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26. Oktober 2015

Verdammt schön

«Campfire»
Nicht «Campfire» nennen sie es in den weiten Ebenen jener Farmlands, sondern «Bonfire».

Lagerfeuerstimmung irgendwo in Kentucky. Eine laue Nacht, in den Herbstferien wars, kein Licht weit und breit, nur der bare Sternenhimmel und unser Feuer. Nicht «Campfire» nennen sie es in den weiten Ebenen jener Farmlands, sondern «Bonfire». Dicke Äste, Scheiter, halbe Strünke haben sie aufgetürmt, die Flammen lodern hoch, ums ganze Rund des Feuers sitzen Freunde, Verwandte, alle einander zugehörig, verschwägert, verbrüdert selbst dann, wenn man sich wie der zahnlose Bauer Robert und ich erst seit Stunden kennt. Gemeinschaftsgefühl zelebrieren, ja, das können sie, die lieben Amerikaner. Herzerwärmend. Und sie bräteln Marshmallows, diese kleb­rigen kleinen Dinger aus Schaumzucker, ­ die – an einem Stecken übers Feuer gehalten – noch viel klebriger werden, klemmen die fast zerflossene Masse dann zusammen mit einem Stück dunkler Schokolade zwischen zwei ­Grahambiskuits, fertig sind die «S’Mores». Und ­lecker sind sie, verdammt lecker.

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) singt mit.

Wobei, das Wort «verdammt» muss ich um alles in der Welt vermeiden, denn sie sind fromm, unsere Gastgeber, und, Himmelheiland!, es gibt eine ganze Anzahl Wörter, die ich in ihrer Anwesenheit besser nicht ausspreche. Aber singfreudig sind sie. Einer zückt eine Gitarre, schon erklingt Lied um Lied, den ganzen Kanon der US-Populärkultur von «Amazing Grace» bis «Country Roads» singen sie, von uralten Hits wie «Last Kiss» bis zu jüngeren wie «When You Say Nothing at All» und jüngsten wie «All of Me», alles ist allen geläufig, als sängen sie aus einem grossen gemeinsamen Liederbuch.

Wunderschön wars, auch wir sangen mit. Dann forderten sie eine Niederländerin in der Runde auf, ein Lied aus ihrem Land zu singen, und sie trug «Brabant» vor, einen Heimweh-Song. Schliesslich waren wir an der Reihe, aber ausser dem Refrain des «Guggisberglieds» und den ersten Zeilen von «Alperose» kam uns nichts in den Sinn … «Come on!», spöttelten sie. Verdammt, hatten wir denn kein Lied? Ich setzte zu «Scharlachrot» an: «Die isch ja filmriif, die Szene, i dere Fritignacht …», aber meine Tochter wusste schon bei der zweiten Strophe nicht mehr mit. Am Ende war es der «Schwan», den wir beide auswendig kannten und vorsangen: «E Schwan so wiiss wi Schnee …», auf Berndeutsch zunächst, und dann mussten wirs auch noch übersetzen: «A swan as white as snow …»

Ausgerechnet Gölä, über den ich mich so oft lustig machte, ausgerechnet er hat offenbar das Volkslied schlechthin der letzten Jahrzehnte geschaffen. Das Lied, an das man sich erinnert, wenn man fern der Heimat zum Singen aufgefordert wird. Muss ich ihm erzählen, sollte ich ihm mal wieder begegnen, dem Gölä.

Bänz Friedli live: 28. 10. in Olten SO (mit Frölein Da Capo), 29. 10. in Widnau SG, 3. 11. in Eschlikon TG.

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Website: www.baenzfriedli.ch

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli