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25. Juni 2012

Markus Theunert über...

Die Schweiz hat ihren ersten Männerbeauftragten: Markus Theunert vertritt ab dem 1. Juli im Kanton Zürich das vermeintlich starke Geschlecht.

Markus Theunert
Markus Theunert vertritt ab dem 1. Juli im Kanton Zürich das männliche Geschlecht.

… die Traditionsfalle:

Die moderne Frau empfindet die Einstellung «die armen Frauen, man muss ihnen helfen» tendenziell als Kränkung. Der Einstieg ins Erwerbsleben funktioniert meist bestens, Frauen sind begehrt als Arbeitnehmerinnen. Aber sobald sie Kinder bekommen, schnappt die Traditionsfalle zu wie eh und je. Bis zur Schwangerschaft entwickeln sich die Löhne parallel zu jenen der Männer. Kommen die Kinder, zack, entsteht ein Graben, den die Frauen bis zum Ende des Erwerbslebens nicht schliessen. Wenn sie Mütter werden, legen viele von ihnen eine ganz andere Sensibilisierung und kämpferische Haltung an den Tag. Das habe ich kürzlich zum Beispiel bei der Journalistin Michèle Rothen bemerkt. Seit sie ein Kind hat, hat sie eine andere Tonalität drauf, kämpferischer als vorher.

… die Frauenquote:

Die Frauenquote polarisiert sehr. Sie ist eher ein Thema für Frauen über 50, weniger für die jüngeren. Die grosse Mehrheit der jungen Frauen findet es selbstverständlich, materiell unabhängig zu sein. Sie schütteln den Kopf über die Idee, sich von einem Mann aushalten zu lassen. Und die wirtschaftliche Eigenständigkeit von beiden ist auch die Voraussetzung dafür, dass es mit der gleichberechtigten Partnerschaft klappt. Aber man geht noch viel zu sehr davon aus, dass die Frau für die Kinderbetreuung verantwortlich ist. Naheliegend wäre aber, dass es beide braucht, um die Betreuung zu organisieren. Das darf aber nicht dazu führen, dass die Väter aus der Verantwortung genommen werden und dass Erziehungsarbeit outgesourced wird. Ich bin nicht gegen die Frauenquote, aber wenn die Verantwortung für die Kinder hälftig geteilt würde, bräuchte es keine.

… Männer in Kinderkrippen:

Mutige Pioniere, von vielen Geschlechtsgenossen als unmännlich abgewertet, von der Gesellschaft als potenziell pädophil kritisch beäugt. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Brief einer Krippe, den ich mal zu lesen bekam. Darin stand: «Es freut uns, ihnen mitzuteilen, dass der Herr Soundso neuer Mitarbeiter unserer Kinderkrippe ist, aber wir versichern Ihnen, dass er keinerlei Körperkontakt mit Ihren Kindern haben wird.» Das ist, als ob man einem Schreinerlehrling sagt, dass er kein Holz anfassen darf. Faktisch ein Berufsverbot.

… die Rechte der Väter:

Politisch eine Riesenbaustelle. Die zwei grossen Probleme: die ungleichen Rechte von Männern und Frauen und die Ungleichbehandlung von Verheirateten und nicht Verheirateten. Während in Bezug aufs Sorgerecht schon der verheiratete Mann auf verlorenem Posten ist, kommt der Unverheiratete mit etwas Pech rechtlich gar nicht erst vor. Ein Beispiel: Wenn ein Mann mit einer verheirateten Frau ein Kind hat, können gerade mal der Ehegatte dieser Frau und ihre Eltern einen Vaterschaftstest fordern. Der biologische Vater des Kindes kann das nicht. Er hat also keine Chance, seine Vaterschaft zu beweisen. Immerhin sollten wir in absehbarer Zeit die gemeinsame Sorge als Regelfall bekommen.

… die totale Gleichberechtigung:

Ich rede lieber von Chancengleichheit. Jeder Mann und jede Frau soll mit dem Leben machen können, was er oder sie will. Und weil die Geschlechter in historisch unterschiedlichen Konstellationen stecken, brauchts unterschiedliche Strategien. Was den Militärdienst angeht, ist klar: Dienstpflicht für alle oder für niemanden. Alles andere ist eine Diskriminierung der Männer. Es geht aber letztlich nicht um Gleichheit, sondern um Gleichwertigkeit. Wir wissen ja noch nicht, wie die gleichgestellte Gesellschaft aussieht. Wir haben darüber keine Erfahrungswerte.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Siggi Bucher