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19. September 2016

Verfehlen Negativzinsen ihr Ziel?

Die Negativzinsen werden zusehends zum Bumerang: Statt die Wirtschaft anzukurbeln, schüren sie neue Verunsicherung.

Sparquote der privaten Haushalte
Trotz Negativzinsen sparen die Leute mehr als früher: Sparquote der privaten Haushalte in Prozent des verfügbaren Einkommens. (Quelle: OECD)

Auf Teufel komm raus haben die Notenbanken seit der Finanzkrise den Geldhahn geöffnet – was ich im Rahmen dieser Kolumne stets kritisch beurteilt habe. Tatsächlich erhärten sich nun die Anzeichen dafür, dass die Null- oder Negativzinsen ihre hoch gesteckten Ziele verfehlen. Vielmehr drohen sie die Probleme der Wirtschaft sogar noch zu verschärfen.

Offensichtlich ist der Misserfolg bei der Inflation: Die von den Notenbanken angepeilte Teuerungsrate von zwei Prozent bleibt in weiter Ferne, insbesondere in Europa und Japan. Auch die Investitionstätigkeit stagniert nach wie vor, obwohl die Zentralbanken weltweit jeden Monat Anleihen für mehr als 150 Milliarden Franken aufkaufen.
Diese riesige Geldspritze verpufft jedoch, weil sich an den eigentlichen Ursachen der Investitionsblockade nichts ändert.

Nicht einmal die Konsumenten halten sich an das Drehbuch der Notenbanken. Gemäss deren Kalkül müssten die rekordtiefen Zinsen die Leute dazu bringen, das Geld weniger zu «horten» und stattdessen mehr zu konsumieren. Wie die Statistiken aber zeigen, geht die Sparneigung nicht wie erhofft zurück, sondern sie steigt im Gegenteil weiter an. In der Grafik (oben) dargestellt sind die Sparquoten der privaten Haushalte in denjenigen fünf Ländern, in denen die Zinsen am stärksten in den negativen Bereich abgerutscht sind.

Aber warum lassen sich die Haushalte trotz extremer Zinsflaute nicht von ihrem Sparwillen abhalten? Die Notenbanken hatten sich folgende Reaktion der Leute erhofft: Sparen lohnt sich weniger, also gebe ich mehr Geld aus. Doch ein Grossteil der Bevölkerung sagt sich: Um mein Sparziel im Alter erreichen zu können, muss ich künftig noch disziplinierter haushalten als früher. Statt eine positive Konsumstimmung zu schaffen, schürt die Geldpolitik nun ein Klima des Misstrauens.

Die Währungshüter haben zu Methoden gegriffen, die bis vor Kurzem noch als utopisch galten. Ihre Begründung war, dass sie auf diese Weise die Wirtschaft besser lenken könnten. Doch je länger die zähl­baren Resultate ausbleiben, desto mehr unter­graben sie ihre eigene Reputa­tion – mit dem Effekt, dass sie damit ihr langfristig wichtigstes Kapital verspielen: ihre Glaubwür­digkeit. 

DAS GEFÄHRLICHE WAGNIS DER NOTENBANKEN
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Autor: Albert Steck