Archiv
04. Mai 2015

Versöhnung mit Neil

Neil-Diamond-Platte von 1971
Die Neil-Diamond-Platte von 1971.

Schon ein sonderbares Tier, dieses Facebook. Die Fragen, die es einem stellt! «Bänz, aus welcher Stadt kommst du?», blinkt es eines Morgens an meinem Bildschirm auf. Denn offenbar habe ich nie eine Heimatstadt eingetragen. Und Facebook wäre nicht Facebook, würde es mir nicht sogleich Optionen anbieten: «Bern? Martin Flury und mehr als 50 weitere Freunde sind von hier.» Oder: «Zürich? Viviane Sigg und mehr als 50 weitere Freunde sind von hier.» Beides richtig und beides falsch, weil …

Bänz Friedli (50) holt seine erste LP hervor
Bänz Friedli (50) holt seine erste LP hervor.

Nein, zunächst muss ich von Neil Diamond erzählen. Es war meine erste LP: «Stones» von ebendiesem Diamond, 1971 erschienen. Ich muss die Platte zwei, drei Jahre später im Berner Warenhaus Loeb gekauft haben. Jeweils am Donnerstagnachmittag fuhr ich mit dem Postauto in die Stadt, Klavierstunde. Und vor der Heimfahrt schlich ich mich manchmal in den Loeb; Schallplattenabteilung, dritter Stock. Bloss war «Stones» zu wenig cool, als dass ich damit hätte auftrumpfen können, später, als wir dann 20-, 30-jährig waren. Andere blufften mit Patti Smith, Public Enemy oder wenigstens mit «Burnin’» von Bob Marley, da nahm sich mein Neil Diamond etwas bünzlig aus; ein Troubadour, den viele wegen seines Hangs zur grossen Geste, zur pompösen Melodie für einen Schlagersänger hielten. Ich schämte mich seiner, jahrzehntelang.

Doch als ich letzthin spätabends noch unterwegs war, erklang aus dem Autoradio der erste Song besagter LP, den ich seit über 40 Jahren auswendig kenne, dem ich aber offenbar nie recht zugehört hatte:
«I Am … I Said». Er sei «verloren zwischen zwei Küsten», singt Diamond darin: «L.A.'s fine, but it ain’t home, New York's home, but it ain't mine no more.»
Sprich: «Los Angeles ist okay, aber es ist nicht meine Heimat. New York wäre Heimat, aber es ist nicht mehr meins.»
Und jetzt plötzlich begriff ich, was das Lied mir damals hatte sagen wollen. Auch ich bin aus der Stadt meiner Jugend weggezogen und mag die neue. Sehr, sogar. Und habe mich hier doch etliche Jahre nicht ganz daheim gefühlt.

Zu Hause holte ich «Stones» wieder hervor und merkte, welch wunderbare Platte es ist. Diamond bewies Geschmack, er interpretierte Songs von Joni Mitchell, Leonard Cohen, Jacques Brel, Randy Newman – von lauter Grossen.
«I Am … I Said» ist übrigens ein Lied übers Alleinsein: «‹Hier bin ich!›, schrie ich, und keiner hörte zu. Nicht mal der Stuhl.»
Ich habe mich mit «Stones» versöhnt und höre sie jetzt öfter, die alte LP. Zum Glück hab ich meinen Plattenspieler behalten. Und wenn Facebook mitten in der Nacht wieder fragt: «Aus welcher Stadt kommst du?», denk ich: Das ist nicht so wichtig.


Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

Hörkolumnen bei iTunes

Hörkolumnen mit RSS-Client

Website: www.baenzfriedli.ch

Bänz Friedlis Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli