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04. November 2013

Viel Geschrei um Nichts?

Kindergeschrei hören junge Eltern sehr oft
Kindergeschrei hören junge Eltern sehr oft (Bild: Keystone).

Werdende Eltern haben ja keine Ahnung. Da freuen sie sich auf ein rosiges, weiches Bündelchen, das zufrieden und geräuschlos an einem I-love-Daddy-Nuggi saugt. Und was wird stattdessen geliefert? Ein Megafon mit Armen und Beinen. Das grosse Brüllen beginnt oft bereits im Kreisssaal.

«Was? Diese verschwitzte Tante soll meine Mutter sein? Räbääääääääh!»

«Keine Sorge, so verarbeiten die Kleinen den Geburtsstress», beruhigen dann die Hebammen. Dieser lange Weg durch den engen, glitschigen Tunnel, nirgendwo ein Licht – einfach nur gruselig. Das sei doch wirklich zum Heulen.

Plärrt das Kind auch Wochen nach der Entbindung noch rund um die Uhr, dann hat es mit Sicherheit Dreimonatskoliken. Die Stillberaterin nickt und lächelt. Ja, gut möglich. Die seien ja bekanntermassen ganz entsetzlich, doppeln die besorgten Eltern nach. Die Fachfrau nickt, lächelt und schweigt. Natürlich betreiben Mami und Papi Ursachenforschung. Vielleicht spritzt zu viel Milch aus der Brust, und das Baby wird versehentlich wie ein Velopneu druckluftbetankt? Oder es ist alles ganz anders, weil die doofe Brust möglicherweise nicht richtig arbeitet und das Kind nur deswegen so brüllt, weil es einen Nachschlag braucht? Egal, wie man es dreht und wendet: Der Dreimonatslärm setzt alle unter Stress. (Bis auf die Stillberaterin, deren Kinder schon mindestens 27 Jahre alt sind ...)

Dabei ist das oft nur der Anfang, denn viele Mädchen und Buben drehen erst richtig auf, wenn sie heranreifen. Doch wie begründet man den Zirkus, wenn das Kleine «schon» sieben oder gar acht Monate alt ist? Die berühmte Dreimonatskolik kann es dann ja wohl nicht mehr sein. Schnell her mit der nächsten Pseudo-Begründung! So sind wir Eltern: Wir kennen immer die Ursachen, warum Dinge passieren. Wenn ein Krabbelkind vor Wut schäumt, kommt das selbstverständlich vom Zahnen. Dieser an sich natürliche Vorgang muss extrem schmerzhaft sein. Warum sonst sollten alle möglichen Symptome nur auf eines hinweisen? Erhöhter Speichelfluss? Zähne! Wundes Fudi? Zähne! Rote Bäckchen? Zähne! Motziges, quengelndes, nerviges Kind? Zääääähne!!!

Irgendwann sind dann alle Beisserchen an ihrem Platz. Leider, denn nun müssen wir Eltern uns was Neues einfallen lassen, wenn es darum geht, die schlechte Laune unserer Kinder zu begründen. Ich behaupte, die häufigste an Vierjährige gerichtete Frage lautet: «Bist du müde?» Selbst, wenn der Nachwuchs mit dem Kopf schüttelt und anführt, dass er eigentlich zwölf Stunden durchgeschlafen hat, greifen Mama und Papa gerne auf die Erschöpfungsausrede zurück. «Wissen Sie, mein Kind ist sonst nicht so. Nur leider jetzt gerade, aber das kommt davon, dass es keinen Mittagsschlaf machen wollte, dabei hätte es das so dringend nötig und überhaupt.»

Und was kommt nach der Schlaflosphase? Na, logisch, die Pubertät. Die beginnt heute ja schon früher. So mit sechs oder sieben Jahren. Das sagte mir neulich jedenfalls eine Mutter, als sie nach einer Begründung suchte, warum ihr Achtjähriger mitten am Tag einen Täubelianfall hinlegte.

Vielleicht ist es gar nicht so übel, dass es solche Schlagwörter wie Dreimonatskolik, Zahndurchbruch oder Pubertät gibt. Ich glaube fast, dass wir Mamis und Papis diese Leitplanken brauchen, um verkraften zu können, dass unsere Kinder – die vermeintlichen Wunderwesen – auch nur Menschen sind.

Autor: Bettina Leinenbach