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02. August 2016

Vater, alkoholkrank

«Frust mit Kunden, ein schwieriges Gespräch mit dem Chef – es gab immer einen Grund, ein Bier reinzuschütten.» Beat Hofmann trank immer öfters, wurde ein negativer Mensch und war am Feierabend oft laut und aggressiv – das Familienleben begann, darunter zu leiden.

Übermässiger Alkoholkonsum kann dramatische Folgen haben
Übermässiger Alkoholkonsum kann dramatische Folgen haben (Symbolbild: pablo.buffer.com).

In der Rekrutenschule ist Beat Hofmanns (52)* auf den Geschmack gekommen. Er lernte, das erste Bier morgens um zehn zu trinken: Alkohol vertrieb die Langeweile. Die zweite «Welle», wie der Familienvater die Perioden nennt, in denen er zu viel trank, kam knapp zehn Jahre später. «Mein Vater hatte sich das Leben genommen», erzählt er. «Ich durchlebte eine schwierige Zeit.»

Immer wenn ihm alles zu viel wurde, griff er zum Schnaps und eine verheerende Überzeugung setzte sich in ihm fest: «Erlebst du einen schwierigen Moment, hilft Alkohol.»

Es folgte eine gute Zeit: Er lernte seine Ehefrau kennen, sie bekamen Kinder. Der Familienvater arbeitete als Anlagetechniker, seine Frau arbeitete an einem Tag pro Woche als Pflegefachfrau. Er war viel unterwegs, doch das Geld stimmte. Wieder kamen schwierige Momente. Er trug Verantwortung, 14-Stunden-Tage waren die Regel, Anerkennung für seinen Einsatz gab es kaum. Beat Hofmanns Lösungsstrategie: Alkohol. «Ein kleiner Frust mit einem Kunden, ein Vertrag, der nicht zustande kam, ein schwieriges Gespräch mit dem Chef – für mich immer ein guter Grund, ein Bier reinzuschütten.»

Immer ein Bier im Auto versteckt

Schnell ein Halt an der Tankstelle – Benzin tanken, Bier kaufen. Er versteckte bald auch Bier unter dem Sitz, um immer eins griffbereit zu haben. «Das kleinste Problem war für mich ein Grund, zur Flasche zu greifen.»

Seine Persönlichkeit veränderte sich: «Ich wurde ein negativer Mensch, sah überall nur das Schlechte», erinnert er sich. Am Feierabend war er oft laut und hatte einen aggressiven Ton drauf. «Ich hatte die Familie für den Job geopfert.» Und seine Seele dem Alkohol.

Alkohol beflügelte ihn, seinen Stress laut auszuleben. Wer darunter litt, war die Familie.

Als er seinen Job verlor, reduzierte er den Alkoholkonsum wieder auf zwei bis drei Feierabendbiere und fand eine neue Stelle. Doch ebenso bald fand er auch wieder einen Grund, sich wieder mehr zu betrinken: Der Teamchef war ein Fiesling, die Arbeitskollegen unloyal. Beat Hofmann funktionierte seinen Hobbyraum zum Trinkkeller um.

Papi war abends immer aggressiv

Die Tochter war nun zehn Jahre alt, der Sohn sieben. Sie wussten nie, in welchem Zustand Papi nach Hause kommen würde. Sie mussten ständig befürchten, dass er betrunken war, lallte und aggressiv sein würde. «Ich begriff nicht, wie ich damit meine Familie belastete.»

Er merkte auch nicht, wie gern seine Frau nun allein mit den Kindern in die Ferien fuhr, um sich ein bisschen von ihm zu erholen. Um unbeschwerte Tage zu geniessen, um Abstand zu gewinnen. Noch immer hatte er das Gefühl, alles im Griff zu haben und seine Probleme allein lösen zu können. Hilfe zu holen war sehr schwierig: «Das konnte ich erst, als ich platt mit der Nase am Boden lag.»

Das erste Mal war dies nach einem Arbeitsunfall. Er hatte stets einen so hohen Pegel, dass eine Wunde am Bein kaum zusammenwuchs. Er begriff: «Ich muss einen Entzug machen.»

In der Suchtklinik lernte er andere Suchtkranke kennen: «Ich bin erschrocken. Es gab da Menschen, die ganz unten waren, ganz am Rand der Gesellschaft.» So weit hinabsinken wollte er nicht. Doch wieder zurück auf der Arbeit, griff Beat Hofmann zum Bier. Noch immer glaubte irgendetwas tief in ihm, dass Alkohol seine Probleme lösen könnte.

«Statt nach Hause zu gehen, ging ich nach der Arbeit zuerst in den Hobbykeller, um dort mit ein paar Bier runterzukommen», erinnert er sich.

Zu Hause schnauzte er seine Kinder an, schlief auf dem Sofa ein, wenn er auf seinen Sohn hätte aufpassen müssen, er versprach ihm, Dinge zu tun, die dann nie stattfanden. Einen Daddy, der auch mal mit ihm Fussball spielte, mit ihm Aufgaben machte oder Karten spielte, das gab es nicht. Die Tochter kam in die Pubertät, er war heillos überfordert und ertränkte dies im Alkohol.

Zu Hause rausgeschmissen

«Immer öfters hatte ich Filmrisse, wusste am nächsten Tag nicht mehr, was am Vorabend gewesen war. Es war furchtbar.» Wenn ihn jedoch seine Frau auf das Trinken ansprach und sagte: «Hör auf!», leugnete er, spielte es herunter, versprach ihr irgendwas, was er gar nicht halten wollte.

Er realisierte überhaupt nicht, was seine Familie ertragen musste. «Mit einem gewissen Pegel merkst du gar nicht mehr, wie du dich benimmst und ob jemand darunter leidet», sagt er. Irgendetwas drang aber doch zu ihm vor, denn er hatte Angst, alles zu verlieren, wenn er so weiterfahren würde. Er fühlte sich auch den Kindern gegenüber minderwertig: Seine Frau wollte ihn nicht mehr mit ihnen allein lassen.

An Geburtstagsfeiern und Familienfesten benahm er sich oft daneben. «So richtig primitiv. Ich will gar nicht mehr daran denken, ich schäme mich zutiefst.» Die Spannungen daheim wurden stets grösser. Die Situation eskalierte, als er wieder die Stelle verlor: Die Frau schmiss ihn raus.

Beat Hofmann war am Ende. Er war arbeitslos, allein und trank noch mehr. Ihm wurde aber bewusst, dass er sich verändern musste. «Ich hatte wie auf einem fremden Planeten gelebt. Vor lauter eigener Probleme habe ich die Realität nicht mehr gesehen.»

Er ging wieder in die Therapie, diesmal in einer psychiatrischen Abteilung eines Spitals. Der psychische Entzug war schlimm und härter als in der Suchtklinik, aber effizienter. «In mir ist etwas passiert. Ich sehe das nun ganz anders», sagt der Familienvater. «Ich bin wie ein geläuterter Mensch und sehe nun, was der Alkohol anstellt.»

Sein Bub sagt ihm jetzt: Gell, du darfst kein Bier mehr trinken? Nein, antwortet er ihm dann und nimmts gelassen. Er hat keine Mühe, wenn die Leute ringsum trinken. «Bier reizt mich überhaupt nicht mehr».

Psychischer Entzug läuterte ihn

Statt sich zurückzuziehen, geht er nun mit ihm Fussball spielen, kümmert sich um ihn. Mit den Kindern hat er einen viel besseren Draht. Heute kann er es verkraften, wenn seine pubertierende Tochter austickt. «Ich bin noch immer heillos überfordert. Aber ich ertrage es ohne Bier. Zum Glück kommt meine Frau damit zurecht», sagt er lachend. Er ist dankbar: «Die Familie hat mich gerettet.»

Seine Frau hat ihm gerade erst erlaubt, wieder daheim einzuziehen. Unter der Bedingung, dass er nicht mehr trinkt. «Es ist unglaublich, dass sie bei mir geblieben ist, nachdem, was sie mit mir erleben musste», sagt der Familienvater. «Ich habe ihr Vertrauen missbraucht, habe sie immer wieder angelogen, was das Trinken anbelangt.»

Er will nicht, dass seine Familie wegen ihm noch mehr leiden muss. Was ihm heute noch Sorge macht, ist, dass das ganze Quartier, seine ganze Nachbarschaft, erfahren könnte, dass er alkoholkrank war. Wegen der Kinder. Sie haben schon genug durchgemacht. Er will nicht, dass sie deswegen in der Schule auszählt oder verspottet würden. Die Scham steckt tief, und es braucht noch seine Zeit, bis sie verheilen.

Beat Hofmanns eigener Vater war ein jähzorniger Patron. Einer, der keine Wärme zeigte. So ein Vater will er nicht sein. «Ich will meinen Kindern Nähe geben und sie auch mal umarmen können.»

Er hofft, dass sein Alkoholmissbrauch keine allzu tiefen Wunden geschnitten hat. Dass es nicht später brutal an der Oberfläche auftaucht. «Ich habe das Gefühl, Kinder verzeihen schnell. Sie sind nicht so nachtragend. Das hoffe ich auf jeden Fall.»

Er selbst geht nach wie vor in die Gesprächstherapie. «Ich muss noch vieles aufarbeiten.» Er ist seit vier Monaten arbeitslos. Das wäre ein Grund, sich aus lauter Frust wieder zu betrinken. Er weiss nun aber, dass der Alkohol keine Probleme löst, und will das alles nicht nochmals durchmachen.

*Name der Redaktion bekannt

Autor: Claudia Langenegger