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03. September 2012

Vaters Feierabendshow

In einem Berner Quartierbus, Anfang der zweiten Schulwoche, fragt eine halbjunge Mutter die andere: «Und, wi isch dini gschtartet?» Und sie fragt es quer durch den Bus, also laut. Beide haben Kinder im Schlepptau; die eine kommt vom Baden, die andere offenbar vom Tanzkurs. «Sie ist gut gestartet, soviel ich weiss, gäu?», ruft die andere zurück und streicht ihrer Tochter, der das «gäu?» galt, übers nasse Haar. Offenbar frisch eingeschult, das Kind. «Und deiner?» — «Ach, ich musste ihm alle Einsen und Zweien wieder ‹gummelen›.»

Und, wie ist deiner gestartet?

Zum Mithören genötigt, stelle ich mir mit Schauer den Abrieb vor, der entsteht, wenn frau eine Doppelseite bleistiftgeschriebener Zahlen ausradiert. (Auf Gummiabrieb bin ich allergisch, weil er sich kaum zusammenwischen lässt — den musst du mit einem benetzten Finger Krümel für Krümel vom Boden aufnehmen. Item.) Zweitens und heftiger frage ich mich: Warum, um Himmels willen, hat sie ihrem Erstklässler die womöglich allerersten Hausaufgaben seines Lebens radiert? Und bin froh, dass ihre Bekannte nun dieselbe Frage durchs Gefährt brüllt: «Hä?! Wieso ‹gummelen›?» Weil sie einfach nicht schön gewesen seien, nicht «richtig», erwidert das erste Mami. Darauf das zweite: «Ich hab keine Ahnung, was ‹richtig› ist, hab die Einsen und Zweien meiner Tochter jedenfalls stehen gelassen. Weiss ja nicht, wie es bei den anderen aussieht …» — «Doch, doch! Also, die Zahlen meines Sohnes waren furchtbar! Die musste man einfach neu machen», redet sich nun die Radiermutter ins Feuer. «Er hat es halt schwer mit ihr», fügt sie an und weist mit dem Kinn auf ihre Ältere, vermutlich Dritt- oder Viertklässlerin.

Ich möchte mich nicht als Super-Nanny aufspielen, dennoch ein kleiner Tipp: Einen Jungen sollte man nie, nie an seiner grossen Schwester messen. Sie hat vielleicht die schöneren Zahlen geschrieben, er hat ganz andere Qualitäten. Und wenn schon die eigene Mutter ihm den Raum nicht lässt, anders zu sein — anders als die Schwester, überhaupt anders als alle anderen: eigen —, wer dann? Ausserdem, liebe Unbekannte aus dem Berner Bus, haben Genies fast immer eine Sauschrift.

«Und, wie ist deiner gestartet?»
«Und, wie ist deiner gestartet?»

Aber kommen wir von den peniblen Mamis der Ausgeglichenheit halber noch rasch zu den peinlichen Papis. Da gibts doch diese Männer, die feierabends im Garten so auffällig den Supervater geben, viel zu laut mit ihren Kindern reden, betont locker, betont «Nääi, isch dänn läss!», auf dass die ganze Siedlung aufmerksam werde: Seht her, wie ich mir Zeit für meine Kinder nehme! Wie ich mit ihnen das Kalb mache! (Den mühsamen Teil hat die Mutter ja am Nachmittag bereits erledigt: die Kleinen angehalten, endlich die Ufzgi zu machen und ihr Instrument zu üben, danach mit ihnen zur Zahnärztin gestresst.) «Dä Typ showt sich», kommentieren unsere Kinder in solchen Fällen, und man hat den Eindruck, je weniger ein Vater seine Kinder sieht, desto auffälliger müsse er sich in der raren Freizeit «showen»: Purzelbäume schlagen, Faxen machen und die Kinder in die Luft werfen …

Freilich sind vor der Show auch Väter nicht gefeit, die ihre Kinder oft sehen. Vielleicht, dachte ich, als ich letzten Dienstag mit Hans in der Badi rumtollte und wir uns quer durchs Becken einen Ball zuwarfen, vielleicht bin ich ja genauso einer. Nur merkt man das leider selber so schlecht.

Bänz Friedli live: 6. 8. Heiden AR, 8. 9. Grasswil BE.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli