Archiv
02. März 2015

Verwöhn-Alarm

Kaum je waren Kinder – und Erwachsene – verwöhnter als heute. Was ist daran eigentlich so schlimm, und was können wir dem entgegensetzen? Jürg Frick, Spezialist zum Thema Verwöhnen, hat Antworten.

Zu viel des Guten
Zu viel des Guten: Spielzeug macht Kinder glücklich, doch es gibt Grenzen. (Bild Getty Images)

Jürg Frick, was genau meinen Sie mit dem Begriff «verwöhnen»?

Verwöhnen kann sehr unterschiedliche Aspekte haben. Zum einen die materielle Ebene, also eine völlige Überversorgung; man hat von allem zu viel. Aber es gibt auch die psychologische Ebene. Hier geht es um Überbehütung: Man nimmt den Kindern alles Unangenehme ab, traut und mutet ihnen zu wenig zu, ist zu ängstlich und geht auf zu viele Wünsche der Kinder ein.

Leben wir nicht generell in einer Verwöhn-Ära? Wellness, «sich etwas gönnen», «weil ich es mir wert bin», Wohlfühloase etc. sind ja Ausdrücke, denen man heute ständig begegnet. Offenbar haben wir das Gefühl, wir hätten das Anrecht darauf, verwöhnt zu werden. Woher kommt das?

Diese ganze Verwöhnindustrie ist ein Milliardenmarkt. Wenn die Leute glauben, sie hätten das Recht darauf, verwöhnt zu sein und ihre Bedürfnisse sofort befriedigt zu bekommen, nehmen sie Kredite auf und verschulden sich. Diese Verwöhnhaltung ist in der Tat ein sehr grundsätzliches Problem in unserer Gesellschaft.

Und was sind nun in diesem Sinn verwöhnte Kinder?

Sie haben zum Beispiel völlig unangemessene Erwartungen und gehen davon aus, dass man ihnen Dinge abnimmt, die sie bestens selbst erledigen können, wie zum Beispiel sich anzuziehen. Vor allem aber erwarten sie, dass ihre Bedürfnisse ohne Aufschub befriedigt werden. Wenn sie sich beispielsweise langweilen, werden sie sofort unterhalten, sie müssen nichts mehr aushalten. Die Eltern fühlen sich für alles verantwortlich.

Warum verwöhnen wir unsere Kinder überhaupt?

Bei Kleinkindern ist es natürlich wichtig, ihnen möglichst rasch das zu geben, was sie brauchen, sei das Nahrung oder Zuneigung. Aber schon relativ bald können Kinder lernen, einen gewissen Aufschub auszuhalten. Und genau hier passieren viele Fehler. Ich möchte aber vorwegnehmen: In all den Jahren, in denen ich schon mit Eltern arbeite, habe ich kaum welche getroffen, die es nicht gut machen wollen.

Eltern meinen es eigentlich nur gut?

Leider ist nicht alles, was gut gemeint ist, auch gut für das Kind. Die Gründe, weshalb Eltern ihre Kinder verwöhnen, sind vielfältig. Sie haben zum einen gesellschaftliche Ursachen. Wir haben heute weniger Kinder als früher, und alle unsere Erwartungen lasten nun auf ihnen. Sie sind kostbar und Projektionsflächen für unsere eigenen ­Erfolgswünsche. Hinzu kommt, dass wir heute auch mehr materielle Möglichkeiten haben, um unsere Kinder zu verwöhnen.

Versteckt sich hinter dem Verwöhnen manchmal auch ein schlechtes Gewissen der Eltern?

Schuldgefühle sind ein Motiv für das Verwöhnen. Schuldgefühle, weil Eltern zu wenig Zeit haben für ihre Kinder, oder weil sie sich trennen. Manchmal steckt hinter dem Verwöhnen auch einfach Bequemlichkeit. Wenn Eltern grad keine Lust haben, über das Fernsehen oder das Gamen zu diskutieren, geben sie eben nach und denken, das sei der einfachere Weg. Auf lange Sicht stimmt das natürlich nicht.

Wie schaden wir unseren Kindern, indem wir sie verwöhnen?

Paradoxerweise kommen stark verwöhnte Kinder eigentlich zu kurz. Sie haben später im Leben Mühe, Verantwortung zu übernehmen, suchen oft die Schuld für alles bei anderen, sind überängstlich, unselbständig und trauen sich nichts zu, fordern und fordern.

Sie nennen übermässiges Verwöhnen eine Form der Misshandlung. Ist das nicht übertrieben?

Das Wort ist etwas moralisch vorbelastet, das stimmt. Aber es ist eine Tatsache, dass Eltern, die ihre Kinder massiv verwöhnen, ihnen damit wirklich schaden können.

Wenn ein Kind müde von der Schule nach Hause kommt, die Mutter ihm ein feines Zvieri macht, sich mit ihm hinsetzt und es tröstet, dann ist das doch auch Verwöhnen. Ist das so schlecht?

Ich bin froh, dass Sie das erwähnen. Nein, keineswegs, so etwas ist normales, menschliches Verhalten und natürliche Zuneigung. Verwöhnen ist ohnehin nicht prinzipiell schlecht. Wir verwöhnen unseren Partner oder unsere Kinder zum Beispiel am Geburtstag oder wenn sie krank sind. Das ist durchaus etwas Schönes, aber es muss eben eine Ausnahme sein. Ich bin keineswegs ein Vertreter der sogenannt schwarzen Pädagogik, die für übermässige Strenge plädiert.

Warum merken wir oft nicht, dass wir unsere Kinder verwöhnen?

Weil wir oft blind sind für unsere Schwächen. Darum merken wir etwas oft erst, wenn jemand uns darauf hinweist. Aber es fällt uns natürlich schwer, solche Ratschläge anzunehmen oder zu geben. Darum ist es wichtig, dass das auf feinfühlige Weise stattfindet. So im Sinn: Ich habe etwas beobachtet, darf ich dir dazu etwas sagen …

Können wir unseren Instinkten nicht mehr vertrauen, oder haben wir sie sogar verloren? Aus irgendeinem Grund wimmelt es ja nur so von Erziehungsratgebern.

Wir sind tatsächlich verunsichert, was die Kindererziehung angeht. Der Druck ist sehr gross – jener der Gesellschaft, aber auch der, den wir uns selber machen. Wir wollen alles richtig machen. Am wichtigsten wäre, dass Eltern sich untereinander austauschen und sich gegenseitig offen eingestehen, was schlecht läuft, wo sie Mühe haben oder Sorgen. Und Rat suchen, statt sich vorzumachen, sie hätten alles im Griff.

Wenn Eltern nicht von selbst einsehen, dass vieles in ihrer Erziehung grundlegend schiefläuft, wer kann und soll da etwas tun?

Das Problem ist, dass wir in einem politischen Klima leben, in dem grosse Angst vor einer Einmischung des Staates herrscht. Dabei hat die Schule hier einige wichtige Aufgaben. Meiner Meinung nach müsste man wirklich früher eingreifen. Auf der Ebene der Schule oder besser noch viel früher, weil es sonst oft schon zu spät ist. Das Modell Basel, wo Familien aufgesucht und unterstützt werden, auch solche mit Migrationshintergrund, ist sehr erfolgversprechend. Wir sind halt einfach ein langsames Land, und es wird noch eine Weile dauern, bis sich solche Modelle breit durchsetzen.


Jürg Frick
Jürg Frick (Bild zVg)

Buchtipp: «Die Droge Verwöhnung», Jürg Frick, mit Fragebögen zum Selbsttest. Erhältlich bei Ex Libris für Fr. 21.65

Jürg Frick (58), Buchautor und Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHAW), befasst sich als Berater und Entwicklungspsychologe seit vielen Jahren mit dem Thema Verwöhnen.

Autor: Andrea Fischer Schulthess