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19. November 2012

«Verglichen mit anderen Ländern haben wir wenig Probleme»

Trotz Finanz- und Eurokrise ist der frühere UBS-Chef Peter Kurer optimistisch für die Schweiz. Letzte Woche diskutierte er mit dem ehemaligen Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand am Gottlieb-Duttweiler-Institut über Geld und Geist.

Philipp Hildebrand (links) und Peter Kurer (rechts) im Gespräch mit 
Felix E. Müller
Philipp Hildebrand (links) und Peter Kurer (rechts) im Gespräch mit 
Felix E. Müller, 
Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», am Gottlieb-
Duttweiler-Institut in Rüschlikon ZH.

Wenn die UBS gesundschrumpft: Von 2008 bis zum Ende des angekündigten Sparprogramms baut die UBS über 35% der Stellen ab. Die Zeche bezahlen die Angestellten – kein Einzelfall in der Branche.

Peter Kurer, Europa ringt noch immer mit der Eurokrise. Wieso ist sie so schwierig in den Griff zu bekommen?

Es sind ja viele Lösungen angedacht, die auch funktionieren würden. Aber die EU ist komplex organisiert, sie besteht aus 27 Ländern, die teils ganz unterschiedliche Positionen vertreten. Zentral ist die Auseinandersetzung zwischen den kriselnden Staaten an der Peripherie und den reichen Ländern Nordeuropas, die Angst haben, am Ende alles bezahlen zu müssen und dadurch auszubluten.

Wird der Euro den Streit überleben?

Pessimisten hatten in den letzten vier Jahren ein besseres Leben, weil sie meistens recht bekamen. Was den Euro betrifft, rechne ich aber damit, dass die bisher angewandte Strategie des Durchwurstelns weiter funktionieren wird. Das Risiko besteht allerdings, dass das nicht nur ein oder zwei Jahre anhält, sondern zehn.

Heisst das, dass das Schlimmste vorbei ist?

Die Märkte haben realisiert, dass es wohl nicht zu einer Explosion kommen wird, sondern dass die Lage mithilfe der EZB und der Politik einigermassen stabil gehalten werden kann. Nur heisst das nicht, dass Europa bald wieder wachsen kann. Für mich ist das wahrscheinlichste Szenario, dass es Europa so ergehen könnte wie Japan, das seit zwanzig Jahren wirtschaftlich stagniert.

Würde sich die Schweiz dem entziehen können? Bisher ist sie ja erstaunlich unbeschadet durch die Krise gekommen.

Wenn es Europa schlecht geht, betrifft das auch die Schweiz. Aber wir haben uns rechtzeitig auf die aufstrebenden Länder Asiens und Südamerikas ausgerichtet, und wir haben gerade im Industriesektor viele hochinnovative und bewegliche Unternehmen. Damit lässt sich einiges kompensieren. Unser Finanzmarkt ist ausserdem stark auf Vermögensverwaltung fokussiert und wird dies in Zukunft noch ausgeprägter sein. In den sogenannten Emerging Markets, also etwa China, Indien, Russland, Brasilien, entstehen derzeit grosse Vermögen – viele davon landen bei uns. Ich bin für die Schweiz relativ optimistisch.

Selbst wenn der Franken so stark bleibt?

Ich denke schon. Unser Industriesektor macht 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus, das ist vergleichsweise viel, ein gesunder Anteil. Natürlich werden wir etwas verlieren, der Wechselkurs ist tatsächlich ein Problem. Aber mit einer klugen Standortpolitik und den richtigen Rahmenbedingungen für Innovation und Wissenstransfer bleiben wir gut positioniert.

Wie lange wird die Nationalbank die Untergrenze zum Euro noch aufrechterhalten?

Eine Prognose kann da niemand machen. Es ist eine kluge Politik der Nationalbank, und es ist wichtig, dass wir dahinterstehen und keine politischen Spielchen spielen. Wenn sich die Lage in der Eurozone weiter entspannt, wird man die Untergrenze irgendwann mal aufheben können, aber das wird wohl noch eine Weile dauern.

Der Schweizer Finanzplatz steht schwer unter Druck. Wie wird er all die Steuerabkommen und Weissgeldstrategien überstehen?

Die Debatte wird in der Schweiz viel stärker geführt als im Ausland. Von aussen gesehen wirkt alles viel weniger dramatisch. Ich höre immer wieder: «Eure Probleme hätten wir gerne.» Es gibt global fünf wirklich gut funktionierende internationale Finanzplätze, die beiden grossen New York und London sowie die drei kleinen Singapur, Hongkong und Zürich. Die Schweiz ist in einer Anpassungsphase, wir haben akzeptiert, dass Schwarzgeld keine Option mehr ist, und ich bin zuversichtlich, dass der Finanzplatz das über kurz oder lang verdaut haben wird.

Aber Kapitalabflüsse sind unvermeidlich.

Gesamthaft ist auch in den letzten Jahren mehr Geld reingekommen als abgeflossen. Und zwar aus allen geografischen Regionen. Ich denke auch, dass die Leute, die nur wegen des Schwarzgelds gekommen sind, nun nicht mehr kommen und die Banken sie auch nicht mehr nehmen. Doch es fliessen Gelder aus Stabilitätsüberlegungen zu uns. Ich war letzte Woche in London und habe dort mit einem bedeutenden Investmentbanker geredet, der mir sagte, er habe jeden Penny seines versteuerten Geldes in der Schweiz, weil er seiner Regierung nicht traue. Das Gleiche höre ich auch in anderen Ländern. Die Schweiz ist ein stabiles Land mit einem funktionierenden Rechtsstaat.

Hätten Sie sich als UBS-Chef vorstellen können, dass es beim Bankgeheimnis so rasch zu einem Strategiewechsel kommen könnte?

Ich habe damit gerechnet, dass das Bankgeheimnis als Schutz für Schwarzgeld zu einem Ende kommen würde, und es hat sogar länger gedauert, als ich erwartet hätte. Wir haben ja bei der UBS auch versucht, das energisch und rasch zu lösen. Die UBS ist jetzt praktisch die einzige Bank, die das hinter sich hat.

Die Schweiz wirkt politisch etwas isoliert. Stimmt der Eindruck?

Verglichen mit anderen Ländern haben wir relativ wenig Probleme. Ich glaube auch nicht, dass wir politisch isoliert sind, allerdings kriegen wir schon zu spüren, dass wir der EU nicht angehören. Das müssen wir mit einer smarten Politik kompensieren.

Tun wir das denn?

Im Grossen und Ganzen schon. Unsere Regierung und ihre Politik haben im internationalen Vergleich eine recht hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung. Wir haben vielleicht keine brillanten Redner, aber als Team erbringt die Regierung eine sehr gute Leistung.

Das Risiko für soziale Spannungen steigt jedoch, gerade auch im Westen.

Das ist vermutlich unser grösstes Problem. Wenn wir nicht mehr wachsen, gehen wir vielleicht zum Lebensstandard von vor zehn oder 15 Jahren zurück, aber die meisten von uns haben auch damals gut gelebt. Es entstehen jedoch grosse Frustrationen, und die Arbeitslosigkeit in einigen Ländern nimmt beunruhigende Ausmasse an. Bei sozialen Spannungen steigt in Europa immer das Risiko, dass der Faschismus wieder sein Haupt reckt. Das sind die Entwicklungen, die mir wirklich Sorgen machen.

In den USA hat man 2006 das Platzen der Immobilienblase nicht kommen sehen. Aus heutiger Sicht kaum zu glauben.

Einige haben es schon kommen sehen. Man hat einfach nicht gedacht, dass der Immobilienmarkt sich mehr als 30 Prozent korrigieren könnte. Das hatte es zuvor noch nie gegeben. Die UBS, wie viele andere Banken, war ja nicht direkt im US-Immobilienmarkt engagiert, sondern über Anlageinstrumente. Und die hielt man für genügend gut abgesichert.

Wie war das damals für Sie? Sie waren ja als UBS-Chef mitten im Sturm. Kam da jede Woche was Neues, bei dem Sie dachten, mein Gott, hört das irgendwann mal wieder auf?

Was heisst jede Woche, jede Stunde!

Eine schwierige Zeit also.

Sicher eine nicht ganz einfache, ja.

Wie managt man so was?

Man muss klare Prinzipien haben und die Bereitschaft einzugreifen, wenn gewisse Kennwerte unter eine bestimmte Grenze fallen. Man braucht ein gutes Team, man darf sich nicht selbst belügen und muss nach aussen die Situation offen darlegen. Das zwingt einen zur Ehrlichkeit und zu raschem Handeln. Einige europäische Banken verstecken heute noch Probleme, die wir vor fünf Jahren gelöst haben.

Fotograf: Paolo Dutto