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25. Juni 2012

«Viele glauben, ein Anwalt löse alle Probleme»

Michael de Luigi kennt sich aus mit dem Thema Trennung. Nun lanciert der 44-jährige eine Ausbildung zum Trennungsberater. Der Vorsteher des Vereins für Männer und Scheidung erklärt, warum Paare neben einer Ehe- unbedingt auch eine Trennungsberatung brauchen.

Wenn der Trennungsberater nötig wird
Auf sie/ihn mit Gebrüll: Bevor es 
zur erbitterten Kampfscheidung 
kommt, zeigt ein Trennungsberater Wege zu einer friedlichen Einigung auf. (Bild: Getty Images)

Zum Wohl des Kindes: Worauf sollten Eltern bei und nach der Trennung achten?

Michael de Luigi, Sie bieten nach den Sommerferien eine Ausbildung zum Trennungsberater an – eine Premiere für die Schweiz. Wieso denken Sie, brauchen Paare neben der Ehe- nun auch eine Trennungsberatung?

Michael de Luigi (Bild: zVg.)
Michael de Luigi (Bild: zVg.)

Wieso gerade als Mann?

Männer kommen in die Beratung und erzählen, was ihre Frau von der Trennung erwartet, ohne klare Vorstellungen zu haben, was sie selbst erwartet. Männer reden viel weniger über Probleme und Gefühle. Mit Freunden sprechen sie über Fussball oder Autos, weniger über persönliche Probleme. Sie wollen alles selber lösen und sind, im Gegensatz zu ihrer Frau, oft nicht über ihre Möglichkeiten informiert.

Ist der Trennungsberater also eher ein Männerberater, oder ist er für Paare gedacht?

Wir wollen keine Männerberater ausbilden, sondern Paarberater. Im Verein für Männer und Scheidung beraten wir leider selten Paare. Die Ausbildung aber richtet sich an beide Geschlechter — sowohl in Bezug auf die künftigen Berater wie auch auf deren Klienten.

Für wen ist nun der Trennungsberater die richtige Anlaufstelle?

Für Paare, die sehen, dass die Beziehung gefährdet ist, dass die Kommunikation nicht mehr klappt.

Sollte man da nicht eher zum Eheberater?

Oft kommen Männer nach einer erfolglosen Eheberatung zu uns. Denn Eheberatung ist genau wie Trennungsberatung eine Vertrauenssache. Und wenn einer der beiden Parteien dem Berater nicht vertraut, klappt es nicht. Das bedeutet aber nicht, dass die Beratung schlecht ist. Das bedeutet lediglich, dass man sich einen anderen Berater suchen soll — und sei es eben ein Trennungsberater.

Früher ging man einfach zum Anwalt. Ist das falsch?

Viele Betroffene gehen auch heute noch zum Anwalt und glauben, der löse dann alle Probleme. Das kann er aber nicht. Er kann zwar juristische Probleme angehen. Es gibt aber viele Probleme, die andere Ursachen haben. Und unser Rechtssystem begünstigt nicht die gütliche Einigung, sondern den offenen Schlagabtausch vor Gericht. Dies kostet die Betroffenen nicht nur viel Geld, sondern trägt zur Vertiefung der Gräben zwischen den ehemaligen Partnern bei.

Was unterscheidet den Trennungsberater vom Scheidungsanwalt?

Der Trennungsberater ist im Gegensatz zum Anwalt keine Parteienvertretung, er zeigt Wege zur friedlichen Einigung auf. Der Anwalt hingegen sagt, was zu tun ist. Zusätzlich denkt ein Trennungsberater ganzheitlich. Wenn es dem Klienten nach der Scheidung psychisch schlecht geht, kümmert das den Anwalt wenig, den Trennungsberater schon. Ein Anwalt kann den Eltern zum Beispiel auch nicht helfen, auch nach einer Scheidung Eltern zu bleiben.

Männer wollen alles selbst lösen und sind oft nicht über ihre Möglichkeiten informiert.

Der Trennungsberater kann das schon?

Bis zu einem gewissen Grad ja. Wir wollen für alle Beteiligten eine gute Lösung für die Zukunft suchen und zeigen nicht nur die juristischen Wege auf. Deshalb geben wir den Klienten auch zu verstehen, dass eine Trennung besser gelingen kann, wenn man eine einvernehmliche Lösung sucht. Wird ein Partner überrollt, verlieren zum Schluss alle, denn eine Konsenslösung erweist sich meist als nachhaltiger als eine gerichtlich erzwungene Entscheidung.

Aber trennen kann man sich doch auch einfach so, dafür braucht es keinen Berater.

Trennen schon, nur umfasst dies mehr als nur die Aufteilung der Wohnung. Wichtig ist eine glasklare Vereinbarung die aber doch so flexibel ist, dass die Parteien nicht bei jeder Änderung im Leben — sei es Arbeitslosigkeit, neues Eheglück, Studium der Kinder — wieder vor Gericht ziehen müssen. Solche Dinge fehlen oft in Vereinbarungen. Dafür sorgt aber ein erfahrener und guter Berater.

Wem kann der Trennungsberater nicht weiterhelfen?

Klienten, die der Meinung sind, sie wissen eh schon alles. Aber auch, wenn zum Beispiel eine Mutter mit den Kindern ins Ausland zieht, die Kinder so dem Vater entzieht und die Vormundschaftsbehörde sich nicht für den Fall interessiert. Das ist dann auch für uns sehr frustrierend.

Ist es nicht sehr belastend, tagtäglich mit Scheidungsschicksalen konfrontiert zu werden. Wie grenzt man sich da ab?

Das muss ein Trennungsberater lernen. Man kann mitfühlend sein und dennoch Abstand halten.

Welches ist der grösste Fehler, den ein Trennungsberater machen kann?

Dass man sich zu schnell mit dem Klienten verbündet. So übernimmt der Berater die Sichtweise des Klienten und verliert die Objektivität. Oder, wenn man sogleich gute Ratschläge erteilt. Ein guter Berater hört zuerst einmal zu und gibt Ratschläge nur auf Nachfrage.

Ist das Diplom als Trennungsberater eidgenössisch anerkannt?

Bisher nicht. Aber es gibt eine Praxisprüfung zusammen mit einem Coach, und nur, wer besteht, erhält ein Diplom. Sicher ein bleibender Wert, denn die Dozenten des Kurses sind keine Unbekannten.

Wie gross ist die Nachfrage nach dem ersten Kurs zum Trennungsberater?

Die Resonanz war sehr gut. Einzelne Kursplätze sind aber noch frei.

Autor: Thomas Vogel