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12. August 2013

«Für Zeit gibt es keine Rezession»

Die Blumen des Nachbarn giessen und dafür das eigene Zeitkonto aufstocken: Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschrift heisst das Altersmodell der Zukunft. Der Verein Kiss macht dies möglich. Regula Schärli Beck (57), Geschäftsführerin der Genossenschaft Kiss Luzern, erklärt, wieso Altersheime bald überflüssig sein könnten und wie ihre persönliche Zukunftsvision aussieht.

Regula Schärli Beck
Regula Schärli Beck (57)

Regula Schärli Beck, wofür steht Kiss?
Der Verein Kiss steht für «Keep it small and simple». Wir wollen räumlich möglichst klein bleiben und wenig Administration betreiben.
Wie funktioniert Kiss?
Unsere Idee ist, dass man in Stadtteilen oder ganzen Gemeinden Gruppen von Leuten aufbaut, die sich gegenseitig Nachbarschaftshilfe leisten. Es geht dabei nicht um die medizinische Pflege, die wird weiterhin von der Spitex übernommen. Bei uns geht es nur um Betreuung und Begleitung: Wenn man nicht mehr mit dem Hund spazieren oder seinen Balkon bepflanzen kann. Jeder kann mit einem Anteilschein von 100 Franken Genossenschaftsmitglied werden und bekommt ein Zeitkonto. Darauf werden Stunden gutgeschrieben, wenn man etwas leistet, und abgebucht, wenn man sie bezieht.
Wir vom Verein Kiss schauen darauf, dass nur Personen Leistungen beziehen, die sich in einer entsprechenden Notsituation befinden oder körperlich eingeschränkt sind. Der Aufwand ist auf höchstens sechs Stunden Zeitarbeit pro Woche festgelegt. Wir folgen Beispielen von Gemeinden aus Deutschland, wo dieses Modell schon seit 20 Jahren sehr gut funktioniert.
Aus welchem Bedürfnis heraus wurde der Verein Kiss gegründet?
Eine Gruppe aus Pflegefachleuten und Architekten fand: Die alternde Babyboomer-Generation wächst uns mit den vorhandenen Mitteln über den Kopf. Es braucht ein neues Altersmodell. Wir 60-Jährigen von heute wollen nicht mehr ins Altersheim, wir sind individualistischer geworden und möchten gerne zu Hause bleiben.
Welche Zukunftsvision haben Sie?
Unsere Hauptvision ist, dass die Menschen in Quartieren und Gemeinden sich wie früher gegenseitig kennen und sich wenn nötig gegenseitig unter die Arme greifen. Wir wollen Leuten mit einer Lücke in der AHV die Möglichkeit geben, sich wenigstens menschlich gut abzusichern. Für mich persönlich hoffe ich, dass ich mit 80 Jahren betreut werde, obwohl ich keine Kinder habe.
Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um Genossenschaftsmitglied zu werden?
Man muss an dem Ort wohnen, wo die Genossenschaften momentan tätig sind: Luzern oder Sarnen. Unser langfristiges Ziel ist, dass jede Gemeinde in der Schweiz eine Genossenschaft hat, sodass man sich auch mal über die Kantonsgrenzen hinweg die Stunden schenken kann. Das wäre praktisch für Verwandte, die weit weg wohnen.
Zeitkonto-Gutschriften sollen das Altersmodell der Zukunft sein. Werden Altersheime irgendwann überflüssig?
Altersheime, wie wir sie jetzt kennen, könnten tatsächlich überflüssig werden. Untersuchungen besagen, dass fast 80% der Leute in Altersheimen eine so geringe Pflegestufe haben, dass sie keine Betreuung rund um die Uhr benötigen. Meist wäre nur eine Stunde pro Tag nötig. Doch dafür wohnen keine Angehörigen in der Nähe.
Müssen Pflege-Institutionen also um ihr täglich Brot fürchten?
Ich denke nicht. Die Entwicklung der Zeitgutschriften geht sehr langsam voran. Im Pflegebereich gibt es einen grossen Personalmangel. Um die Stellen habe ich keine Angst.
Welcher Anreiz zum Mitmachen besteht für junge Leute, die aktuell keine Betreuung brauchen?
Sie können sich Zeit für die sogenannte 4. non-monetäre Säule ansparen. Und das Wohnquartier wird auch für sie automatisch menschlicher.
Angenommen, ich möchte in 20 Jahren selbst Nachbarschaftshilfe in Anspruch nehmen. Wer garantiert mir, dass ich meine Zeit in Form von Hilfe wieder zurückbekomme?
Es funktioniert nur über Vertrauensbeziehungen. Man muss sich gegenseitig kennen. Dafür organisieren wir regelmässig Genossenschaftstreffen und Weiterbildungen.
Wie bessern Sie Ihr persönliches Zeitkonto auf?
Ich helfe meiner Mutter und meiner Schwiegermutter beim Bettenbeziehen, Wäscheaufhängen, Einkaufen oder Kochen.
Und wie kommen ältere Menschen auf ihre Stunden?
Meine Mutter beispielsweise kann als Psychotherapeutin für andere Gesprächstherapie anbieten und so noch auf ihre Stunden kommen. Andere gehen vielleicht jassen oder lesen jemandem aus der Zeitung vor. Es ist eben wie beim Start der AHV: Damals haben viele Leute AHV bekommen, ohne vorher je einen Rappen einbezahlt zu haben. Irgendwo muss man anfangen, jetzt bekommen die älteren Leute vielleicht ein paar Stunden geschenkt, ohne dafür etwas geleistet zu haben.
Welche Dienstleistungen sind am meisten gefragt?
Die meisten wollen jemanden zum Reden, Zeit für ein Gespräch. Einkaufen ist auch sehr gefragt.
Ist Zeit die Währung der Zukunft?
Ich sehe sie als Ergänzungswährung zum Geld. Mit der Zeit kann man nicht spekulieren oder Gewinn machen. Für Zeit gibt es keine Blase oder Rezession, sie ist stabiler.
www.kiss-zeit.ch

Autor: Silja Kornacher