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24. Oktober 2016

Vertrauliche Geburt ist jetzt noch diskreter

Schwangere Frauen in Not sollen ihr Kind in Sicherheit und Diskretion zur Welt bringen können. Damit die Anonymität gewährleistet ist, soll die vertrauliche Geburt im Spital in Zukunft strengeren Regeln unterliegen. Babyfenster wird es auch weiterhin geben.

Bei einer vertraulichen Geburt
Bei einer vertraulichen Geburt bleibt die Identität der Mutter nach aussen geschützt. Ihre Identität ist aber amtlich erfasst. (Bild: Keystone)

Sie sind ungewollt schwanger, viel zu jung für ein Kind oder unfähig, für ­eins zu sorgen. Und sie sind verzweifelt, denn sie können oder wollen das Baby nicht be­halten: Schwangere Frauen und ­Mädchen in einer solchen Situation ­suchen – wenn eine Abtreibung nicht infrage kommt – eine sichere Lösung für den Zeitpunkt, wenn das Kind zur Welt kommt.

Seit 2001 gibt es dafür in der Schweiz eine wachsende Anzahl von Babyfenstern und seit ein paar Jahren die sogenannte vertrauliche Geburt, die immer mehr Spitäler anbieten. Das Ziel beider Einrichtungen: Keine Mutter soll in ihrer Not ein Baby irgendwo aussetzen oder töten müssen.

Nun hat der Bundesrat die Hilfsangebote für Mütter in Not geprüft und kommt zum Schluss, dass die Beratung für Schwangere ausreichend ist, dass aber die vertrauliche Geburt verbessert werden kann. Unter anderem soll in Zukunft die Wohngemeinde der Mutter keine automatische Meldung bekommen.
Dominik Müggler, Initiant der Babyfenster, begrüsst diese Verbesserungen (siehe unten). Er würde allerdings noch weiter gehen und die Spitalgeburt vollständig anonym zulassen, wenn die Mutter das Baby nicht mit nach Hause nehmen will. «Dies verlangt aber Änderungen im Gesetz», sagt er. Vorerst ist Müggler zufrieden damit, dass Babyfenster weiterhin als notwendig eingestuft werden: Der Bundesrat kommt in seinem Bericht zum Schluss, dass Babyklappen nicht verboten werden sollen wie bereits von verschiedenen Seiten gefordert. 

Dominik Müggler
Dominik Müggler (58) ist Stiftungsratspräsident der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind SMHK. Er hat fünf Kinder.

EXPERTENINTERVIEW

«Wir begrüssen jede Verbesserung für Mütter und ihre Babys»

Dominik Müggler (58) ist Stiftungsratspräsident der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind SMHK. Er hat fünf Kinder.

Dominik Müggler, bei einer vertraulichen Geburt wird die Identität einer werdenden Mutter im Spital so weit wie möglich geheim gehalten. Welche Schwangeren wählen diese Möglichkeit?

Die, die nicht wollen, dass ihr Umfeld von der Mutterschaft erfährt, und die, die ein gewisses Vertrauen in Behörden und Institutionen wie Spitäler und Krankenkassen haben. Denn diese wissen um die Identität der Frau. Nach aussen werden aber keine Namen und Angaben weitergegeben.

Der Bundesrat will, dass künftig auch keine automatische Geburtsmeldung an die Einwohnerbehörden in der Gemeinde der Mutter geht. Was ändert sich damit für die Frau?

Der Kreis der Menschen, die über die Mutterschaft informiert sind, wird kleiner – und damit sinkt auch die Gefahr, dass die Identität der Frau bekannt wird. Ich erinnere mich an eine Frau, die sagte: «Bitte melden Sie die Geburt nicht der Gemeinde! Da arbeitet mein Vater.»

Diese Gefahr wäre mit der neuen Regelung gebannt.

Die neue Empfehlung des Bundesrats ist eine Verbesserung: Die Vertraulichkeit wird gestärkt. Es bleiben aber noch immer die Menschen, die mit der Mutter zu tun haben: Gynäkologe, Kinderarzt, Pflegepersonal. Auch die Meldung an die Krankenkasse und der Behördenparcours bleiben: Die Mutter gibt ihr Kind zur Adoption frei und muss deshalb nach der Geburt allein schon die Kesb mehrere Male besuchen. Das alles ist für die Mutter aufwendig und belastend.

Die Kesb ist auch zur Diskretion angehalten, wenn die Korrespondenz den Vermerk «vertraulich» trägt.

Das ist richtig. Und doch: Die Kesb ist auch eine lokale Behörde. Angenommen, die Mutter, die ein Kind zur Adoption freigegeben hat, lebt später am selben Ort mit einer ganz normalen Familie: Bei der kleinsten Unstimmigkeit mit den Kindern wird sie von der Kesb vorgeladen, denn dort ist sie bereits aktenkundig.

In Zukunft soll der Vertraulichkeitsvermerk auch für mehr Diskretion sorgen, wenn die Kesb den Vater des Neugeborenen sucht.

Neu wird der Kreis der Leute bei allen Behörden, die Einsicht in die Akten haben, kleiner; das ist eine weitere Verbesserung. Allerdings wird kaum je nach dem Kindesvater gefahndet – weil das schwierig ist, wenn die Mutter die Identität des Kindsvaters nicht preisgeben will oder nicht kennt. Vater sein ist auch kein Delikt.

Immer mehr Spitäler bieten die vertrauliche Geburt an. Bräuchte es da nicht immer weniger Babyfenster – statt noch mehr, wie es die Stiftung Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind plant?

Wir unterstützen die vertrauliche Geburt, aber Babyfenster braucht es trotzdem – für Frauen, die wenig bis kein Vertrauen in Behörden und Institutionen haben und anonym bleiben wollen. Unser Ziel ist, dass eine Mutter in Not nicht mehr als 50 Kilometer zurücklegen muss, um ein Babyfenster zu erreichen. Dafür braucht es zwei bis drei weitere Fenster.

Die Babyklappen sind umstritten, weil sie das Recht des Kindes auf Kenntnis der Identität tangieren.

Dazu hat der Bundesrat klar Stellung bezogen: «Die Rettung des Lebens des Kindes wiegt die Verletzung seines Anspruchs auf Kenntnis der Abstammung bei weitem auf.» Ausserdem haben Mütter, die ihr Kind ins Babyfenster legen, mindestens ein Jahr Zeit, sich zu melden und das Kind allenfalls zurückzufordern. Bei der vertraulichen Geburt sind es nur zwölf Wochen. In mehr als der Hälfte der bisher 18 Babyfenster-Kinder hat sich die Mutter gemeldet. Einige wollten ihr Baby ein letztes Mal in den Arm nehmen. Andere wollten wissen, ob es ihm gutgehe. Und eine Mutter wollte ihr Kind zurückhaben – sie hat es zurückbekommen. 

Autor: Yvette Hettinger