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08. Februar 2016

Vektorenärger? Jesus hilft

Bänz Friedli Anna Luna
Anna Luna denkt über Vektoren nach, bis Jesus erscheint.

Das kommt nicht gut, schon bei der Einfahrt in Landquart ist es abzusehen. Aberhunderte drängen vom Perron in den Zug, als wäre der nicht voll genug. Wir waren snowboarden, meine Tochter und ich, und bald ist es mit der Ruhe in unserem Abteil vorbei.
Mir gegenüber zieht ein Pummeliger seine Skischuhe aus, entledigt sich der Schneehose und riecht zunehmend ungeduscht. Menschen stehen, sitzen und kauern rund um uns her, am Boden hocken sie, auf Sitzlehnen, kreuz und quer, und lärmen vielsprachig. Eine telefoniert auf Arabisch, zwei parlieren auf Französisch, der Rest unterhält sich auf Englisch, bald mit italienischem, bald mit tschechischem Akzent. Dazu reichen sie stinkenden Zigerkäse und deftig riechende Wurst herum.

Bänz Friedli ist in Mathe eine Null.

Die Störung kommt im dümmsten Moment. Meine Tochter sollte nämlich Mathi lernen, blass und hilflos sitzt sie über Formeln gebückt. Vektoren!
Das Thema schnallte ich schon in der Schule nicht. Nun aber beugt sich derjenige, der soeben seine Hose ausgezogen hat, zu ihr hinüber, ob der mathematischen Kritzelei sichtlich verzückt. Andere gesellen sich dazu, bald erwägen, diskutieren und erläutern sie zu sechst, eine Siebte mischt sich ein, allesamt giggelnd, von der mir so fremden Materie magisch angezogen, ja euphorisiert.

Die lärmende und übel riechende Horde entpuppt sich als Gruppe freundlicher ETH-Leute: Stahlingenieur, Forscherin, Maschinenbauer … Sie referieren so selbstverständlich über Vektoren, wie ich über Frauenfussball, Blues oder das Zubereiten einer Gemüsewähe dozieren würde.
Sie spornen meine Tochter an, die Knobelei spielerisch zu nehmen: «It’s a puzzle!», «It’s a game!», «It is so much fun!» Und da Mathematik an ihrer Klasse, welch Zufall, auf Englisch unterrichtet wird, versteht sie jeden Fachbegriff. Mehr noch: Sie bekommt im ganzen Trubel allmählich Freude an der Mathi, ihr gelingt dies und das. Und ich lerne, dass man Leute nie nach dem ersten Blick beurteilen sollte. Dass die scheinbar unangenehmste Situation zu Augenblicken des Glücks führen kann. Und dass die Welt wohl beides braucht, Stahlingenieure und Sachkundige für Gemüsewähen.

Wie sie denn heisse, fragt der bebrillte Pummelige meine Tochter zum Abschied. «My name is Anna Luna», sagt sie. Darauf er: «My name is Jesus.» Gelächter, Kunstpause. Dann die Erklärung einer Kollegin: Der Kerl heisse wirklich so: Jesús, spanisch ausgesprochen, aus Mexiko. Und sollte ihre Mathiprüfung ausnehmend gut ausfallen, kann Anna Luna ihrem Lehrer ja bescheiden: «Jemand hat mir beigestanden: Jesus.»

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Autor: Bänz Friedli