Archiv
27. Februar 2012

«Viele nabeln sich nie richtig vom Büro ab»

Eine Initiative, über die wir am 11. März abstimmen, fordert sechs Wochen Ferien für alle. Wichtiger wäre aber, in der Freizeit wirklich abzuschalten, sagt Arbeitspsychologin Gudela Grote.

Gudela Grote, wie viel Ferien haben Sie?

Seit ich 50 geworden bin, sechs Wochen.

Hätten Sie gerne mehr?

Eigentlich nicht, ich nutze noch nicht einmal die erlaubten Ferien ganz aus.

Nicht?

Ich habe den Luxus, dass ich mir meine Arbeitszeit sehr flexibel einteilen kann, aber gleichzeitig auch die Schwierigkeit, dass meine Arbeit nie aufhört. In der Ferienzeit der Kinder kann ich öfters einmal tags freinehmen und arbeite dann aber bis spät abends und auch am Wochenende.

Dennoch hätten die meisten vermutlich gerne mehr Ferien, als sie haben. Trotzdem scheint es gar nicht so klar, ob die Initiative für sechs Wochen Ferien angenommen wird. Wie lässt sich das erklären?

Die Schweizer Stimmbürger sind ziemlich vernünftige Menschen. Wenn man gut argumentiert, stimmen sie sogar gegen Steuersenkungen (lacht). In diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die meisten Unternehmen bei mehr Ferien nicht mehr Stellen schaffen, sondern die Angestellten in der verbleibenden Zeit einfach mehr arbeiten müssen. Die Belastung würde sich eher erhöhen.

Wie wichtig sind Ferien für die Jobzufriedenheit?

Weit wichtiger ist es, dass man Wertschätzung erhält sowie seine Kompetenzen nutzen und idealerweise auch weiterentwickeln kann.

Aber für eine hohe Leistungsfähigkeit sind Ferien doch entscheidend, oder?

Ja. Die Frage ist allerdings, wie weit die Ferien überhaupt zur Erholung genutzt werden. Oft werden sie, wie die Freizeit generell, mit Aktivitäten überfrachtet. Zentral ist auch, wie man mit der ewigen Erreichbarkeit umgeht: Viele belasten sich unnötig, weil sie nie abschalten, sich nie richtig vom Büro abnabeln. Andere trauen sich schlicht nicht, übers Wochenende nicht verfügbar zu sein. Wirksamer als mehr Ferien wäre, den Arbeitsalltag so zu gestalten, dass übermässige Ermüdung gar nicht erst entsteht, etwa wirklich Pausen zu machen.

Wie wichtig sind flexible Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit, work@home?

Das ist sehr, sehr wichtig und für viele auch ein grosses Bedürfnis. Da wäre sicher mehr möglich, als bisher angeboten wird. Die Kehrseite ist allerdings, dass dies es schwieriger macht, sich vom Job abzugrenzen.

Gudela Grote (51) ist Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich. (Bild: Giulia Marthaler)
Gudela Grote (51) ist Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich. (Bild: Giulia Marthaler)

Gudela Grote beantwortet die Fragen unserer Leserinnen und Leser:

Fritz Wiederkehr, Muri AG: Umfragen ergeben, dass mehr Menschen unter Burn-out und Stress leiden, aber auch dass die meisten Schweizer zufrieden sind mit ihrem Arbeitsleben. Wie geht das zusammen?

Beides sind Realitäten der heutigen Arbeitswelt. Die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern sind in der Schweiz grösstenteils friedlich. Das führt verbreitet zu einem recht guten Arbeitsklima, in dem man sich wertgeschätzt fühlt. Dennoch sind in vielen Jobs die Belastungen gestiegen. In den letzten Wirtschaftsaufschwüngen wuchs die Zahl der Stellen weniger stark als die Produktivität – gleich viele Menschen tun also immer mehr.

Sonja Muheim, Schaffhausen: Wie viele Ferien braucht man am Stück, um ganz abzuschalten und das Geschäft zu vergessen?

Das ist sehr individuell, manche schalten auch in drei Wochen nie ab, andere steigen in den Zug und sind sofort weg. Die generelle Empfehlung ist es, mindestens einmal im Jahr zwei Wochen Ferien am Stück zu nehmen.

Geben auch Sie zum nächsten Thema online Ihre Frage ein: Immer von Montagmittag bis Dienstagabendauf migrosmagazin.ch.