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29. Mai 2012

Vati, pliiis!

Manchmal muss man sogar dem Chefredaktor widersprechen. «Bühne frei für die Fussball-EM!», schrieb Hans Schneeberger vor Wochenfrist im Geleitwort dieser Zeitung. Die nationalen Championnats seien abgeschlossen, der Klubfussball trete in den Hintergrund. «Nun kanns losgehen: Europameisterschaft!», postulierte unser Schriftleiter.

Auf dem Balkon baumelt noch das US-Fähnchen.

Nichts kann losgehen. Ich bin nicht bereit für die EM. Noch fehlen 27 Panini-Bildchen, und die Regel besagt, man solle das Heft bis Endrundenbeginn voll haben. (Früher fanden wir ja, es reiche vollauf, wenn das letzte Bildchen bis zum Finaltag getäuschelt sei, und meist gelang in internetfreier Vorzeit nicht einmal dies. Aber wenn ich davon anfange, sagen die Kinder: «Hör auf mit deinem ‹Früher›!», und sie haben recht.) Item. Ich bin nicht parat. Auf dem Balkon baumelt von der letzten Frauen-WM her noch das US-Fähnchen; keine Ahnung, wo die Italienflagge steckt, die es nun zu hissen gälte. Und überhaupt, was kümmern mich die Azzurri, wenn ich noch Abschied von einem Lieblingsspieler nehmen muss, Alessandro Del Piero, der eben seinen letzten Einsatz mit Juventus Turin hatte. Nach 19 Jahren Vereinstreue! «Pinturicchio» nannte ihn einst der alte Klubpatron Gianni Agnelli in Anspielung auf einen Renaissancemaler, dessen versponnen fantasiereiche Bilder seltsam entrückt waren: zu schön für diese Welt. Die Namen der heutigen Nationalspieler Italiens will ich mir schon gar nicht merken. Keiner ein Ballkünstler wie Del Piero! Und früher, als er noch seine Pinselstriche auf den Rasen zauberte … – «Vati, pliiiis!», würden die Kinder hier einwenden.

«Auf dem Balkon baumelt noch das US-Fähnchen.»
«Auf dem Balkon baumelt noch das US-Fähnchen.»

Aber wie soll ich mich für einen Unrechtsstaat wie die Ukraine erwärmen? Ohnehin schmerzt den YB-Fan noch die Meisterschaft, die so sanglos an den FC Basel verloren ging. Wie konnte es nur geschehen, dass ein Spieler wie Silberbauer … Stimmt! Der YB-Däne wurde für die EM selektioniert. Ihm werden wir gewiss die Daumen drücken. Umso mehr, als beide Kinder einen Götti dänischer Abstammung haben. Ein bisschen werden wir mit ihnen fiebern, ein bisschen auch mit den Spaniern vom zweiten Stock, und wären die Deutschen aus dem Parterre nicht gerade zu einer Weltreise aufgebrochen, hätten wir sie eingeladen, Özil & Co. auf unserem Grossbildschirm zu bewundern. Es hat schon was: Das EM-Fieber stei… Nein. Noch gibts anderes zu tun. Ich muss wieder mal den Kopf schütteln über die fleischverarbeitende Firma, deren Kampagnen mir schon seit Sommern auf den Geist gehen. Erinnern Sie sich an den semidebil grinsenden «Grillchef», flankiert von zwei Grillgroupies, je einem blonden und einem brünetten? Sollte wohl ironisch sein, war aber doof. Genauso der neue Plakatslogan: «Männer, zurück an den Grill». Denn von «zurück» kann keine Rede sein, in einer gutschweizerischen Familie steht der Kerl am Grill seit je seinen Mann. Worin sich sein Beitrag an die Hausarbeit gemeinhin erschöpft. Daher finde ich das Provokatiönchen – das wohl die Formel «Frauen zurück an den Herd!» verballhornen will – ziemlich … wie würden die Kinder sagen? Hobbylos.

Wobei … der Grill natürlich eine super Option ist. Darauf lässt sich ein schnelles Znacht brutzeln, das wir dann in der Pause des Spiels Polen gegen Griechenland hurtig essen können. Der Chef hat schon recht: Noch 226 Stunden bis EM-Beginn! Ich kann es kaum erwarten.

Bänz Friedli live: Kiesen BE, 1. Juni; Zürich, 4. Juni; Bern, 16. Juni, alle weiteren Termine finden Sie auf www.derhausmann.ch

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli