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03. Februar 2014

Vaters Rockzipfel

Danke für die vielen Aufmunterungen, die ich erhalte, seit unsere Tochter in die USA entschwunden ist! Einzig ein Erwin spottete, so was sei doch heute gar kein Abenteuer mehr, man sei ja mittels Smartphone dauernd mit daheim verbunden und lasse «Mutters Rockzipfel» gar nicht los. Es klang mir arg nach dem ewigen «Früher war alles besser!», gegen das ich mich gern mit der Frage stemme: Was können heutige Kinder denn dafür, dass sie in der Zeit aufwachsen, in der sie nun mal aufwachsen – mit den Möglichkeiten und Bedingungen, die wir für sie bereitgestellt haben?

T-Shirt mit US-Soccer-Logo.
«Um mich ihr nahe zu fühlen, streife ich das Shirt des US-Teams über.»

O doch, ein Austauschjahr bleibt ein Abenteuer. Und was ist schlecht daran, dass es die Verbundenheit stärkt? Die 17-jährige Noemi aus dem Baselbiet, selber ein «Returnie», wie sich heimgekehrte Austauschschülerinnen offenbar nennen, schrieb mir: «Was ich in diesem Jahr vor allem gelernt habe, ist, wie wunderbar es ist, dass man immer jemanden zu Hause hat, der – egal, was passiert – für einen da ist.» Manchmal hätte ihre Mutter morgens um drei Uhr per Skype Tränen trocknen müssen. Nicht, dass sie sich seit ihrer Rückkehr nie mehr mit den Eltern gezankt hätte … «Aber ich habe sie doch während meines Kanada-Aufenthalts noch viel mehr schätzen gelernt. Und vor allem bin ich unglaublich dankbar, dass sie mir diese Chance überhaupt ermöglichten.»

Gewiss, solch ein Austausch ist nicht dazu da, sich vor allem mit den Daheimgebliebenen auszutauschen. Anna Luna soll wirklich weg sein. Sie hat es sich deshalb lang überlegt, ob sie einen Blog schreiben wolle. Bis sie befand: Doch, sie teile ihre Erfahrungen gern. So ist nun hier zu lesen, weshalb von ihren sieben ersten Highschooltagen fünf ausfielen … Ich war es ja, der sie ermahnte, nicht allzu häufig mit uns in Kontakt zu treten und sich ganz dem Leben in Kentucky hinzugeben. Wenn dann aber einige Stunden keine Zeile auf Whatsapp kommt, kein Föteli, nichts, dann bin ich es, der nervös wird. Und ich tue alberne Dinge, um mich ihr nahe zu fühlen, streife mir fürs Fussballtraining das Shirt des amerikanischen Nationalteams über. Ich werde das Motto, das Noemi mir ans Herz gelegt hat, noch verinnerlichen müssen: «No news are good news.» Je weniger wir von unserer Tochter hören, desto besser geht es ihr. Und war nicht ich es, der im Sommer 1983 für sechs Wochen allein nach Italien verschwand, ohne mich ein einziges Mal daheim zu melden? Doch, aus den Abruzzen schickte ich eine Karte. Die dann allerdings erst nach meiner Rückkehr ankam.

DER BLOG
Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA in einem Blog, wie es ihr fern von zu Hause ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen und sehen Sie wie Schlitteln auf Amerikanisch geht …: Zum Artikel

Bänz Friedli live: 4. 2. Luzern, Kleintheater. 6. 2. Aetingen SO, «Limpach’s».

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli