Archiv
26. Januar 2015

«Viele Rentner wollen reinen Tisch machen»

Unerwarteter Geldsegen im Kanton St. Gallen: 300 Millionen Franken Schwarzgeld wurde nachversteuert – ein Kantonsrekord. Finanzdirektor Martin Gehrer ist überrascht.

Steuererklärung im Gastronomiebetrieb
Nicht alle Steuererklärungen werden korrekt ausgefüllt. Ein Mal im Leben hat jeder Schweizer die Gelegenheit, das straflos zu korrigieren. (Bild Keystone)

Martin Gehrer, noch nie wurde in Ihrem Kanton so viel unterschlagenes Vermögen von Selbstanzeigern freiwillig nachversteuert wie 2014. Freuen Sie sich?

Ich bin vor allem überrascht, denn diese straflosen Selbstanzeigen sind seit 2010 möglich, und wir sind davon ausgegangen, dass es mit jedem Jahr weniger Geld wird, das nachdeklariert wird.

Warum deklarieren gerade jetzt so viele Steuersünder ihr Versäumnis?

Der St. Galler Finanzdirektor Martin Gehrer
Der St. Galler Finanzdirektor Martin Gehrer (57) staunt über die Flut von Selbstanzeigen. (Bild: Keystone)

Wer sind die reuigen Sünder?

Alle möglichen Leute, darunter auffallend viele Rentner. Sie machen etwa 60 Prozent der über 500 reuigen Steuersünder aus. Offenbar wollen viele aufs Alter hin reinen Tisch machen und die ruhigere Lebensphase mit gutem Gewissen geniessen.

Kommen die 300 Millionen von Ausländern oder von Schweizern?

Das weiss ich nicht. Aber mich hat erstaunt, dass etwa die Hälfte der Selbstanzeiger Ledige sind.

Was ist daran aussergewöhnlich?

Ich hätte gedacht, dass sich vorwiegend Ehepartner gegenseitig dazu motivieren, ihr Gewissen zu erleichtern.

Wie setzen sich die 300 Millionen zusammen? Gibt es einen Hauptsünder?

Es sind viele Beträge zwischen einer halben und einer Million darunter. Der grösste Brocken beträgt 30 Millionen. Und ein erheblicher Teil stammt von bislang unversteuerten Erbschaften.

Kann der Kanton St. Gallen nun die Steuern senken oder mehr Strassen bauen?

Nein. Die 300 Millionen generieren dem Kanton und den Gemeinden insgesamt 16 Millionen zusätzliche Steuergelder – etwa doppelt so viel wie erwartet. Damit kann man keine grossen Sprünge machen.

Wie viel unversteuertes Vermögen vermuten Sie noch bei den St. Gallern?

Für das Jahr 2015 haben wir nur knapp zehn Millionen Franken Einnahmen aus Selbstanzeigen budgetiert, etwa gleich viel wie für 2014.

Was passiert, wenn jemand die Selbstanzeige verpasst und der Steuerhinterziehung überführt wird?

Dann kommt es zu einem Strafverfahren, und eine Selbstanzeige ist ab sofort nicht mehr möglich. Zu den Nachsteuern kommt dann noch eine Strafsteuer. Es wird also viel teurer für den Steuersünder. Bei einer Selbstanzeige zahlt er nur die nicht erhobenen Steuern plus Zinsen.

Was macht der Kanton St. Gallen, um Schwarzgelder ausfindig zu machen?

Unser Steueramt bietet jedes Jahr eine Schulung in Sachen Steuern für Treuhänder und Anwälte an – sie ermuntern wohl ihre Klienten, ihre Gelder zu deklarieren. Diese Kurse sind gratis und offensichtlich eine gute Investition.

Autor: Yvette Hettinger