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06. Juni 2017

Viele Mieter könnten günstiger wohnen

Am 1. Juni wurde der Referenzzinssatz erneut gesenkt. Das berechtigt Mieterinnen und Mieter, eine Mietzinsreduktion zu verlangen. Doch nur ein Fünftel profitiert davon. Michael Töngi vom Mieterverband erklärt warum – und nimmt die Mieter in die Pflicht.

Mieter könnten günstiger wohnen
Egal, ob in Pontresina GR oder anderswo: Mieter müssen selbst aktiv werden, um eine Mietzinssenkung zu bekommen.

Wird der Schweizer Referenzzinssatz gesenkt, müsste dasselbe auch mit den Mieten geschehen. In den vergangenen zehn Jahren sind sie allerdings kontinuierlich gestiegen, um mehr als 13 Prozent. Dies, obwohl der Referenzzinssatz seit 2008 von 3,5 auf aktuell 1,5 Prozent gesunken ist.

Die Mieter hätten das Recht auf eine tiefere Miete. Trotzdem bezahlt nur rund ein Fünftel tatsächlich weniger. Vor allem, weil viele der über zwei Millionen Schweizer Mieter gar nichts von ihrem Recht wissen.

Auf der Website des Mieterinnen- und Mieterverbands (MVS) kann man seinen Anspruch ausrechnen. «Das empfehlen wir allen Mietern», sagt Michael Töngi, Generalsekretär des MVS. Leben Mieter in einer subventionierten oder einer Genossenschaftswohnung oder dauert ihr Mietverhältnis mehr als 15 Jahre ohne veränderte Mietzinse, haben sie unter Umständen keinen Senkungsanspruch. Diejenigen Mieter, die ein Gesuch stellen, haben laut Töngi oftmals Erfolg. Aber: «Sie müssen selbst aktiv werden und bei ihrer Verwaltung ein Gesuch stellen.» Diesen Aufwand scheuen viele, obwohl auf der Website des MVS bereits ein Musterbrief zum Download zur Verfügung steht. Manche befürchten auch Konsequenzen wie eine Kündigung.

Der Referenzzinssatz liegt jetzt auf einem Rekord-Tief. Steigt er wieder, dürften die Vermieter die Mieten wieder anpassen. Umso mehr sollten die Mieter die Gelegenheit nutzen, eine Senkung zu beantragen.


«Die Vermieter bringen oft faule Ausreden»

Michael Töngi (52) ist Generalsekretär des Mieterinnen- und Mieterverbands Schweiz.
Michael Töngi (52) ist Generalsekretär des Mieterinnen- und Mieterverbands Schweiz.

Michael Töngi (52) ist Generalsekretär des Mieterinnen- und Mieterverbands Schweiz.

Wer hat Anspruch auf eine Mietzinssenkung?

Fast alle, deren Miete an den Referenzzinssatz gebunden ist. Denn dieser war noch nie so tief wie jetzt.

Nur etwa ein Fünftel der Mieter zahlt aber nach einer Senkung des Referenzzinssatzes weniger Miete.

Nur wenige Vermieter senken die Miete von sich aus. Und viele Mieter machen sich die Mühe nicht, ein Gesuch zur Senkung des Mietzinses zu stellen, obwohl ihnen das Geld zusteht. Der Druck wäre natürlich höher, wenn die Miete steigen würde, als wenn sie einfach gleich bleibt. Sie könnten sich mit dem gesparten Geld zum Beispiel eine zusätzliche Ferienwoche leisten, eine Weiterbildung machen oder in die dritte Säule einzahlen.

Um wie viel Geld geht es?

Jedes Mal, wenn der Referenzzinssatz sinkt, sind es 2,91 Prozent weniger Miete. Bisher gab es acht Schritte, das sind total etwa 20 Prozent seit 2008. Bei einer durchschnittlichen Miete von 1400 Franken, hiesse das monatlich 280 Franken weniger.

Auf welche Senkungen haben die Mieter also Anspruch?

Sie können jederzeit eine Mietzinsreduktion einfordern. Die Miete wird dann ab dem nächsten Kündigungstermin tiefer, und zwar um so viele Schritte, wie der Referenzzinssatz seit dem letzten Gesuch gesunken ist.

Wann muss das Gesuch eingereicht werden?

Immer auf den nächsten Kündigungstermin. Viele haben in der Schweiz drei Monate Kündigungsfrist. Darum ist es wichtig, dass man das Gesuch noch im Juni stellt, um ab dem 1. Oktober eine tiefere Miete zu erhalten.

Droht einem Mieter die Kündigung, wenn er ein Gesuch stellt?

Nein, das wäre eine Rachekündigung, das ist nicht erlaubt. Damit käme der Vermieter natürlich nicht durch.

Die Mieter lassen sich aber Hunderte, vielleicht Tausende von Franken entgehen.

Viele Mieterinnen und Mieter getrauen sich dennoch nicht, eine Mietzinsreduktion einzufordern.

Ja, sie lassen sich aber Hunderte, vielleicht Tausende von Franken entgehen. Die Haushaltsbudgeterhebung zeigt das deutlich: Menschen, die im Wohneigentum wohnen, profitieren von den tiefen Zinsen. Sie geben monatlich etwa zehn Prozent ihres Budgets für die Miete aus, während die Mieter nach wie vor etwa 18 Prozent dafür ausgeben. Der zentrale Punkt ist, dass ihnen etwas entgeht, was ihnen zusteht.

In der Mietrechtsverordnung steht, dass die Mietzinse herabgesetzt werden sollten, wenn der Referenzzinssatz sinkt. Warum tun das die Vermieter nicht automatisch?

Weil sie keine Folgen zu erwarten haben: Es gibt keine Strafbestimmungen in diesem Paragrafen. Der Mieter muss aktiv werden. Wir erleben oft, dass Mieter, die einen Brief schreiben, eine Mietzinsreduktion erhalten, ihre Nachbarn, die kein Gesuch gestellt haben, aber nicht.

Die Höhe der Anpassung wäre ebenfalls klar definiert.

Ja und nein. Die Anpassung des Referenzzinses an und für sich ist definiert. Sinkt er um ein viertel Prozent, sollte die Miete um 2,91 Prozent sinken. Umstritten ist allerdings, was von diesem Betrag abgezogen werden kann. Die Vermieter bringen dann oft faule Ausreden.

Welche sind das?

Die Teuerung. Aber die haben wir ja im Moment nicht. Und die Beträge für Unterhaltskosten. Einige Vermieter verrechnen dafür immer noch zu hohe Pauschalen. Diese sind aber nicht so hoch, wie die Mietzinssenkung, gelten also nicht als alleiniges Argument. Oder die Vermieter senken die Miete nicht mit der ­Begründung der «Quartierüblichkeit» oder «zu tiefer Rendite». Das können sie – nur bleiben sie meistens den Beweis schuldig.


Autor: Dinah Leuenberger