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06. Juni 2016

Verspottet, geschlagen, missbraucht

Auch Männer können Opfer von Gewalt werden: in der Partnerschaft oder bei sexuellen Übergriffen. Die Dunkelziffer ist hoch, weil viele sich schämen. Drei Männer erzählen über ihre Erlebnisse.

Mark Tanner
Mark Tanner (37): «Sie nannte mich Nichtsnutz und Versager, was durchaus auch sexuell gemeint war.»

Der eine bekam von seiner Frau ein Messer in den Rücken gerammt, der andere wurde systematisch gemobbt. Die meisten Männer, denen so etwas ­passiert, schweigen – oft aus Scham. Auch deshalb gibt es über Männer als Opfer von Frauengewalt nur wenige verbindliche Zahlen. Laut polizeilicher Kriminalstatistik waren 2013 rund 25 Prozent der 9381 Opfer von häuslicher Gewalt männlich. Von den 8953 Beschuldigten waren 21 Prozent weiblich. Diese Zahlen verändern sich nach einer Einschätzung des Bundesamts für Statistik von Jahr zu Jahr jeweils nicht stark.

«Verlässliche Aussagen zum tatsächlichen Ausmass von Gewalt in Paarbeziehungen sind nicht möglich», sagt die Psychologin Marianne Schär Moser, die sich schon länger mit dem Thema befasst. «Aufgrund von Studien ist zu vermuten, dass 10 bis 20 Prozent der Frauen im Laufe ihres Erwachsenenlebens körperliche oder sexuelle Gewalt und rund 20 bis 40 Prozent psychische Gewalt durch ihren (Ex-)Partner erleben. Über männliche Opfer lassen sich keine Aussagen machen, weil für sie entsprechende Studien fehlen.»

Ausländische Untersuchungen kommen laut Moser zum Schluss, dass Frauen mit ihren Partnern – auch physisch – mindestens genauso aggressiv umgehen wie umgekehrt. «Berücksichtigt man allerdings die Schwere der Verletzungen, zeigt sich, dass die von Frauen ausgehende Gewalt meist weniger gravierend und häufiger eine Einzelreaktion ist, kürzer dauert und für die Opfer weniger schwerwiegende Folgen hat.»

Männer suchen selten Hilfe, weil sie Angst haben, belächelt zu werden
Die Gründe von häuslicher Gewalt sind vielfältig. «Es sind nie einzelne Faktoren, die zur Gewalt führen», sagt Schär Moser, «dahinter steht ein sich gegenseitig beeinflussendes Netz von Ursachen und Risikofaktoren.» Studien aus den USA und aus Grossbritannien deuten darauf hin, dass von Frauen angewendete Gewalt oft in Beziehungen stattfindet, in denen beide Gewalt ausüben. Klar ist auch, dass von Gewalt betroffene Männer seltener Unterstützung suchen als Frauen. «Die Angst, auf Unverständnis zu stossen oder belächelt zu werden, hindert gewaltbetroffene Männer trotz enormem Leidensdruck daran, sich bei einer Beratungsstelle zu melden», heisst es in der Informationsbroschüre «Jungs und Männer als Opfer von Gewalt», die das Amt für Erwachsenen- und Kindesschutz der Stadt Bern und der Kantonspolizei Bern herausgegeben hat.

Betroffene Männer haben oft die Haltung, dass ein Mann schlicht nicht Opfer körperlicher Gewalt sein könne. Hinzu kommt das Gefühl, sie seien die Einzigen, denen Gewalt in der Partnerschaft widerfahre.

11 Prozent der Männer fühlten sich schon mal am Arbeitsplatz sexuell belästigt
Mindestens so tabuisiert sind sexuelle Übergriffe an Männern. Zahlen gibt es auch hier nur wenige, selbst international. Eine Studie der Universität Lausanne ergab 2012, dass sich rund 11 Prozent der Deutschschweizer Männer schon einmal am Arbeitsplatz sexuell belästigt gefühlt haben. Etwa wegen sexistischer Witze, E-Mails oder scheinbar zufälliger Berührungen. Eine andere Studie aus dem Jahr 2011 («Sexuelle Übergriffe an Kindern und Jugendlichen in der Schweiz») hielt fest, dass bei 60 Prozent der befragten männlichen Opfer von sexueller Gewalt eine Frau für die Tat verantwortlich war.

In Schweden ist man schon weiter. Die Stockholmer Klinik Södersjukhuset hat seine Notfallstation für weibliche Vergewaltigungsopfer letztes Jahr auch für Männer geöffnet. In einem Interview mit «20 Minuten» sagte ein Therapeut der Klinik, dass 42 Prozent aller Frauen in Schweden angeben, in ihrem Leben sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Bei den Männern sind es 15 Prozent. «Ich glaube aber, dass die Zahl deutlich höher ist.»

Drei Männer erzählen ihre Geschichte: KURT HUBER

Ich hatte fast die Tür erreicht, als ich den Stich spürte

Kurt Hubers* Leidensgeschichte dauerte 31 Jahre und endete im Juni 2015 mit einem Messer in seinem Rücken. Die Tage unmittelbar zuvor waren schon schwierig gewesen. «Sie hatte ihre Medikamente abgesetzt und dann richtig viel getrunken. Vermutlich hatte sie gespürt, dass ich mich wieder mal mit Trennungsgedanken beschäftigte.» Am Samstag hatte er nach einem heftigen Streit das Haus verlassen, im Auto geschlafen, sich jedoch am nächsten Tag auf ein Treffen eingelassen zum Spazierengehen mit dem Hund. Doch es kam erneut zum Streit: Sie trat nach ihm, er liess sie stehen, nahm den Hund und ging. Dann kamen SMS und Anrufe, die er zunächst ignorierte. Als er dann doch abnahm, drohte sie, wenn er den Hund nicht bis in einer halben Stunde nach Hause bringe, wolle sie diesen nie mehr sehen.

Kurt Huber: «Es kommt mir vor, als wäre ich in dieser Beziehung ähnlich gefangen gewesen, wie es Anhänger in einer Sekte sind. Sie hat mein ganzes Leben beherrscht.»
Kurt Huber: «Es kommt mir vor, als wäre ich in dieser Beziehung ähnlich gefangen gewesen, wie es Anhänger in einer Sekte sind. Sie hat mein ganzes Leben beherrscht.»

Als er eintraf, war sie bereits angetrunken, aber zunächst ruhig. Kurze Zeit später ging sie ins Bad und kam dann heraus mit den Händen hinter ihrem Rücken. «Ich fragte, was sie da habe, sie kam näher und zeigte es mir: eine Schere.» Er wehrte sie ab, sie tobte, ging, kam wieder. «Plötzlich hatte sie ein Messer, fuchtelte und stach zu.» Sie erwischte ihn zwar nur knapp, es gab einen leichten Schnitt in der Bauchgegend, aber ihm war klar, dass es jetzt ernst wurde. «Ich rang ihr das Messer aus der Hand, es fiel zu Boden, ich kickte es weg. Sie hinterher.» Er ging zur Tür, um das Haus zu verlassen.

«Ich hatte sie fast erreicht, als ich den Stich spürte, oben rechts zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule.» Blut spritzte, und Huber floh aus dem Haus zu seinem Auto. «Ich spürte die Wunde, sie blutete heftig, aber ich funktionierte trotzdem noch. Ich wusste, ich muss ins Spital.» Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr los. Etwa 20 Minuten dauerte die Fahrt. «Im Notfall fragten sie, wer mich gebracht hatte und konnten es nicht fassen, dass ich selber gefahren war.» Die Klinge war acht Zentimeter tief eingedrungen und hatte eine Schlagader nur um einen Zentimeter verfehlt. Wäre sie getroffen worden, hätte er keine Chance gehabt.

Die Beziehung war von Anfang an schwierig gewesen. Kennengelernt hatte Huber seine spätere Frau Mitte der 80er-Jahre auf Mallorca in den Ferien. Sie kam ursprünglich aus Norwegen, besuchte ihn dann aber schon bald in der Schweiz. «Wir waren sehr verschieden, das war schnell klar.» Bald fiel ihm auch auf, dass sie ziemlich viel ass und dennoch rank und schlank blieb. Ein klassischer Fall von Bulimie. «Ich hatte davon keine Ahnung, damals kannte man so was noch nicht.» Sie trank zudem oft und viel, es gab erste Konflikte, unschöne Szenen mit Freunden im Ausgang. Dennoch heiratete er die fünf Jahre ältere Frau, damit sie in der Schweiz bleiben konnte.

«Schon meine Mutter hatte dieses Helfersyndrom», sagt Huber, der heute 58 Jahre alt ist und im Kanton Aargau lebt und arbeitet. «Mein Vater war schwerer Alkoholiker, aber sie hielt zu ihm, glaubte, ihm helfen zu können. Ich habe dieses Verhaltensmuster von ihr übernommen.» Hubers Frau hielt es an keiner Arbeitsstelle länger aus, zu Hause stritten sie oft, sie beschimpfte ihn wüst, warf Dinge nach ihm, trat ihm zwischen die Beine, zerschlug Spiegel und Geschirr, hatte aussereheliche Affären, randalierte in Restaurants, drohte ihm mit Auftragskiller. «Ein normales Sozialleben war nicht möglich, Freundschaften oft Zündstoff für neuen Streit – und mehr und mehr fürchtete ich den Freitag, denn das hiess, dass ich jetzt ein ganzes Wochenende zu Hause vor mir hatte.»

Doch sobald es Anzeichen gab, dass er die Beziehung infrage stellte, wandelte sie sich für ein paar Tage komplett. «Sie war dann wie ausgewechselt, zugänglich, zuvorkommend, kochte für uns. Und jedes Mal dachte ich: Also doch! Es geht ja, von nun an geht es aufwärts.» Doch das hielt nie lange an. Inzwischen weiss er, dass sie eine Borderline-Störung hat, bei der solche Stimmungsschwankungen dazugehören. Dies ging bis zur Drohung, bei einem allfälligen Weggang seine Existenz zu vernichten.
Nach dem Messerstich lag er eine Woche im Krankenhaus. Dort erfuhr er vom Zwüschehalt , dem einzigen Männerhaus der Schweiz – ein sicherer Ort für Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. «Ich zog vom Spital direkt dort hin, für ein halbes Jahr.» Die Gespräche mit den anderen Männern und eine Psychotherapie halfen ihm, wieder zu sich zu kommen. «Am Anfang war es hart. Es fiel mir schwer, mich als Opfer zu akzeptieren.» Schon vorher war er mal in eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholkranken gegangen. «Ich kam da rein und war der einzige Mann unter 20 Frauen. Und ich dachte: Kann das sein? Bin ich wirklich der einzige Mann, dem so was passiert?» Die Angst, sich in der Opferrolle lächerlich zu machen, war gross.

Aber im Zwüschehalt konnte er sich eingestehen, was ihm passiert war, und so ging es langsam wieder aufwärts. «Zum ersten Mal seit Jahren fand ich wieder zu mir selbst, begann wieder Dinge zu tun, die mir Spass machten: Gitarre spielen und an Konzerte gehen. Es war, als hätte ich 30 Jahre im Koma gelegen.» Nach sechs Monaten hielt er sich für stark genug, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.
«Ich fühle mich heute, wie wenn ich nochmals eine zweite Chance aufs Leben bekommen hätte. Der Zwüschehalt hat massgeblich dazu beigetragen. Es ist unglaublich, dass es nur ein einziges solches Haus in der Schweiz gibt, so was müsste eigentlich jeder Kanton haben. Es gibt noch viele andere wie mich.» Sein Glück sei auch, dass die Messerwunde in seinem Rücken war. «Wäre sie vorne gewesen, hätte das wie Notwehr von meiner Frau ausgesehen, und ich hätte wesentlich schlechtere Karten bei den Behörden.»

Oft fragt er sich, warum er den Schlussstrich nicht schon vor Jahren gezogen hat. «Im Nachhinein kommt es mir vor, als wäre ich in dieser Beziehung ähnlich gefangen gewesen wie es Anhänger in einer Sekte sind, sie hat mein ganzes Leben beherrscht.» Noch ist allerdings nicht alles ausgestanden. «Scheidungs- und Strafprozess laufen, und erst wenn diese vorbei sind, kann ich wirklich ganz abschliessen.»

Hubers Frau lebt derweil noch immer völlig unbehelligt in der ehelichen Wohnung – sie war lediglich zwei Tage nach der Tat zu einem kurzen Verhör abgeholt, aber nach wenigen Stunden wieder entlassen worden. Seither versucht sie dauernd, wieder in sein Leben zu treten. «Massenhaft SMS, Telefonanrufe von allen möglichen Nummern, es ist ziemlich schlimm.» Er ignoriert sie immer und nimmt deshalb auch keine Anrufe von unbekannten Nummern entgegen. Gesehen hat er sie seit der Messerattacke nur ein einziges Mal. «Sie folgte meinem Chef im Auto auf eine Baustelle und stand dann plötzlich da. Das war ein Schock.»

Anders als früher geht er relativ offen mit dem Thema um. «Bei meiner Arbeit wissen die Leute Bescheid, auch sonst in meinem Freundeskreis.» Er ist rundum auf Verständnis und Unterstützung gestossen. «So müsste es eigentlich immer sein», sagt er. Und hofft, mit seiner Geschichte ein wenig dazu beitragen zu können, dass sich die gesellschaftlichen Einstellungen ändern.

*Name der Redaktion bekannt

Mario Schuler

Dann griff sie in meine Hose und begann, mich zu massieren

Schon Mario Schulers Kindheit war nicht leicht. Seine Mutter war alleinerziehend, psychisch angeschlagen und häufig nicht da, weil sie Geld für sich und ihren Sohn verdienen musste. «Und ich war auch nicht gerade pflegeleicht», sagt Schuler (32) mit einem leichten Lächeln. Seine Stimmung schwankte immer zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, ein Element seiner Borderline-Persönlichkeitsstörung. Deswegen war er 2002 mit 18 Jahren sechs Monate in einer psychiatrischen Klinik im Kanton St. Gallen, in einer Langzeit-Therapiestation mit etwa 20 Plätzen. Dort passierte es.

Mario Schuler: «Wenn ich mich mal 
verliebte, dann meist in Frauen, bei denen ich von Anfang an wusste, dass jede Chance auf gegenseitige Liebe ausgeschlossen war.»
Mario Schuler: «Wenn ich mich mal 
verliebte, dann meist in Frauen, bei denen ich von Anfang an wusste, dass jede Chance auf gegenseitige Liebe ausgeschlossen war.»

«An einem Wochenende sass ich abends im Fernsehraum, um mich ein bisschen zu entspannen. Da kam eine Mitpatientin, mit der ich mich eigentlich gut verstand, und setzte sich neben mich. Sie erzählte, dass Sie gerade Stress mit ihrem Freund habe und ein bisschen Ablenkung brauche. Im ersten Moment dachte ich mir nicht viel dabei, da alles so weit ganz normal erschien. Nach einigen Minuten sagte sie dann aber, sie wolle, dass ich sie küsse. Ich lehnte ab und wies darauf hin, dass ich mich erst gerade von meiner Freundin getrennt und kein Interesse hätte. Sie forderte nochmals, ich solle sie küssen. Ich verneinte erneut und dachte, damit habe sich das nun erledigt.

Dann jedoch griff sie in meine Hose und begann, mich zu massieren. Ich erstarrte, brachte keinen Ton mehr heraus und war völlig handlungsunfähig. Sie jedoch liess sich nicht beirren, machte weiter und sagte, wenn ich wolle, dass sie aufhöre, solle ich sie küssen. Ich brachte ein stotterndes Nein heraus, und so machte sie weiter. Es schien endlos zu dauern. Aufgehört hat sie schliesslich, als sich auch nach vielen Minuten bei mir nichts geregt hat. Da war sie dann sauer und lief, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Raum. Ich sass noch eine Weile dort, wie betäubt, unfähig, irgendetwas zu machen.»

Am nächsten Tag vertraute er sich seiner Betreuerin an, die arrangierte ein Gespräch mit dem Klinikleiter sowie der Patientin und ihrer Betreuerin. «Alles, was dabei herauskam, war überspitzt gesagt das: ‹Du böses Mädchen, das macht man nicht, wenn er das nächste Mal Nein sagt, dann lass ihn gefälligst in Ruhe.› Es gab keine weiteren Konsequenzen, keine Verlegung, ich musste weiter mit dieser Frau auf der gleichen Station bleiben. Monatelang sahen wir uns jeden Tag.» Er empfand die Reaktion des Pflegepersonals als Ohrfeige. Genauso wie diejenige von anderen Menschen, denen er sich anvertraut hat. «Oft wurde ich einfach nur ausgelacht.» Nur ganz wenige enge Freunde wissen Bescheid, was ihm passiert ist.

Und der Übergriff hatte Folgen. Schuler hatte seither nur ein einziges Mal intimen Kontakt mit einer Frau. «Und wir waren beide ziemlich betrunken.» Ansonsten sind ihm alle Berührungen von Frauen zu viel, die über eine Umarmung oder Händchenhalten hinausgehen. «Wenn ich mich mal verliebt habe, dann meist in Frauen, bei denen ich von Anfang an wusste, dass jede Chance auf gegenseitige Liebe ausgeschlossen war. Wohl auch aus Angst, was wäre, wenn eine Frau meine Liebe erwidern und es dann intimer werden würde.»

Allerdings hat er auch noch immer psychische Probleme, die bei all dem wohl auch eine Rolle spielen. Deswegen hat der junge Zürcher auch vor Kurzem eine IT-Ausbildung abgebrochen, die ihm über seinen IV-Betreuer vermittelt worden war.

Sein Fazit: «Kein Wunder, ist es ein Tabuthema. Der Mann gilt noch immer als das starke Geschlecht, er will und kann immer. Und wenn er nicht will oder es über sich ergehen lässt, dann ist er ein Schlappschwanz und hat es nicht anders verdient, als ausgelacht zu werden. Ist ja klar, dass sich Männer dann kaum getrauen, über so ein Erlebnis zu reden. Und so lange diese Rollenbilder und Einstellungen so bleiben, wird sich daran auch nichts ändern.»

*Name der Redaktion bekannt

MARK TANNER

Ein Mann ist erst stark, wenn er auch Schwäche zeigen kann

«Ohne das Männerhaus Zwüschehalt wäre ich verloren gewesen», sagt Mark Tanner* (37). «Ich will mir gar nicht ausmalen, wie das sonst weitergegangen wäre.» Damals, im Juni 2010, stand Tanner unter schwerem Druck: Er hatte keinen Job, und seine Frau wollte ihn loswerden. «Fast jeden Morgen, wenn ich aufstand und mich um unseren zweijährigen Sohn kümmerte, fand ich einen Zettel vor. Bis Ende Woche solle ich verschwinden, ich solle endlich gehen, sie wolle die Wohnung für sich und ihren neuen Freund.»

Mark Tanner: «Ich wusste, wenn ich gehe, werde ich meinen Sohn ziemlich sicher verlieren.»
Mark Tanner: «Ich wusste, wenn ich gehe, werde ich meinen Sohn ziemlich sicher verlieren.»

Die junge Familie war erst kurz zuvor in eine neue gemeinsame Wohnung gezogen. «Aber unsere Beziehung war schon lange zerrüttet, eigentlich schon als unser Sohn 2008 geboren wurde.» Vor allem er war es, der Tanner noch in der Beziehung hielt. «Ich wusste, wenn ich gehe, werde ich ihn ziemlich sicher verlieren.» Hinzu kam, dass primär er es war, der für den kleinen Leo* sorgte – er und die Eltern seiner Frau. «Lange waren wir beide berufstätig, da spielten seine Grosseltern eine zentrale Rolle bei der Betreuung.» Seine Frau hingegen habe sich nur um sich selbst gekümmert.

Kennengelernt hatte das Paar sich 2004, weil Tanner mit ihrem Bruder im gleichen Block im Kanton Aargau gelebt hatte. Aber schon bald nach dem Start der Beziehung hörte Tanner aus seinem Umfeld Warnungen: «Die nutzt dich doch nur aus, trenn dich von ihr.» Sie hatten verabredet, dass er für die aktuellen Lebenshaltungskosten aufkommt und sie Geld zur Seite legt für gemeinsame grössere Anschaffungen und Ferien. Aber sie behielt das Geld für sich, und er war dafür schon längst vor der nächsten Lohnzahlung knapp bei Kasse. Die Spannungen und Beleidigungen häuften sich. «Sie nannte mich Nichtsnutz und Versager, was durchaus auch sexuell gemeint war.» Durch die Konflikte nämlich lief im Bett nicht mehr viel, und schon bald hatte sie Affären, teils diskret, teils ziemlich offensichtlich, insgesamt mit fünf verschiedenen Männern.

«Eigentlich hätte diese Beziehung schon nach einem Jahr zu Ende sein sollen», sagt Tanner heute. «Aber Liebe macht blind. Ich habe lange geglaubt, dass sich das noch irgendwie retten lässt, habe ihr immer wieder eine Chance gegeben.» Doch als sie ihm eines Tages per SMS mitteilte «Du wirst Papi», fiel er aus allen Wolken. Am Abend zuvor hatten sie sich wieder mal besonders heftig gestritten, und ein Kind war das Letzte, was er sich unter diesen Umständen vorstellen konnte. Und geplant war es ohnehin nicht gewesen. Doch bald darauf waren sie Eltern und immer am Rande der Überforderung. Die Konflikte wurden nicht weniger und fingen an, seine Arbeitsleistung in einer Schokoladenfabrik zu beeinträchtigen. So sehr, bis er deswegen im Mai 2010 entlassen wurde.

In der neuen Wohnung hatten sie getrennte Zimmer, sprachen praktisch nur noch miteinander, wenn es um Leo ging, ansonsten herrschte eisiges Schweigen oder Psycho-Druck via Zettel. Im Juni 2010 war Tanner so verzweifelt, dass er nicht mehr wusste, was er tun sollte. Als Arbeitsloser eine neue Wohnung zu finden, war schwierig, zudem wollte er seinen Sohn nicht zurücklassen. «Ich konnte nicht mehr richtig schlafen, und Leo ass plötzlich nicht mehr normal.» Es war dann Tanners Mutter, die ihm vom Verein für elterliche Verantwortung erzählte, über den sie einen Beitrag im Fernsehen gesehen hatte. Kurz darauf stand er mit dem Leiter des Zwüschehalt in Kontakt. Mit seiner Hilfe plante er die Flucht.

«Eines Morgens gingen wir einfach, Leo und ich in einem bis zum Dach vollgepackten Auto.» Sie hinterliessen lediglich einen Zettel mit einer Nachricht: «Wir sind in einer geschützten Einrichtung. Ich melde mich wieder.» Tanner war sicher, dass sie polizeilich nach ihm suchen lassen würde, aber der Zwüschehalt hatte die Polizei bereits präventiv über die Situation und seinen Aufenthalt informiert.

Einen Monat blieben sie dort, Tanner fühlte sich gestützt und gestärkt. Er kümmerte sich um seinen Sohn, leitete mit einem Anwalt das Scheidungs- und Eheschutz-Verfahren ein, suchte nach einem neuen Job und einer neuen Wohnung. Letzteres fand er dann am anderen Ende des Kantons dank eines verständnisvollen Vermieters. Beim Zwüschehalt geht er jedoch noch heute regelmässig vorbei; jeweils am Donnerstagabend trifft sich eine Männergruppe, mal einfach zum geselligen Zusammensein, oft aber auch zum Besprechen ihrer Situation. «Es hat einige Zeit gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass ich das Opfer in unserer Beziehung war», sagt Tanner. «Diese Gespräche haben meine Erlebnisse aber auch in die richtige Perspektive gerückt: Andere hatten viel schlimmere Geschichten, physische Gewalt zum Beispiel habe ich nie erlebt.»

Seit Mitte 2014 hat sich Tanners Leben wieder normalisiert: Er hat einen neuen Job im Transportdienst eines Spitals, er hat eine neue Beziehung, und auch mit seiner ehemaligen Frau kommt er relativ gut aus. «Sie ist heute eine bessere Mutter. Wir teilen uns das Sorgerecht für Leo (8), er lebt inzwischen bei ihr, ist aber regelmässig bei mir. Und ich gehe fast täglich vorbei, um ihn zu sehen und zum Beispiel zur Schule zu bringen. Zum Glück war er noch so jung, als all das passierte. Er erinnert sich heute an nichts mehr.» Und so schwierig diese Zeiten waren, Tanner hat sich durch sie auch weiterentwickelt. «Ich bin reifer geworden, habe gelernt, was es heisst, Vater zu sein, Verantwortung zu übernehmen. Und ich weiss heute auch: Ein Mann ist erst dann richtig stark, wenn er auch Schwäche zeigen kann.»

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Daniel Auf der Mauer