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25. März 2013

Verstärkung für den Osterhasen

Es gibt Menschen, die greifen dem Osterhasen gerne unter die Arme. Wie die Familien Haas und Bächli, die für die Schüler in Dierikon Nestchen verstecken. Oder Irmgard Schraner, die jahrelang unerkannt Eier verschenkte. Die Moderatoren von Radio Sunshine wiederum halten mit ihrer Ostershow die Zentralschweiz auf Trab.

Osternestchen verstecken
Sibylle und Sarina Haas verstecken zusammen mit Priska und Sandro Bächli (von links) Osternestchen für die Schulkinder von Dierikon im Kanton Luzern.
Tanja Marottas Söhne sind schon fündig
Tanja Marottas Söhne haben es beim Suchen schwer.


Hier die Foto unserer zwei Söhne – die Suche kann beginnen.
Tanja Marotta, Dürnten ZH

Der (Oster-)Hase von Tamara Brühlmann
Der (Oster-)Hase von Tamara Brühlmann


Mein Osternest habe ich leider (noch) nicht gefunden…
Dafür habe ich den Osterhasen gesehen, wie er mir beim Suchen zuschaut und sich über mich lustig macht;-)
Tamara Brühlmann, Abtwil SG

Das Versteck von Anna Maria Baumann
Das Versteck von Anna Maria Baumann

Mein originellstes Osterhasen-Versteck: Vor dem Weihnachtsbaum...
Anna Maria Baumann, Thun


DIE REPORTAGE
Ein Hase, der Eier legt, widerspricht allen Naturgesetzen. Trotzdem hat sich das Symbol des Osterhasen in den letzten Jahrhunderten global durchgesetzt. Im Fricktal heisst er Irmgard und verteilt seine Gaben persönlich in den Dörfern, wie auf den nächsten Seiten zu lesen ist. Im Luzernischen spielen Mütter wie Priska Bächli und Sibylle Haas, Nomen ist hier Omen, im Wald Osterhäschen für die Schulkinder. Und in der Zentralschweiz schicken die beiden Radiohasen Franz Jauch und Christian Bisang Zehntausende auf die Suche nach Nestchen.

Dass der Osterhase seine Gaben versteckt, liegt wohl an seinem Vorbild, dem Feldhasen. Der zieht seine Jungen unter Hecken in Erdmulden auf, die mit Gras gepolstert sind. Hasen — und Eier — sind ein Symbol für Fruchtbarkeit und damit für den Kreislauf des Lebens. Das verbindet sie mit Ostern, dem höchsten Fest der Christen. Wir feiern Tod und Auferstehung: Am Karfreitag ist Jesus am Kreuz gestorben, am dritten Tag, also am Ostersonntag, ist Christus auferstanden. Das ist ein Grund zur Freude und wurde früher mit dem Schlachten eines Lamms gefeiert.

Das perfekte Versteck für Männer ist der Kühlschrank

Heute beissen wir mehr oder weniger feierlich in Schoggiohren und messen uns im Eiertütschen. Nicht nur Kinder, auch ausgewachsene Mitteleuropäer machen sich zu Ostern euphorisch auf die Jagd. Das macht Spass. Sofern das Nestchen nicht unter einer warmen Motorhaube, dem Sofakissen oder im Katzenkistchen versteckt wurde. Für kleine Kinder nicht so geeignet sind Depots auf Schränken. Die Kleinen könnten in Versuchung kommen, später alleine nachzuschauen, ob der Osterhase eventuell ein zweites Mal da war. Gefahrloser ist, Nestchen draussen am Wäscheständer aufzuhängen, in der Giesskanne oder in der Schaufel des Lieblingsbaggers im Kinderzimmer zu verbergen.

Für Erwachsene eignen sich Lampenschirme (Licht löschen!), Sockenschubladen, Töffhelme, Werkzeugkästen oder — speziell für Männer — Kühlschränke. Ein Klischee ­besagt nämlich, die Herren der Schöpfung seien genetisch bedingt unfähig, in einem Kühlschrank anderes zu erkennen als Bier.

An der Nestlisuche in Dierikon LU beteiligt sich das halbe Dorf

Es passiert jedes Jahr, dass wir ein Nestli besonders lange suchen müssen.

Profis am Werk: Priska Bächli, Sandro, Sarina und Sibylle Haas (von links) verstecken im Hasliwald gegen 80 Osternestli für die Schulkinder des Dorfs.
Profis am Werk: Priska Bächli, Sandro, Sarina und Sibylle Haas (von links) verstecken im Hasliwald gegen 80 Osternestli für die Schulkinder des Dorfs.

Auf den Osterhasen ist irgendwie kein Verlass. Letztes Jahr versteckte er für Sarina Haas (8) aus Dierikon im Kanton Luzern keine Schoggieili, sondern einen Rollschuh. «In der Küchenschublade», sagt die Drittklässlerin und guckt empört. Den zweiten habe sie zum Glück später auch noch gefunden. Bereits an Weihnachten folgte der nächste Scherz: «Ich bekam einen Schoggiosterhasen geschenkt.» Diesmal steckte aber nicht der Osterhase dahinter, sondern der Götti. Die ganze Familie habe sich gekugelt vor Lachen, erzählt die Mutter, Sibylle Haas (40). In Osterangelegenheiten kennt sie sich aus. Seit vier Jahren organisiert sie zusammen mit Priska Bächli (42) und zwei weiteren Frauen das Nestlisuchen im nahen Hasliwald.

Teilnehmen dürfen alle Schulkinder, die auf dem Pausenplatz für sechs Franken einen Bon mit einem Bildchen gekauft haben. Jedes Kind bekommt ein anderes Sujet. Das Gegenstück liegt dann in seinem Nestchen, wie beim Memoryspiel. Mit dem Erlös finanzieren die Frauen die Nestchen: Schokoladeneier, ein Osterhäschen und ein gefärbtes Ei. Alles liebevoll und in einer durchsichtigen Tüte wetterfest verpackt.

Kleine Höhlen und Mulden unter Baumstämmen sind geeignet

Am Mittwoch vor Ostern um halb zwei gehts los. Wenn die Teilnehmer im Hasliwald eintrudeln, hat ein Team bereits 80 Nestchen versteckt. Wer ein fremdes findet, darf nichts verraten.

Gut getarnt: Der Osterhase fügt sich perfekt in die Landschaft ein.
Gut getarnt: Der Osterhase fügt sich perfekt in die Landschaft ein.

«Die Verstecke wählen wir aus dem Bauch heraus aus», sagt Priska Bächli. «Kleine Höhlen oder Mulden unter Baumstämmen sind besonders geeignet.» Im Eifer des Gefechts geht da schon mal ein Standort vergessen. «Es passiert jedes Jahr, dass wir nach einem Nestli lange suchen müssen, weil sich beim besten Willen niemand mehr an das Versteck erinnert.»

Geklappt hat es noch immer, jedenfalls musste nie ein Kind ohne Nestli nach Hause. Der Anlass findet bei jedem Wetter statt und ist in Dierikon schon beliebte Tradition. «Jedes Jahr machen ein paar Kinder mehr mit», stellt Priska Bächli fest. Eine Premiere gibt es diesmal für ihren Sohn Sandro (7): Er darf erstmals dem Versteckteam helfen. Und er weiss genau, was an Ostern gefeiert wird: «An Karfreitag hat Papi Geburtstag. Und am Ostersonntag Grosspapi.»

In Sulz im Kanton Aargau wartet Frau Osterhase vor der Kirche

Mittlerweile ist meine Tarnung sowieso ziemlich aufgeflogen

Geahnt haben es viele, nun ist es offiziell: Seit 20 Jahren beschenkt Irmgard Schraner ihre Nachbarn mit Ostereiern.
Geahnt haben es viele, nun ist es offiziell: Seit 20 Jahren beschenkt Irmgard Schraner ihre Nachbarn mit Ostereiern.

Der Osterhase wohnt im Aargau. Genauer gesagt im Fricktal. Und er versteckt sich nicht. Im Gegenteil. Am Ostersonntag legt er Familien mit kleinen Kindern ein Nestli vor die Türe, klingelt und winkt den verdutzten Kleinen von Weitem zu, wenn sie öffnen. In der Gemeinde Sulz ist jeder dem Gesellen im braunen Plüschfell mit dem weissen Stummelschwänzchen schon begegnet. Seit über zwanzig Jahren steht er manchmal nach der Ostermesse vor der Kirche und verschenkt farbige Eier. Aber etwas stimmt nicht mit dem Burschen. Die sechsjährige Jana hat das letztes Jahr bemerkt und sofort ihrer Grossmutter Irmgard Schraner (61) erzählt: Der Osterhase hat Menschenaugen. Schraner lacht und erzählt: «Jana erwartet ihn auch dieses Jahr und hat mir versprochen, sofort anzurufen, wenn er auftaucht. Sie möchte unbedingt, dass ich ihn auch mal sehe.»

Ein Chüngelizüchter ging einmal mit einem Holzscheit auf sie los

Dass ihre eigene Grossmutter in dem Kostüm steckt, weiss weder Jana noch ihr kleiner Bruder – und bis vor Kurzem konnten auch die Nachbarn nur mutmassen. «Mittlerweile ist meine Tarnung aber ziemlich aufgeflogen», sagt Schraner. «Man hat mich wohl in Verkleidung aus dem Haus gehen sehen, obwohl wir etwas entfernt am Dorfrand wohnen.» Es gibt Leute, die extra ins Fricktal fahren, um den Osterhasen mal persönlich zu Gesicht zu bekommen. Die gefärbten Hühnereier und die Schokoladenhasen bezahlt Schraner aus dem eigenen Sack. Einfach, weil sie Freude hat, anderen eine Freude zu bereiten. Ihr Kostüm kaufte sie vor einigen Jahren von einem Basler Fasnächtler. Das war günstiger, als jedes Jahr eines zu mieten. «Die Kostümverleiherin hat über all die Jahre dichtgehalten», sagt Schraner. Neben ihr waren nur die beiden Töchter Tina und Nadja eingeweiht, sowie natürlich ihr Mann Gerhard (67), der Irmgard im Auto ins Altersheim fährt, wo sie den Senioren einen Osterbesuch abstattet. «Die freuen sich immer besonders, denn das Christkind hat jeder schon gesehen, den Samichlaus sowieso. Aber den Osterhasen noch nie.» Schon als Kind hatte sich Schraner nichts sehnlicher gewünscht. Darum beschloss sie als Erwachsene, diese Lücke zu füllen und den Job zu übernehmen. Probleme gab es in all den Jahren nur zweimal: Als sie meinte, als Osterhase verkleidet könne sie mal einen Blick auf das Treiben im nahen «Schwulenwäldchen» werfen, wurde sie von einem Aufpasser rüde abgewiesen. Ein anderes Mal ging ein Chüngelizüchter mit einem Holzscheit auf sie los, weil er sie für einen durchtriebenen Dieb hielt.

Schraners Begeisterung dämpft das in keiner Weise. Für sie steht fest: «Ich mache weiter, solange ich kann, schliesslich bin ich eine Tradition im Tal.» Nur etwas macht ihr Sorgen: dass ein Unfall passieren könnte, weil verblüffte Autofahrer bei ihrem Anblick fröhlich hupen, statt auf die Strasse zu schauen.

Die «Ostershow» von Radio Sunshine mobilisiert die Zentralschweiz

Wir haben nur einen Tag Zeit und gehen exakt nach Plan vor

Jede Sendung wird genau geplant.
Jede Sendung wird genau geplant.

Wer hats erfunden? Radio Sunshine. Genauer: Markus Ruoss. Der Gründer und mittlerweile pensionierte Chef von Radio Sunshine versteckte vor 30 Jahren persönlich das erste Osternestli für seine Hörer. Mittlerweile heisst die Veranstaltung «Ostershow» und schickt Zehntausende auf eine Jagd nach den begehrten Trophäen, die noch immer Osternestli heissen, in Tat und Wahrheit aber grosse schwarze Couverts sind. Wasserdicht und wildtiersicher — in der Geschichte der «Ostershow» wurden zwei Schoggihasen von Füchsen verspeist —, in Luftblasenfolie verpackt sowie mit einem Code versehen liegen diese in Industrieröhren und unter Baumstämmen.

Bei der Wahl des Verstecks ist äusserste Vorsicht geboten, denn, sagt Moderator Franz Jauch (58): «Die Leute gingen in ihrem Eifer schon mal mit Schaufel und Pickel zu Werke und gruben im Verbund mit einem Dutzend anderen einen privaten Feldweg um.» Zusammen mit seinem Kollegen Christian Bisang (22) versteckt er auch dieses Jahr wieder am Ostersonntag 20 Couvertnester in acht Kantonen. Und es gibt ein Jubiläum: Radio Sunshine wird dieses Jahr das 600. Nest verstecken.

«Wir haben nur einen Tag Zeit und gehen exakt nach Plan vor», sagt Jauch. Entscheidend sind die Details: Die Verstecke dürfen nicht in der Nähe von stark befahrenen Strassen oder Flussufern sein, um Unfällen vorzubeugen. Sie müssen gut zugänglich und ohne Hilfsmittel gefunden werden können, um Vandalismus zu vermeiden. «Eine Scheiterbeige zum Beispiel kommt nicht infrage», sagt Moderator Bisang, «die Hörer würden sie ohne lange zu fackeln in ihre Einzelteile zerlegen.»

Aufpassen, dass man beim Nestli verstecken nicht verhaftet wird

Auch keine gute Idee sind Privatgärten oder Hinterhöfe mit weniger als 100 Personen Fassungsvermögen. «Je mehr Nester gefunden werden, desto mehr konzentriert sich die Suche auf die verbliebenen», erklärt Franz Jauch. So kann es vorkommen, dass 500 Leute und 80 Autos am Ättenbergpass bei Wettswil am Albis ZH stehen — und irritierte Nachbarn die Polizei aufbieten; oder, wie 2003, dass 50 Autofahrer gebüsst wurden, weil sie im Fahrverbot standen.

Franz Jauch (links) und Christian Bisang moderieren die «Ostershow» auf Radio Sunshine. Wegen der grossen Zahl der Nestlijäger müssen die Verstecke besonders durchdacht sein. Ausserdem müssen sie ständig Acht geben, dass sie bei der Arbeit nicht beobachtet werden.
Franz Jauch (links) und Christian Bisang moderieren die «Ostershow» auf Radio Sunshine. Wegen der grossen Zahl der Nestlijäger müssen die Verstecke besonders durchdacht sein. Ausserdem müssen sie ständig Acht geben, dass sie bei der Arbeit nicht beobachtet werden.

Der Sender erreicht in den Kantonen Luzern, Zug, Schwyz, Nidwalden und Obwalden sowie in Teilen von Zürich, Aargau und Uri weit über 100'000 Menschen. Und die Preise, die sich in den Umschlägen verbergen, sind durchaus heiss: Elektrovelos, Plasmabildschirme oder Reisegutscheine im Wert von 500 bis 8000 Franken. Wer was gewonnen hat, wird erst an der grossen Preisverleihung um 17 Uhr auf dem Parkplatz der Sunshine Studios in Rotkreuz im Kanton Zug offenbart. Bis es so weit ist, stacheln die Moderatoren die Jägermeute mit immer neuen Hinweisen, Liveberichterstattungen von der Front und Hörerkommentaren an. Die Verstecke sind mitunter perfid. Vor Jahren befand sich eines in einer Luftseilbahn im Muotatal — und änderte dauernd seinen Aufenthaltsort. Ein anderes Mal lag ein Nestchen in einem Schliessfach. Der Schlüssel dazu hing an einer Kette um den Hals eines Mannes, der gemütlich auf einer Bank in der Sonne sass. In einem anderen Jahr wiederum lag das Couvert in der Handtasche einer Dame, die auf der Luzerner Kapellbrücke hin und her spazierte. Und dieses Jahr?

Christian Bisang und Franz Jauch, Plaudertaschen von Berufswegen, werden einsilbig. Sie müssten aufpassen, beim Verstecken nicht verhaftet zu werden, sagen sie lediglich. Zwei Männer, die im Morgengrauen durch die Gegend schleichen, erregen mitunter das Misstrauen der Nachbarschaft. «Unsere schlimmsten Feinde aber», sagt Jauch, «sind Hündeler und Jogger, die schon früh unterwegs sind und uns beobachten könnten.» Solange sie nur gucken, haben sie nichts zu befürchten. Aber: Verrätern wird ins Ohr gebissen.

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Malu Barben