Archiv
04. Februar 2013

Videogames: Abhängigkeit erkennen

Ob ein Kind spielsüchtig ist und wie ernst es die Abhängigkeit zu nehmen gilt, entscheidet sich individuell anhand seiner Wahl der Games, der «verspielten» Zeit, aber auch genug sozialen Kontakten oder Bewegung daneben. Die wichtigsten Merkmale im Überblick.

Der Klassiker unter den Geschicklichkeitsspielen
Der Klassiker unter den Geschicklichkeitsspielen für Computer und Spielkisten: Pacman. (Bild Namco Bandai Games)

Wenn zwei auf den ersten Blick dasselbe tun, ist es oft nicht dasselbe. Dies gilt auch für die Frage, ob Kinder oder Jugendliche ein Problem mit Videogame-Sucht haben könnten und wie stark sich dies schon auswirkt. Ein Beispiel: Ein(e) 14-Jährige(r) spielt in der Woche auch mal 12 oder gar 15 Stunden an Computer oder Spielkonsole. Scheint natürlich viel zu sein, bloss stellen sich vor der Beurteilung des Abhängigkeitsverhaltens einige Fragen:

1. Spielt er/sie täglich zwei bis drei Stunden, oder bisweilen an einem Wochenende praktisch zwei Tage am Stück?

2. Welche(s) Spiel(e) bevorzugt er/sie? Seit Monaten immer dasselbe, oder ist es immer dieselbe Art von Spiel (Geschicklichkeit, Strategie, Kampf/Action, Adventure, Rollenspiel)?

3. Frisst seine Spielzeit mehr als die Hälfte der verfügbaren Freizeit (ohne Schlafenszeit) auf, und kommt sie ohne Intervention von Eltern stets an erster Stelle?

4. Kommt sie/er wegen des Computer-Spielens kaum oder nicht mehr dazu, sich zu bewegen, Sport zu treiben?

5. Verbringt sie/er klar weniger oder gar keine Freizeit mehr mit Kolleg(innen), und war dies früher anders?

6. Fällt er/sie bereits zu Hause durch Desinteresse am Umfeld, eigenen und fremden Aufgaben, auf?

7. Gehen die Schulleistungen in letzter Zeit markant und einheitlich zurück (mehr als eine oder zwei verhauene Prüfungen)?

8. Gibt er/sie sich in der schulischen oder heimischen Umgebung merkbar aggressiver, rhetorisch oder gar in tätlichen Angriffen, als zuvor, und spielt überwiegend oder ausschliesslich Games mit hohem Gewaltfaktor (Shooter- oder Kampf-Games)?

ZWEI EXTREMBEISPIELE
Ein(e) Jugendliche(r) spielt am Wochenende (Achtung: nicht jedes...) mal mit Freund(inn)en ein Adventure- oder Rollenspiel. Pflegt ansonsten soziele Kontakte auch ausserhalb der Schule und v.a. des Internets, treibt auch regelmässig Sport und wartet in der Schule mehrheitlich mit Konzentration und mindestens genügenden Noten auf. In dem Fall besteht sicher keinerlei Grund, von Abhängigkeitsverhalten auszugehen und mehr oder weniger drastische Massnahmen zu finden.
Spielt hingegen jemand täglich zuerst mindestens drei Stunden ein Baller- oder Prügelgame, wenn es nicht streng verboten wird, hat zudem kaum mehr andere Aktivitäten in der Freitzeit, trifft niemanden mehr, und weist obendrein deutliche Abwärtstendenz in den Schulleistungen aus, sollten die Alarmglocken laut schrillen. Wenn dann noch die Konzentration schon für kleine Dinge kaum mehr reicht und daheim oder auswärts eine Tendenz zu stark unausgegelichenem Auftreten, ja vielleicht gar regelmässiger Tendenz zu Gewaltanwendung an Mitmenschen festgestellt wird, heisst es schnell eine Abhängigkeit abzuklären und strenge Regeln aufzustellen; vielleicht gar eine professionelle Behandlung ins Auge zu fassen.

Hinweise auf Spielsucht

Etwas detaillierter präzisieren lassen sich die Anzeichen schon, die mindestens für das Risiko einer Abhängigkeit stehen. Einige der folgenden Punkte gelten im Übrigen auch gleich als Ansätze für zu Hause durchzusetzende Regeln:

1) Bis und mit Achtjährige sollten nicht mehr als eine (gute) halbe Stunde täglich Videogames spielen. Bis 11 Jahre höchstens rund eine Stunde, bis 14 höchstens anderthalb. Wie gesagt sind das grobe Richtwerte und je nach Entwicklungsstufe oder Konzentrationsfähigkeit des Kindes oder der Art des gewählten Games können bereits diese oder erst längere Zeiten heikel sein.

2) Auf die Art der Spiele kommt es sehr wohl an. Nur zum einen überdies auf den Anteil an gezeigter Gewalt, auch in anderen Bereichen sollten sie kind- oder Jugendlichen-gerecht sein* – etwa:
- Spielen sie mit anderen, speziell übers Web, kann schon die Aufrechterhaltung des Kontakts die Spieldauer klar verlängern und Abhängigkeit mit erzeugen.
- Ein dominanter Belohnungs-Gedanke (was gewinnt man am Ende eines Levels z.B.) kann sich suchtfördernd auswirken.
- Motorisch sollten bei Geschicklichkeits-Games die dem Alter entsprechenden Fertigkeiten gefordert sein, nicht deutlich mehr.
- Gewalt ist auch ein Thema: Schockierende Szenen kommen nicht in Frage, aber auch die Abstumpfung bei einer Unzahl unreflektierter Erschiessungen schadet.

3) Wenn früher gepflegte Hobbies und Interessen seit einer Weile in den Hintergrund treten, vor allem aber auch Aufgaben kaum jemals von selbst angegangen und erledigt werden.

4) Wenn ein Grossteil oder alle Aktivitäten mit Bewegung beziehungsweise Sport eingestellt oder markant zurückgefahren werden.

5) Wenn viele oder fast alle sozialen Kontakte ausser der Familie und den erzwungenen in der Schule verschwinden.

6) Wenn mehrmals wöchentlich über Stunden anhaltende Lustlosigkeit, Enerviertheit oder Gereiztheit festgestellt wird, oder extreme Unausgeglichenheit.

7) Wenn die Schulnoten über mehr als zwei oder drei wichtige Prüfungen hinweg deutlich sinken. Oder/und wenn sich die Lehrkraft auf Nachfrage oder gar von selbst dahingehend äussert, dass sie/er mangelnde Motivation, permamente Konzentrationsprobleme oder ähnliches zeigt.

8) Wenn sich im Autreten generell eine erhöhte Gewaltbereitschaft feststellen, oder handkehrung über längere Zeit eine -Alles.ist-mir-egal-Stimmung.

Natürlich müssen sicher die Hälfte der erwähnten Punkte oder noch weitere Änderungen im Verhalten auftauchen, damit auf eine Spielsucht geschlossen werden kann.

Wichtig ist für Eltern, dass sie nicht von Beginn an zur Überwachung, aber doch stetig versuchen, im Bild zu sein, was und wie lange das Kind mit Videogames an Spielkonsolen (Nintendo, Sony Playstation, weitere) oder am Computer Zeit verbringt.

*Infos über auch für Kinder vor dem Jugendalter bestens geeignete Spiele verraten zum Beispiel die beiden deutschen Websites www.spielbar.de oder www.spielratgeber-nrw.de
Hier können gerade auch Kinder selbst nach geeigneten Spielen suchen: www.fragfinn.de und www.internet-abc.de

Autor: Reto Meisser