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11. November 2013

«Niedrige EInkommen profitieren kaum»

Laurent Wehrli (48), Präsident der Pro Familia Schweiz, fünffacher Vater und Stadtpräsident von Montreux, erklärt, warum er gegen die Familieninitiative ist. Dafür sieht er «viel Potenzial in generationsübergreifenden Modellen».

Laurent Wehrli
Laurent Wehrli, Präsident des Verbands Pro Familia Schweiz, im Interview. (Bild zVg)

Der Verein Pro Familia spricht sich gegen die Familieninitiative aus, vor allem, weil sie nur bessergestellten Einverdiener-Haushalten etwas bringe. Dennoch stellt Präsident Laurent Wehrli im Interview Handlungsbedarf bei der Unterstützung aller Familien fest.
Herr Wehrli, warum unterstützt Pro Familia Schweiz die Familieninitiative der SVP nicht?
Weil der Inhalt der Initiative irreführend ist. Obwohl die SVP sagt, es gehe ihr darum, allen Familien zu helfen, zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass vor allem die bessergestellten Eltern und bei wortgetreuer Umsetzung nur die Einverdienerfamilien profitieren würden.
Woraus schliessen Sie das?
72 Prozent der Familien mit zwei Kindern zahlen heute schon keine Bundessteuern mehr. Sie würden die Auswirkungen dieser Abzüge gar nicht wahrnehmen. Nach verschiedenen Berechnungen würden Einverdienerfamilien mit tieferem und mittlerem Einkommen auf kantonaler Ebene ebenfalls fast leer ausgehen.
Sehen Sie weitere negative Auswirkungen?
In der Tat. Bei einem Ja an der Urne sind hohe Steuerausfälle vorprogrammiert. Darunter sind auch Gelder, die an anderer Stelle gebraucht werden, um Familien gezielt zu unterstützen.
Nun ist der Initiativtext recht vage formuliert. Kann man zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt eine seriöse Rechnung anstellen?
Es stimmt, dass der Text den Kantonen Spielraum lässt. Aber lassen wir uns nicht täuschen. Das ändert nichts an der Stossrichtung. Familien mit einem niedrigeren und mittleren Einkommen werden kaum oder nicht profitieren. Dabei sollte doch genau das unser Hauptanliegen sein.
Die Initiative möchte insbesondere Familien stärken, die sich die Arbeit traditionell aufteilen, also Vater im Job, Mutter bei den Kindern. Stossen Sie sich daran?
Die Pro Familia bevorzugt kein spezielles Modell, und sie wertet nicht. Wir unterstützen alle Eltern. Tatsache ist, dass es in der Schweiz eine Fülle an Familienvarianten gibt. Wir sollten versuchen, für jede Familie die für sie beste Lösung zu finden. Vergessen wir ausserdem nicht, dass viele Eltern Schwierigkeiten haben, mit nur einem Salär zu wirtschaften. Ganz zu schweigen von den Müttern oder Vätern, die getrennt oder in Scheidung leben und dennoch eine Familie zu versorgen haben.
Wie könnte eine zeitgemässe Familienpolitik in Ihren Augen eher aussehen?
Ich glaube, wir brauchen neuartige Ansätze, damit Eltern Familie und Beruf besser vereinbaren können. Ausserdem sehe ich viel Potenzial in den generationsübergreifenden Modellen.
Zur Person: Laurent Wehrli, 48, amtet als Stadtpräsident von Montreux VD und als FDP-Grossratspräsident des Kantons Waadt. Der fünffache Familienvater ist seit 2006 zudem Präsident von Pro Familia Schweiz. Diesem Dachverband gehören vierzig Organisationen an.

Autor: Bettina Leinenbach