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03. Januar 2012

Väter wissen alles

Noch eine Unart hatte Vater: Er gab Lehrerantworten. Man konnte ihn fragen, was man wollte: «Haben die Neuseeländer Rechtsverkehr?», «Welches ist das schnellste Tier?» oder «Wer war der erste SP-Bundesrat?» – er antwortete, hemmungslos. Die Richtigkeit konnten wir ja nicht überprüfen. Erst spät, ich muss 17 gewesen sein, gab er zu, dass dies jeweils «Lehrerantworten» gewesen seien. Als Lehrer habe er gelernt, stets ohne Zögern zu antworten. Mit der nötigen Bestimmtheit könne man Schülerinnen und Schülern den grössten Chabis als Wissen andrehen. «Meyers Großes Konversations-Lexikon » stand bei uns zwar in rund zwei Dutzend Bänden herum … Aber es war in einer für uns Kinder schwer zu entziffernden gotischen Schrift verfasst, und von einem SP-Bundesrat stand darin nichts. Uns blieb nichts, als dem «Père» zu glauben.

Früher war es definitiv einfacher, Vater zu sein. Spielen wir heute en famille das Geografiespiel und ich trage in die Spalte «Songs» – wir haben immer eine Spalte mit Songs – einen imaginären italienischen Schlager ein, sagen wir mal: bei Buchstabe Y den Titel «Yolanda, che bella che sei», und behaupte, das sei im Fall 1971 ein Hit gewesen, haben meine Kinder es im Handumdrehen auf einem Smartphone nachgeschaut und mich des versuchten Betrugs überführt. (Und warum bin ich Affe nicht auf «You Can Get It If You Really Want» gekommen?!) Mit Lehrerantworten muss ich es schon gar nicht versuchen. «Vati, in welchem US-Bundesstaat liegt der Yellowstone- Nationalpark?» – «Ich, ähm… Das müssen wir googeln!» Mittlerweile meine Standardantwort, und ich ahne, dass dies meine Autorität untergräbt.

«Man ahnt nie, was das Jahr bringt.»
«Man ahnt nie, was das Jahr bringt.»

Ach, Vater… Er hatte im Grunde nur Unarten. Das machte ihn aus. An Silvester legte er sich lange vor Mitternacht schlafen, dafür trumpfte er an jedem Neujahrsmorgen mit dem Gag auf, er müsse jetzt, husch, auf die Toilette: «Ha sit letscht Jahr nümm bbislet!» Später, in meiner ersten WG in einem alten Bauernhaus, klopfte an Neujahr dann immer in aller Früh der alte Häberli an die Tür, unser Vermieter. Er komme, «ds Guetjahr» zu wünschen und «dr Zeis» einzuholen, den Zins. Will heissen: Er kam, um die Nebenkosten in bar einzukassieren. Man musste ein paar Hunderternötli, verbliebene Weihnachtsguetsli und einen Kafi, am besten «fertig», bereithalten, sonst: wehe! Für uns spätjugendliche Wohngenossen kam Häberlis Besuch nach durchzechter Nacht jeweils arg früh. Wenn wir Glück hatten, waren wir noch wach, und es war etwas Schnaps für seinen Kafi übrig.

Man ahnt nie, was das Jahr bringt.

Man weiss halt nie. Wo Fukushima auf der Karte liegt – hätten Sie es vor Jahresfrist gewusst? Weder die Euro-Untergrenze noch ein Tschetschene mit Namen Tschagajew waren uns geläufig – man ahnt nie, was ein Jahr bringt. Freuen wir uns deshalb auf das Gute: auf eine EM-Endrunde, an der die Schweiz kein Spiel verliert! (Weil sie gar nicht teilnimmt.) Auf den ersten Tag mit kurzärmligem Wetter, auf jede «Blick»- Ausgabe ohne Lys Assia, auf Spaziergänge, bei denen die Kinder nicht «Geits no lang?» klönen, und darauf, dass Bruce Springsteen im Letzigrund der Hammer wird…

Neuseeland hat übrigens Linksverkehr; der Gepard ist mit bis zu 110 Stundenkilometern das schnellste Landtier; der erste SP-Bundesrat hiess Ernst Nobs. Dies zu googeln, hat genau 57 Sekunden gedauert. Gewusst hätte ich nichts von alledem.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli