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18. März 2013

Verdamp lang her

«Das ‹tote Tier› zitiere ich bis heute am Familientisch, meine Jungs können es schon gar nicht mehr hören …», schrieb Stefan, ein einstiger Arbeitskollege. Er war damals jeweils mit mir in der Brasserie Lorraine essen und geht seinen Söhnen offenbar, wann immer es Fleisch gibt, mit dem kruden Ausdruck vom «toten Tier» auf den Geist, den eine Bedienstete an die Menütafel zu schreiben pflegte: «Nudeln, Broccoli, totes Tier». Was meinst du, Stefan, womit ich meine Kinder bei jedem Fleischgericht ärgere?

Wir Väter sind unmögliche Sieche.

Wir Väter sind schon unmögliche Sieche. Bringen immer wieder dieselben Sprüche von früher und finden sie selber noch beim dreihundertsiebenundachtzigsten Mal lustig. Immer wieder dieselben Witzlein, dieselben Anekdoten. War es nicht just dies, was an meinem Vater nervte? Wenn er wieder mal aus Goethes «Hanswursts Hochzeit» zitierte, und zwar den strübsten Vers, den der Überdichter je gedichtet hatte: «… und hinten drein komm ich bey Nacht und vögle sie, das alles kracht.» Wenn er auf der Höhe von Horw schwadronierte: «Das ist jetzt das älteste Stück Autobahn», dabei hatte er das schon beim letzten und vorletzten Mal erzählt, und kurz darauf raunte er, wir führen jetzt «gen Italien». Seine Anspielungen waren meist literarischer Art, schliesslich war er Deutschlehrer. Aber das alles ist — um es mit meiner geliebten Band Bap zu sagen, besser: zu singen — «verdamp lang her, verdamp lang … verdamp lang her».

«Wir Väter sind unmögliche Sieche.»
«Wir Väter sind unmögliche Sieche.»

Womit wir beim Problem wären. Denn ich habe es eher mit der Musik, aber genauso zwanghaft, wie Vater es mit seinen Büchern hatte. Die Kinder und ich warten in Bern auf den Bus, es regnet, schon singe ich: «Und i stah hie vorem Fremo, u dr Räge hört nümm uuf …» Die Zeile stammt aus einem Lied von Stiller Has, und wir stehen genau vor dem Schuhladen im Regen, der für mich für immer «der Fremo» sein wird, auch wenn er längst anders heisst. Ist vom Haareschneiden die Rede, hebe ich an: «Mi einzig Fründ isch dr Coiffeur …» Und längst komplettieren Anna Luna und Hans, etwas gelangweilt: «… und dää heisst Kurt.» Ich zitiere mit Vorliebe obskure Berner Lieder, Stop the Shoppers hiess die Band. «Ist morgen schon Freitag?», will Anna Luna wissen, und mein reflexartiges «Shit! Hütt isch gar nid Fritig» nützt ihr in diesem Moment wenig, es ist nur die Reminiszenz an einen uralten Song von Züri West.

«Gopf, Vati, gibts irgendeine Lebenssituation, zu der dir keine Songzeile einfällt?», fragte unsere Tochter unlängst, leise entnervt. Eigentlich nicht. Ich singe von «Jailhouse Rock» bis «Gigi vo Arosa» wild drauflos, fahre meinem Sohn mit Juliane Werdings Heuler «Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst» übers Maul, raune ihm in guten Augenblicken «Gäu, mängisch fägts no» zu, einen Refrain von Tinu Heiniger, und es vergehen keine Ferien, in denen ich bei Erwähnung irgendwelcher Alltagssorgen, die sich mit in den Koffer geschmuggelt haben, nicht sänge: «You always take the weather with you …» Nur zahlen die Kinder mir das dauernde Gesinge neuerdings heim. In den Sportferien — ich war bei gezogenen Vorhängen noch am Dösen — murre ich, da ich sie in der Stube rumpeln höre: «Wie ist das Wetter?» Schon erschallt aus zwei Kehlen: «Oh, the weather outside is frightful … Let it snow, let it snow, let it snow.» Aber wetten, dass sie ihre eigenen Kinder dereinst mit dem «toten Tier» nerven?

Bänz Friedli live: 23.3. Beinwil im Freiamt AG

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli