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11. August 2014

Verkehrsunfälle

Tango mit magischen Spermien
Ein Tango mit «magischen Spermien»? (Bild: Getty Images)

Ich bin ein Verkehrsunfall. Meine Mutter weiss bis heute nicht, wie es dazu (= zu mir) kommen konnte. Ich hätte schon eine Idee, aber lassen wir das... Glücklicherweise waren meine Eltern damals, zum Zeitpunkt meiner Zeugung, bereits ein halbes Jahr mit kirchlichem Segen verheiratet. Die verfrühte Schwangerschaft wurde somit für die Weltöffentlichkeit geschwind zum Wunschereignis umgedeutet. Denn: Ungewollt schwanger wurden damals nur die Doofen.

Irgendwie nahm ich mir das zu Herzen. Deswegen verhütete ich bei meinem ersten Mal gleich dreifach: Mit der Pille und einem Scheidenzäpfchen. Ausserdem überzeugte ich meinen damaligen Freund davon, dass ein Kondom ebenfalls unerlässlich sei. Als wir uns endlich einigermassen sicher fühlten, war der Beischlaf ungefähr so aufregend wie eine Inventur in einer Apotheke.

Merkwürdigerweise verlor sich dieses überbordende Sicherheitsbedürfnis mit der Zeit. Erst gingen die Scheidenzäpfchen über Bord (und mit ihnen der wenig inspirierte Boyfriend). Später, als ich meinen heutigen Mann traf, wurden die Präservative für schlechtere Zeiten eingespart. Am Schluss setzte ich sogar die Pille ab. («Diese ganzen Hormone sind schlecht für die Haut und belasten ausserdem die heimischen Gewässer.») Aber Kinder wollten wir selbstverständlich noch keine. Unter uns: Es ist ein Riesenzufall, dass Ida statt 2008 nicht schon 2006 zur Welt kam...

So wie mir ging und geht es übrigens vielen Frauen. Mit dem Alter kommt der Schlendrian. Das finde ich grundsätzlich nicht schlimm. Ganz im Gegenteil: Ist das Leben nicht viel schöner, wenn man nicht immer alles im Griff hat? In den meisten Familien ist noch jede Menge Platz für Nachzügler und Ooops-Babies. Gerade kenne ich drei (!) Hochschwangere, die jeweils auf ihr drittes Kind warten. In allen Fällen tanzten die Eizellen nach Aussagen der werdenden Mütter vollkommen überraschend mit den Samenzellen Tango. Kollegin A wurde angeblich zu einer Unzeit (Zyklusanfang) schwanger. Kollegin B glaubt allen Ernstes, die Pille habe versagt. Und Kollegin C schwört, ihr Mann habe magische Spermien.

So schliesst sich der Kreis. Warum können wir nicht zu den Verkehrsunfällen, bei denen niemand zu Schaden gekommen ist, stehen? Unter «Schaden» verstehe ich übrigens nur die wirklich unangenehmen Dinge. Weniger Schlaf, angesägte Nerven und hängende Brüste zähle ich aber definitiv nicht dazu. Von meiner lieben Nachbarin (ebenfalls eine Karambolage-Beteiligte ... das Ooops-Kind kommt in wenigen Tagen in den Chindsgi...) stammt dieser wunderbare Satz: «Unser Verkehrsunfall wurde zum Glücksfall. Ohne den Kleinen wären wir nicht komplett.»

Autor: Bettina Leinenbach