisch zu kochen – «ich liebe Züri Gschnätzlets». Und er hofft, dass er so lange wie möglich in der Schweiz bleiben kann. «Ich geniesse die Lebensqualität und die Freiheiten hier.» Es schmerzt ihn, wenn Menschen in seiner Heimat bestraft werden, nur weil sie anders denken oder glauben. Wie etwa jener Saudi, der sich öffentlich als Atheist geoutet hatte und deswegen zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Doch obwohl er sich mit einigem in Saudi-Arabien schwertut, erwischt er sich immer wieder dabei, das Land gegenüber allzu kritischen Stimmen in der Schweiz zu verteidigen. «Es gibt einiges Schlechtes, aber auch einiges Gutes», sagt er. Zudem glaubt er an die zaghaften Reformen, die die Regierung in den letzten Jahren eingeleitet hat. Attar hofft, dass die Menschen in seiner Heimat lernen werden, Differenzen zu akzeptieren, ja vielleicht sogar zu schätzen. «Die Schweiz zeigt schön, wie man mit Unterschieden sehr gut leben kann.» 

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Lea Meienberg