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08. Juni 2015

Viele Schweizer zählen nachts Schäfchen

Ein tiefer, langer und erholsamer Schlaf ist für die wenigsten selbstverständlich. 
Viele Schweizer leiden an Schlafstörungen. Neue Zahlen zeigen, dass rund acht Prozent der Bevölkerung regelmässig zu Beruhigungs- und Schlafmitteln greifen.

Viele Schweizer haben Schlafprobleme
Viele Schweizer haben Schlafprobleme

Schlafprobleme sind weit verbreitet. Nur gerade 5 Prozent der Schweizer Bevölkerung schlafen problemlos ein und wachen auch nicht mehrmals in der Nacht oder vorzeitig auf, wie eine vom Bundesamt für Statistik kürzlich publizierte Gesundheitsbefragung ergeben hat.
Schlafstörungen nehmen im Alter zu. So sind Personen ab 85 Jahren fast doppelt so häufig davon betroffen wie die 15- bis 24-Jährigen. Die 55- bis 64-Jährigen schlafen am schlechtesten. Leute in städtischen Gebieten schlafen weniger gut als jene, die auf dem Land wohnen.

Rund 8 Prozent der Bevölkerung mit Schlafstörungen nimmt Beruhigungs- oder Schlafmittel ein, um besser ausruhen zu können. Bei den Frauen sind es 10, bei den Männern 6 Prozent.
Schlafstörungen können das allgemeine Befinden negativ beeinflussen. 7 Prozent der Personen mit ausgeprägten Schlafstörungen gaben an, Mühe zu haben, sich beim Zeitunglesen oder beim Fernsehen zu konzentrieren. Viele haben Rücken-, Nacken-, Schulter- oder Kopfschmerzen.

Christian Cajochen (51) ist Verhaltensbiologe und Schlafexperte an der Uni Basel.

Schlafstörungen können das Burn-out-Risiko erhöhen und sich negativ auf die Situation am Arbeitsplatz auswirken. 17 Prozent der Personen mit Schlafproblemen können an mindestens einem Tag pro Monat nicht arbeiten. Bloss 59 Prozent sind mit ihrem Job sehr zufrieden.
«Mangelnder Schlaf wird zu wenig ernst genommen und ist – noch – kein grosses Gesundheitsthema», sagt Experte Christian Cajochen.

«Schlaf wird in unserer Gesellschaft oftmals mit Faulheit assoziert»

Christian Cajochen, ein Viertel der Schweizer leidet unter Schlafmangel oder schläft schlecht. Warum?

Die meisten Betroffenen können entweder nicht ein- oder nicht durchschlafen. Das ist oft auf die Psyche zurückzuführen. Gemäss Umfrage einer deutschen Krankenkasse sind Stress und psychische Belastung Schlafkiller Nummer 1. Zudem steigt der Anspruch, möglichst effizient zu schlafen: Licht aus und Licht an und dazwischen möglichst nicht wach werden, was der Natur des Schlafs widerspricht, denn Aufwachphasen während des Schlafs sind normal.

Was sind die Folgen von Schlafstörungen?

Sind sie chronisch, äussert sich das mit körperlichen und psychischen Symptomen bis hin zu schweren Depressionen. Wer zu wenig lang schläft, hat auch ein erhöhtes Herzinfarkt- und Diabetesrisiko. Mangelnder Schlaf wird zu wenig ernst genommen und ist ( noch) kein grosses Gesundheitsthema, obwohl die Folgen von Schlafmangel jedes Jahr allein in der Schweiz Kosten von 1,5 Milliarden Franken verursachen.

Wie viel Schlaf wäre ideal?

Das ist schwierig zu beantworten, denn das Schlafbedürfnis ist individuell. In Laboruntersuchungen hat man aber gesehen, dass gesunde Probanden tagsüber am besten funktionieren, wenn sie die Möglichkeit hatten, etwa 8 Stunden zu schlafen. Sobald man sie nur noch 6 Stunden schlafen liess, nahm die Leistung während der folgenden Tage rapide ab – was die Leute subjektiv nicht unbedingt bemerkten. Aber objektiv war es in Reaktionszeittests deutlich messbar. Wer 10 Tage lang nur jeweils6 Stunden geschlafen hat, befindetsich in einem Zustand, als hätte er1 Promille Alkohol im Blut.

Wir schlafen in der Schweiz 40 Minuten weniger als vor 30 Jahren.

Diese Daten zeigen den Trend zu weniger Schlaf, der überall in modernen Gesellschaften feststellbar ist. Der Grund dürfte unsere vermehrte Erreichbarkeit sein. Um erreichbarzu sein, muss man wach bleiben,was den Schlaf verkürzt. Also ­müssen wir effizient schlafen in der uns gegebenen kürzeren Zeit.

Menschen in hohen Positionen bluffen oft damit, wie wenig Schlaf sie brauchen. Warum eigentlich?

Weil Schlaf in unserer Gesellschaft oftmals mit Faulheit assoziiert wird. Im asiatischen Raum gilt der Schlaf als Zeichen dafür, dass man hart gearbeitet hat. Ich schlage deshalb vor, mit viel Schlaf zu bluffen, wenn man hart arbeitet.

Eine Studie des GDI bezeichnet den Schlaf als Statussymbol und Luxus der Zukunft. Sehen Sie das auch so?

Schlaf als Statussymbol oder Luxus zu betrachten, tönt widersinnig in meinen Ohren und riecht nach Vermarktung. Schlaf ist Teil des Lebens, basta. Und den sollte man möglichst schätzen und locker und stressfrei geniessen.

Die Studie geht davon aus, dass Schlaf zunehmend öffentlich wird. Glauben Sie, dass wir eines Tages in Schlafkapseln powernappen?

Das ist eben die Vermarktung. Das Nickerchen kann man in Kapseln verkaufen. Ich habe nichts dagegen, aber ein gutes Sofa im Büro oder im Ruheraum wird in vielen Fällen auch reichen. Bevor der Schlaf in unseren Breitengraden öffentlich wird, müssten die Chefs in den Betrieben diese «neue» Schlafkultur vorleben. Aber wer legt sich als Chef vor seinen Mitarbeitern aufs Ohr über Mittag?

Welchen Stellenwert hat Schlaf für Sie persönlich? Wie schlafen Sie?

Ich befasse mich beruflich mit Schlaf und versuche, nicht über meinen Schlaf nachzudenken. Darum trage ich seit drei Jahren ein Gerät auf mir, das mir jeden Tag anzeigt, wie lang und wie gut ich geschlafen habe, damit ich nicht zum Zu-kurz-Schläfer werde.

Autor: Monica Müller