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09. März 2015

«Der Kreis»: Verliebt seit 58 Jahren

Ernst Ostertag und Röbi Rapp sind wohl das bekannteste Schwulenpaar der Schweiz. Seit ihre Geschichte in «Der Kreis» verfilmt wurde, sind die beiden älteren Herren auch in New York und Kiew gefragte Leute.

Die Helden und ihre Schauspieler
Ernst Ostertag (2. v. l.) und Röbi Rapp (2. v. r.) mit ihren Darstellern Matthias Hungerbühler (links) und Sven Schelker. (Bilder: Aliocha Merker / Contrast Film)

Steter Tropfen höhlt den Stein. Diese Strategie habe in der Schweiz funktioniert, sagt Ernst Ostertag (85), und sie werde es auch andernorts, wo die Gesellschaft noch nicht so weit sei. Als er seinen Partner Röbi Rapp (84) vor 58 Jahren an den geheimen Veranstaltungen der Zürcher Schwulenorganisation «Der Kreis» kennenlernte, mussten sie ihre Liebe im Verborgenen leben. Letzten November gab der Schweizer Generalkonsul in New York ihnen und ihrem Film zu Ehren einen Empfang in seiner Residenz. «Es waren sicher 100 Leute dort, Journalisten und Politiker», erzählt Röbi Rapp.

Alle waren sie gekommen, um jene zwei Männer zu treffen, deren Geschichte Stefan Haupt in seinem Film «Der Kreis» so eindrücklich und bewegend verfilmt hat. «Noch vor zehn Jahren wäre ein solcher Empfang unvorstellbar gewesen», sagt Ostertag. Genauso wenig hätten die beiden sich jeträumen lassen, in einem Kino am SunsetBoulevard in Hollywood gefeiert zu werden, wo der Film ein paar Tage später gezeigt wurde. Die Schweiz hatte ihn ins Rennen um einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film geschickt. Entsprechend intensiv war die Promotion in den USA. Auch bei den Golden Globes stand «Der Kreis» auf der Liste – am Ende schaffte er es bei beiden nicht in die Endrunde, «aber dass er überhaupt so weit gekommen ist, hätten wir niemals zu hoffen gewagt», sagt Ostertag.

Röbi Rapp und Ernst Ostertag in den 60er-Jahren.
Röbi Rapp und Ernst Ostertag in den 60er-Jahren.
Sven Schelker und Matthias Hungerbühler im Film «Der Kreis».

Doch es ist ihm wichtig zu betonen, dass es nicht um sie als Paar geht. «Es geht um die Sache.» Um das Ringen für gleiche Rechte. Vor allem wollten Ostertag und Rapp dem «Kreis» ein Denkmal setzen. Jener Vereinigung, die Schwule aus ganz Europa und sogar Übersee in die Schweiz lockte. Nachdem die Eidgenossenschaft 1942 das Strafrecht revidiert und nebenbei die Homosexualität entkriminalisiert hatte, war sie eine einsame liberale Insel im ansonsten schwulenfeindlichen Europa. Von 1943 bis 1967 erreichte «Der Kreis» mit seiner gleichnamigen Zeitschrift bis zu 2000 Abonnenten, rund ein Drittel ausserhalb der Schweiz. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war es weltweit das einzige Homosexuellenmagazin, das zudem zweisprachig und ab 1952 gar dreisprachig herauskam.

Stefan Haupts Film erzählt vom Höhepunkt und Niedergang dieser Organisation, die vom Zürcher Schauspieler Karl Meier unter dem Pseudoynm Rolf geleitet wurde. Im «Kreis» hat auch die Liebesgeschichte des Lehrers Ernst Ostertag und des Schauspielers und Sängers Röbi Rapp begonnen. Der Film zeigt, wie schwierig es in den 50er- und 60er-Jahren war, schwul zu sein. Welche Versteckspiele nötig waren, um gesellschaftlich nicht geächtet zu werden. Wie die Zürcher Behörden nach einigen Morden in der Schwulenszene die Schrauben anzogen und so den «Kreis» in den Untergang trieben.

Grosses Interesse in Kiew – und ein Brandsatz

«Das Tauwetter begann zwischen 1968 und 1973», sagt Ernst Ostertag. «Seither geht es stetig vorwärts.» Ostertag und Rapp sind Aktivisten der ersten Stunde und kämpften über Jahrzehnte für mehr Rechte für Schwule und Lesben. Ganz zufrieden sind sie noch nicht. «Dass es Einzelpersonen erlaubt ist, Kinder zu adoptieren, nicht jedoch einem Paar in eingetragener Partnerschaft, ist absurd.» Zudem brauche es bessere Antidiskriminierungsmassnahmen in der Wirtschaft. Hingegen halten sie es nicht für nötig, die Ehe für Schwule und Lesben zu öffnen. «Das ist doch eine längst überholte Institution», sagt Ostertag. «Gescheiter würde man die Partnerschaft für Heteros öffnen und der Ehe gleichstellen!»

Beide sind sich auch durchaus bewusst, dass die erkämpften Fortschritte nicht für alle Ewigkeit garantiert sind. «Wenn die Zeiten wieder schlechter werden und die Gesellschaft erneut nach Sündenböcken sucht, kann es auch für uns wieder schwieriger werden.» Auf ihren Reisen zu Filmfestivals in Europa besuchten sie neben Deutschland und Italien auch die Ukraine. «Dort leben Schwule und Lesben heute noch so, wie der Film es zeigt», sagt Rapp. Umso grösser war der Andrang in Kiew. «Vom Teenager bis zum Greis am Stock kam alles», sagt Ostertag. «Und die Fragen nach Ende des Films wollten nicht aufhören.» Um Mitternacht sassen noch immer viele im Saal, als zwei Redaktoren einer ukrainischen Schwulenzeitschrift um ein Interview baten. «Erst nach ein Uhr kamen wir ins Hotel», sagt Rapp und lacht.

Noch am selben Tag attackierten vermummten Schwulenhasser die Kinobesucher während einer anderen Vorstellung des Festivals – sie warfen einen Brandsatz. Die Zuschauer konnten sich retten, aber das Kino brannte total aus. «Schlimm», sagt Ostertag. «Aber auch eine Chance, denn in solchen Situationen fühlt sich die Gesellschaft schuldig, und die Gelegenheit ist da, um öffentlich klare Forderungen an die Verantwortlichen zu stellen. So haben wir das früher oft gemacht.» Und eben: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Seit zwölf Jahren eine Beziehung zu dritt

Privat sind die beiden auch nach so langer Zeit noch sehr glücklich, behaupten sogar, niemals einen richtigen Krach gehabt zu haben. Ihr Geheimnis: «Es hilft, wenn man Interessen teilt oder sich neue gemeinsame schafft. Und man sollte den anderen nicht verändern wollen, sondern ihm im Gegenteil Raum geben, sich so zu entwickeln, wie es ihm entspricht.» Zudem haben die beiden immer eine offene Beziehung geführt, sich gegenseitig also «aussereheliche» Affären erlaubt und einander auch davon erzählt. Oft führte das zu langjährigen Freundschaften, kaum zu Eifersucht, nie zu einer Krise.

Und seit inzwischen zwölf Jahren leben sie ihre Beziehung zu dritt – mit einem Mann, der halb so alt ist wie sie. Giovanni Lanni (41) ist Logistiker, ein Schweizer mit italienischen Wurzeln aus dem Kanton Glarus. «Er hat uns zwei Jahre lang verfolgt, ohne dass wir es bemerkt haben», erzählt Rapp. Immer wieder sei er an Veranstaltungen aufgetaucht, habe sich aber nicht getraut, sie anzusprechen.

Lanni hat sein Leben lang Beziehungen mit deutlich älteren Männern gesucht. «Wir wussten nicht, dass es eindeutig Seniorenliebende gibt, bis wir ihn kennengelernt haben», sagt Ostertag. Er wohnt nicht in ihrer Wohnung im Zürcher Seefeld, verbringt aber das Wochenende meist dort; sie telefonieren täglich, gehen auch immer gemeinsam auf Reisen. Und der Sex ist, hohes Alter hin oder her, auch immer noch rege und gut. Dennoch liegt ein Schatten über dem Glück. Röbi Rapp kämpft schon seit einiger Zeit mit Herzproblemen und überlebte im Herbst 2013 nur knapp einen Herzinfarkt, der ihn auf Kreta beim Schwimmen ereilte. «Eine Frau zog mich aus dem Wasser, sonst wärs das wohl gewesen.»

Die beiden haben zwar schon vor Jahrzehnten zum Buddhismus gefunden, meditieren regelmässig und strahlen eine gewisse Gelassenheit aus. Aber die Vorstellung, ohne den jahrzehntelangen Partner weitermachen zu müssen, löst bei beiden Ängste aus. «Angesichts von Röbis Gesundheit musste ich mich in letzter Zeit vermehrt mit diesem Gedanken auseinandersetzen», sagt Ostertag. «Obwohl, man kann ja nie wissen, vielleicht trifft es auch mich zuerst.» Eines sei klar, ohne Röbi wäre es in jedem Fall sehr, sehr schwierig. «Dennoch», und da ist er wieder ganz Buddhist, «es würde irgendwie weitergehen. Letztlich gibt es nur eine Konstante im Leben: die Veränderung.»

«Der Kreis» erscheint am 12. März auf DVD.