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16. Februar 2015

Verpackungskunst

richtig eingepackt
Bis die Kleinen einmal richtig eingepackt sind... (Bild: Getty Images)

Warum hat noch niemand einen Skianzug für Kinder erfunden, an dem Strumpfhose, Winterstiefel, Schal und Kappe schon dranhängen? So ein vollintegriertes Teil, in das man die Kleinen in null Komma nix mit Hilfe einer Druckluftkartusche reinschiessen könnte? Das, liebe Leute, würde unser Elternleben echt vereinfachen. Mindestens so sehr wie diese Nasensekretsauger, die es im Babyfachmarkt gibt. (Sollten Sie die nicht kennen, hier eine kurze Erklärung: Man schiebt eine Art Pipette in Babys Nase. Dann löst man ein Vakuum aus und – schlupsch – ist der gelbgrüne Monsterrotz im Sauger und nicht mehr im Kind.)

Aber eben, eine solche Zwergenverpackung gibts nicht – obwohl ich dafür sogar richtig viel Geld ausgeben würde. Folglich erleben wir alle Jahre wieder das traditionelle Wintersachenanziehdrama. Und zwar jeden verdammten Wintertag. Mehrmals. Lassen Sie es mich gleich sagen: Ich hasse das. Wenn mir die Elternpolizei nicht immer im Nacken sitzen würde, dürften Ida und Eva meinetwegen auch mal barfuss durch den Schnee tollen. Oder ohne Kappen die schwarze Piste hinunterwedeln. So als Abhärtungsmassnahme.
Aber nein, geht gar nicht. Also beuge ich mich und zwänge Kinderbeine in verdrehte Strumpfhosen, entwirre Skihosenträger, knote Schals um störrische Hälse und zippe Jacken zu, bis die Reissverschlüsse ächzen. Da Ida und Eva Fäustlinge total uncool finden, sind Fingerhandschuhe mittlerweile mein absolutes Spezialgebiet. Zwischenzeitlich bin ich so geübt, dass ich auch das letzte verirrte Fingerchen garantiert früher oder später in die richtige Röhre bugsieren kann.

Neulich kam mir bei diesem Ankleideritual ein Gedanke: Im Prinzip bin ich so eine Art moderner Knappe. Die Multifunktionsjacke mit ihren unzähligen Reissverschlüssen ist die Ritterrüstung der heutigen Zeit. Wer einmal drinsteckt, kann sich (angeblich) nicht mehr bewegen. Deswegen erstarren meine Kinder immer und strecken alle viere von sich, wenn es ans Schuheanziehen geht. Der Mittelaltervergleich hinkt aber an manchen Stellen. Ich kann mir beispielsweise nicht vorstellen, dass die Ritter andauernd nörgelten und motzten, wenn das nächste Teil der Ausrüstung kam. Das hätte ungefähr so geklungen: «Manno, Knappe Willibald, muss ich heute echt dieses doofe Kettenhemd anlegen? Und warum ist dieser Brustpanzer so eng? Ich will ihn heute nicht anziehen, trage er ihn weg!»
Ob die edlen Herren auch in Tränen ausbrachen, wenn ihr Lieblingsbrustpanzer gerade in der Waschmaschine, äh, im Waschzuber lag? Setzten sie auch zum «Stämpfelen» an, wenn ihre Knappen befanden, ein wärmendes Mützlein unterm Helm sei angebracht? Eher nicht.

Aber egal, wir Eltern wachsen mit unseren Aufgaben. Wir verpacken die Kinder selbst dann, wenn sie täubeln und partout nicht mithelfen wollen. Neulich machte mir Ida ein Riesenkompliment. Sie stand an der Wohnungstür, von Kopf bis Fuss warm eingepackt, bereit für eine Polarexpedition, und sagte: «Mami, also heute warst du echt schnell mit dem Anziehen!»

Autor: Bettina Leinenbach