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20. Februar 2012

Viele wettern dagegen und impfen trotzdem

In der Schweiz gibt es viele Impfgegner. Schaut man genau hin, ist der Widerstand jedoch oft mehr Lippenbekenntnis denn gelebte Realität. Das belegen Zahlen des Bundesamts für Gesundheit und die repräsentative Umfrage eines Pharmakonzerns.

Ein Baby wird geimpft.
Über 80 Prozent der Schweizer Kinder sind gegen die häufigsten Krankheiten geimpft. (Bild: Bab.ch)

Diphtherie, Tetanus & Co.: Welche Impfungen das BAG empfiehlt.

Achtung, jetzt piekst es kurz.» Mit diesen Worten versucht jeweils die Praxisassistentin Kinder auf dem Impftisch zu beruhigen. Denn Kinder werden in der Schweiz routinemässig gegen alle möglichen Krankheiten geimpft — kaum auf der Welt, bekommen sie bereits die ersten Impfungen verpasst. Von Masern, Röteln über Mumps, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten oder dem vor allem für Kleinkinder gefährlichen Haemophilus influenzae Typ b (Hib) sind Kinder heute gegen die Mehrheit der früher üblichen Kinderkrankheiten immun.

Das bestätigen Umfragen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Zwischen 80 und 95 Prozent aller Kinder sind demnach gegen die häufigsten Erkrankungen geimpft. Das nicht zur Freude aller: Wie eine repräsentative Umfrage des Pharmakonzerns Pfizer zeigt, sind mehr als 56 Prozent der befragten Schweizer im Alter von 18 bis 45 dem Impfen gegenüber eher kritisch eingestellt — zumindest solange sie keine eigenen Kinder haben oder in der Deutschschweiz wohnen. Personen mit Kindern, solche, die älter sind als 50 Jahre, oder auch Westschweizer sind bedeutend weniger skeptisch gegenüber den Anweisungen des Arztes.

Heute hinterfragen wir das Impfen viel mehr als früher.

Eine Diskrepanz, die den Infektiologen Christoph Berger (49) vom Kinderspital Zürich nicht sonderlich überrascht. «Heute hinterfragen wir das Impfen viel mehr als früher, da wir auch dank der langjährigen Impfstrategie die Krankheit kaum mehr sehen. So stellt sich der Konsument die Frage, wieso er sich gegen etwas impfen soll, das es fast nicht mehr gibt?» Eine Beobachtung, die der Solothurner Hausarzt Reiner Bernath (66), Mitglied des Zentralvorstands der schweizerischen Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz, so nicht macht: «Die jungen Eltern sind wieder häufiger bereit, ohne lange Diskussionen ihre Kinder nach dem offiziellen BAG-Plan impfen zu lassen — zum Teil gegen den Willen der Grosseltern», betont er.

Und Hausarzt Bernath weiss, warum er Impfungen empfiehlt: «Ich habe lange in Afrika gearbeitet, wo Menschen noch an Masern sterben, und kann Gegner dieser Impfung nicht verstehen.» Eine Einstellung, die Christoph Berger vom Zürcher Kinderspital teilt. «Ich sehe hier im Kinderspital genau diese Kinder, die man hätte schützen können», so der Infektiologe. «Ich sehe Kinder mit einer Blutvergiftung, denen man Gliedmassen amputieren musste, weil sie nicht gegen Meningokokken geimpft waren.» Klar sei das Risiko, dass es einen trifft, ganz klein. «Aber wen es trifft, für den ist es sehr hart.»

Kleinkinder durchleben jedes Jahr fünf bis zehn Infekte

Dennoch stimmen längst nicht alle Ärzte in den Impfjubelchor ein. So empfiehlt zum Beispiel der Berner Hausarzt Viktor Jenni beim Impfen ein differenziertes Vorgehen. «Grundlage sind Überlegungen zu Fragen wie, welche Impfungen sind bei wem zu welchem Zeitpunkt sinnvoll oder welche Impfungen sollen wie oft und zu welchem Zeitpunkt aufgefrischt werden?» So sei zum Beispiel das Risiko, an Hib zu erkranken, sehr gering, wenn das Kind nicht bereits ab dem zweiten oder dritten Lebensmonat in Krippen fremdbetreut werde. «Mit der Impfung kann deshalb in diesen Fällen zugewartet werden», sagt er.

Pro Arztbesuch sind höchstens zwei Piekser zumutbar.

Viktor Jenni erachtet es bei gewissen Krankheiten auch als besser, diese zu durchleben. «Jede durchgemachte Infektionskrankheit hinterlässt eine deutlich bessere Immunität als eine Impfung.» Der gleichen Ansicht ist auch eine Mehrheit in der Pfizer-Studie. Immerhin 68 Prozent der Befragten ohne eigene Kinder vertreten diese Meinung. Bei Eltern sind es noch 47 Prozent. Im Schnitt sind nur gerade 35 Prozent der Meinung, dass man Kinderkrankheiten durch Impfungen verhindern soll. Was jedoch eine Kinderkrankheit ist, ist offenbar nicht allen klar: So bezeichnen fast sechs Prozent der Befragten Krebs als Kinderkrankheit.

Aber stärkt denn nun eine durchgemachte Kinderkrankheit das Immunsystem? «Das ist nicht bewiesen. Bewiesen sind aber die schwerwiegenden Folgen von zum Beispiel Masernkomplikationen», sagt der Solothurner Hausarzt Reiner Bernath. Und immerhin durchlebt jedes Kind in den ersten Jahren seines Lebens jährlich zwischen fünf und zehn Infekte durch Viren und Bakterien aller Art. «Das stärkt ihr Immunsystem mehr als genug», erklärt Christoph Berger. «Aber mit Impfungen können wir schwere Krankheiten verhindern, die unter Umständen Auswirkungen auf den Rest des Lebens haben.» Und dazu zählen eben die klassischen Kinderkrankheiten wie Masern, Röteln oder Mumps.

Autor: Thomas Vogel