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06. Februar 2012

«Vertrauen in die Ärzte ist zentral»

1074 Patienten warteten Ende Dezember auf eine Organspende. So viele wie noch nie, denn die Schweizer spenden nur zögerlich.

Letztes Jahr wurden in der Schweiz mehr als 500 Organe transplantiert. Die Nachfrage ist fast doppelt so gross. (Bild: Peter Dazeley/Getty Images)
Ruth Baumann-Hölzle (55)
Ruth Baumann-Hölzle (55) ist Leiterin des Instituts Dialog Ethik in Zürich.

Ruth Baumann-Hölzle, die Hälfte der Schweizer trifft keine Entscheidung in Bezug auf die Organspende. Warum nicht?

Man verdrängt das Thema. Viele haben die irrationale Angst, dass etwas genau dann eintrifft, wenn man sich damit auseinandersetzt. Und sie haben das Gefühl, nur andere können krank werden oder sterben. Organe entnimmt man meist hirntoten Menschen, die noch durchblutet und warm sind. Man befürchtet vielleicht auch, dass einem Organe entnommen werden, bevor man eindeutig tot ist.

Ist es also auch eine Vertrauensfrage?

Das Vertrauen ist zentral. Das Tessin etwa hatte früher eines der restriktivsten Transplantationsgesetze und doch schon immer weit mehr Spender als die Deutschschweiz. Der Grund: Tessiner Ärzte engagierten sich persönlich sehr und informierten offen.

Wenn man die Haltung eines Verstorbenen nicht kennt, müssen die Angehörigen entscheiden, ob Organe entnommen werden dürfen. Ist es nicht eine moralische Pflicht, die Familie vorher über den eigenen Willen betreffend Organspende zu informieren?

Wer sich nicht mit dem Thema befassen will, muss nicht informieren. Hingegen sollte sich damit auseinandersetzen, wer hofft, im Bedarfsfall ein Organ zu bekommen. Ich bin dafür, dass, wenn ein Organ aus medizinischer Sicht für mehrere Personen in Frage kommt, derjenige es bekommt, der selber spenden würde.

Patienten, bei denen entschieden worden ist, die lebenserhaltenden Massnahmen abzubrechen, dürfen seit September bereits vor dem Hirntod auf die Organspende vorbereitet werden, wenn die Angehörigen einverstanden sind.

Das ethische Problem ist, dass man noch nicht verstorbene Menschen mit Medikamenten und anderen Massnahmen für die Organspende vorbereitet, ohne ihren tatsächlichen Willen zu kennen. Unter Umständen wird so ein Mensch instrumentalisiert, der noch nicht hirntot, aber urteilsunfähig ist.

Viele europäische Länder kennen die Widerspruchsregelung: Wer sich nicht gegen das Spenden äussert, ist potenzieller Spender.

Ich bin gegen ein solches Gesetz, denn so spendet man nicht aus Überzeugung. Es ist auch nicht erwiesen, dass diese Regelung mehr Spenden generiert.

Leserfragen

Ruth Baumann-Hölzle beantwortet Fragen unserer Leserinnen und Leser:

Was halten Sie von der Idee, dass Spendewillige weniger Krankenkassenprämien bezahlen?

Irmgard Walter, Wil SG

Sollte man nicht den Kontakt zwischen potenziellen Spendern und Spendebedürftigen fördern? Angehörige von Schwerkranken sind ja eher bereit, Organe zu spenden.

Roman Schelber, Zürich

Autor: Yvette Hettinger