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27. Juni 2016

Verweile doch, o Augenblick!

Nein, das ist kein falsches Bild. Sondern ein bisschen Glück.
Nein, das ist kein falsches Bild. Sondern ein bisschen Glück.

Wie lange mag das zurückliegen? Zehn Jahre, fünfzehn? Ich weiss nur noch, dass es ein unbeschreiblicher Glücksmoment war. Die springen einen ja meist unverhofft an. Und fragen Sie mich nicht, weshalb er mir mitten im Sommer wieder in den Sinn kommt: Auf der Piste erlebte ich diesen Schauer des plötzlichen, unerklärlichen Glücks, des Ganz-im-Augenblick-Seins. Ich kurvte mutterseelenallein auf meinen Skiern talwärts, hörte mittels Ohrstöpseln den Song «Anything» von Martina Topley-Bird, einen sphärischen, verträumt-verführerischen Song, ich bog gerade von der roten auf die schwarze Piste ab, nahm das kurze Waldstück in Angriff, das Wetter war gar nicht besonders gut – und doch war alles perfekt. Ich könnte noch genau sagen, wo es war.

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51) fährt nicht mehr Ski.

Aber wiederholen lässt sich der Moment nicht. Wie auch? Die Jahre sind vergangen, ich bin nicht mehr der, der ich war. Skifahren macht mir schon länger keinen Spass mehr, viel lieber snowboarde ich. Die Musik jener britischen Sängerin steht für eine andere, vergangene Zeit und begeistert mich nicht mehr wie ehedem; ohnehin fahre ich nicht mehr mit Kopfhörern. Und mag es stattdessen, das Geräusch des Bretts auf dem Schnee zu hören, ein Kratzen bald, bald ein Sirren, ein Krachen bald, dann ein leises Walzen. Ich mag es, diesen Geräuschen zu­zuhören, dem Wind und – der Stille.

Wann hat es Sie zuletzt gestreift, das kleine, stille, alltägliche Glück, das wohl das wahre Glück ist? Wann sassen Sie zuletzt so selig schmunzelnd im Tram, dass die Leute vermutlich dachten, Sie hätten sie nicht mehr alle? Unversehens überkommt einen dieses Gefühl, und man möchte es festhalten. Hat nicht Goethe gedichtet: «Verweile doch, o Augenblick, du bist so schön»?

Hat er nicht, nein. Auch wenn es oft zitiert wird. In Wahrheit liess Goethe seinen Faust just das Gegenteil sagen: «Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!» Und zwar sagte er es zu Mephisto, dem Teufel: Wenn du mich dabei ertappst, dass ich zaudere und innehalten will, dann und erst dann darfst du mich ins Verderben mitnehmen. Denn man kann sie nicht festhalten, die schönen Augenblicke. Auch nicht wiederholen.

Aber behalten kann man sie. Am besten, glaube ich, indem man sie für sich behält. Denn vielleicht verrät man sie schon, wenn man sie beschreibt. Deshalb werde ich Ihnen nicht verraten, weshalb ich vorige Woche – zu meiner eigenen Überraschung ausgerechnet auf der Basler Sportanlage Rankhof – dieses Gefühl von absoluter …

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli