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27. Januar 2014

«Unser Planet ist endlich. Das gilt auch für das Wachstum»

Der Universalgelehrte Vaclav Smil über Konsumwahn, Kernkraftwerke, Risikowahrnehmung und die Zukunft Europas.

Naturwissenschafter Vaclav Smil
Der Naturwissenschafter Vaclav Smil blickt skeptisch in die Zukunft: «Wahrscheinlich braucht es erst eine Krise, damit wir vom Konsum wahn abkommen.»

Vaclav Smil, Bill Gates schwärmt von Ihnen: Die Bezeichnung Universalgelehrter sei für Leute wie Sie erfunden worden und Ihre Bücher müsse man einfach gelesen haben.

Bill sagte viele nette Dinge über mich. Dank ihm verkaufen sich meine Bücher doch nicht so schlecht, obwohl das Zeitalter des Buchs eigentlich vorbei ist. Heute lesen die Leute lieber Textnachrichten auf ihren Handys.

Was würden Sie tun, wenn Sie die 70 Milliarden Dollar von Bill Gates hätten?

Ich würde sie nicht wollen. Ich bin ein altmodischer Professor. Solange ich meine Bücher schreiben kann, bin ich zufrieden.

Aber mit so viel Geld könnten Sie vielleicht die Welt retten.

Die Welt muss sich selber retten. Da reicht eine einzelne Aktion nicht.

Also bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu hoffen?

Veränderung ist möglich. Aber das wird dauern. Wir sind masslos geworden. Davon müssen wir abkommen.

Auf Youtube reden Sie sich über den Konsumwahn in Rage.

Es ist doch einfach dumm, wenn man mit einem zwei Tonnen schweren Gefährt zum Einkaufen fährt. Und schauen Sie sich die Häuser in den USA an: Im Schnitt sind sie 230 Quadratmeter gross. Niemand braucht so viel Platz.

Vaclav Smil
Vaclav Smil erläutert seine Haltung im Video-Interview

DIE KRITIKER UNGEZÜGELTEN WACHSTUMS
Die Mitstreiter: Welche prominenten Wissenschafter mit Vaclav Smil die alleinige Ausrichtung auf Konsum und Wachstum angreifen. Zum Artikel
Mehr zum Thema: Vaclav Smil erläutert seine Haltung im Video-Interview auf der GDI-Website. Zum Film

Aber die Wirtschaft braucht Konsum.

Das ist das Problem. Unsere Wirtschaft basiert auf Wachstum. Und wir haben uns daran gewöhnt, dass wir immer reicher und reicher werden. Das kann aber nicht immer so weitergehen. Unser Planet ist endlich, folglich gilt die Endlichkeit auch für das Wachstum.

Was ist die Lösung?

Wir müssen dem Gesetz des Lebens gehorchen. Bäume, Menschen, alles auf der Erde wächst zu Beginn sehr schnell, aber irgendwann erreichen alle Organismen die maximale Grösse und wachsen nicht mehr weiter.

Wir sind masslos geworden.

Wie kann man die Menschen davon überzeugen, weniger zu konsumieren.

Es gibt nur einen Weg, und zwar über die Geldbörse. Wir zahlen für viele Dinge zu wenig. Lebensmittel waren noch nie so günstig wie heute. In den USA etwa wird im Schnitt bloss 10 Prozent des Einkommens für Essen ausgegeben, in Frankreich sind es 15 Prozent. Darum lassen wir auch 40 Prozent der Nahrungsmittel, die wir erzeugen, verderben. Dasselbe ist mit Wasser und Strom. Wir zahlen zu wenig dafür, und darum gehen wir verschwenderisch damit um.

Die Leute werden aber nicht glücklich sein, wenn sie mehr bezahlen müssen.

Klar, sie geben das Geld lieber für SUVs, elektronische Gadgets oder für Reisen nach Thailand aus.

Nochmals: Wie schaffen wir die Abkehr vom Konsum?

Bildung kann helfen. Aber wahrscheinlich braucht es erst eine Krise. Der Mensch ist sehr anpassungsfähig. Wir passen uns jedoch nur an, wenn wir müssen. Alle grossen Veränderungen in der Geschichte basieren auf diesem Prinzip. Ohne den Zweiten Weltkrieg gäbe es die EU nicht – und ohne EU würden sich die Leute in Europa wahrscheinlich immer noch die Köpfe einschlagen.

Anstatt Konsumverzicht könnte doch auch Innovation eine Lösung sein.

Heute braucht praktisch jeder Motor weniger Benzin als noch vor 30 Jahren. Auch die Herstellung von Stahl oder Zement benötigt weniger Energie. Aber diese Effizienzsteigerung wird von höheren Ansprüchen aufgewogen. Darum sind grüne Technologien alleine nicht die Lösung.

Ihr neuster Titel heisst «Harvesting the Biosphere», also «Ernte der Biosphäre». Was möchten Sie uns damit mitteilen?

Die Leute denken, das Wichtigste sei Benzin für ihre Autos oder billiger Strom, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Aber das Wichtigste ist immer noch die Biosphäre: In ihr findet die Photosynthese und damit das Leben statt. Ohne die Biosphäre und die darin enthaltene Biomasse könnten wir einpacken. In meinem Buch zeige ich auf, wie die Menschen das Gleichgewicht in der Biosphäre verändert haben. Seit der Steinzeit haben wir die Masse der lebenden Pflanzen um rund 40 Prozent verringert. Unsere eigene Masse und jene unserer Nutztiere ist jetzt viel grösser als die Masse aller wilden Kreaturen.

Sie provozieren gerne und sagen, dass es dringendere Probleme als den Klimawandel gibt. Sind Sie ein Leugner der Klimaerwärmung?

Sicher nicht. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt, und das Klima hat sich verändert. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber niemand weiss genau, wie warm es in Zukunft tatsächlich wird. Das Klima wird von so vielen Faktoren beeinflusst. Da kann man einfach keine verlässlichen Vorhersagen treffen. Zudem geht mit dem Fokus auf den Klimawandel vergessen, dass das Wasser an vielen Orten knapp wird, weil es entweder verschmutzt ist oder die Grundwasserreserven aufgebraucht sind. Auch die Erosion von fruchtbarem Land hat ein dramatisches Ausmass angenommen. Darüber spricht niemand. Die Leute konzentrieren sich einfach zu sehr auf ein Problem und vergessen alle anderen.

Um den künftigen Energiebedarf zu decken, propagieren Sie die Atomenergie.

Global kann eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe nicht ohne Kernenergie realisiert werden. Höchstens für einzelne Länder ist sie verzichtbar.

Ihre Haltung erstaunt, arbeiten Sie doch gern mit Zahlen und Statistiken. In der 60-jährigen Geschichte der Atomkraftwerke hatten wir zweimal einen grössten anzunehmenden Unfall. Dabei wurde uns immer versichert, dass die Wahrscheinlichkeit für einen GAU verschwindend klein sei.

Kohlekraftwerke im polnischen Belchatow: Rauchende Kamine
Für Vaclav Smil sind Kohlekraftwerke wie dieses im polnischen Belchatow schlimmer als Kernkraftwerke. (Bild: Reuters)

Wahrscheinlich wird man in 100 Jahren noch sagen: Die nächste Generation wird sicherer.

Selbst wenn: Weltweit sterben mehr Menschen wegen Kohlekraftwerken. Feinstaub ist nicht gesund. Auch Autofahren ist viel gefährlicher, als neben einem Kernkraftwerk zu wohnen. Wir haben eine verzerrte Risikowahrnehmung. Solange wir denken, dass wir die Dinge selber kontrollieren können, fühlen wir uns sicher. Ein Trugschluss.

Der Unterschied ist vielleicht, dass wir mit Kohlekraftwerken nur unsere eigene Generation gefährden. Unter der radioaktiven Verunreinigung werden noch viele Generationen nach uns zu leiden haben.

Wenn man Nagasaki und Hiroshima betrachtet, sind die Auswirkungen weniger schlimm als befürchtet. Auch in Tschernobyl sind nicht Hunderttausende an Krebs erkrankt. Das Problem an der Radioaktivität ist, dass man sie nicht riechen und fühlen kann. Das macht Angst.

In «Global Catastrophes and Trends» schrieben Sie 2008 über die Konsequenzen eines künftigen Vulkanausbruchs auf Island und das hohe Pandemierisiko. Beide Ereignisse trafen kurz darauf ein, wenn auch weniger schlimm, als es hätte sein können.

Das ist keine Zauberei. Die Zukunft erahnt man am ehesten mit Blick in die Vergangenheit. Auf Island kam es immer wieder zu grossen Vulkanausbrüchen, bloss gab es früher keine Flugzeuge. Und die Pandemie war und ist überfällig. Mit der Schweinegrippe sind wir glimpflich davongekommen. Wäre sie so schlimm gewesen wie die Spanische Grippe 1918, wären hochgerechnet 50 bis 80 Millionen Menschen gestorben.

Die zukünftige Rolle Europas wird wohl diejenige eines Museums sein.

Lassen Sie uns über Europa sprechen. Sie sehen die Zukunft des Alten Kontinents düster.

Die Bevölkerung wird immer älter, und die Jungen haben keine Arbeit. Sie kennen die Zahlen. Eigentlich erstaunlich, dass es in Spanien noch keine Revolution gegeben hat. Dann ist da das grosse Unbehagen mit der EU und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland. Hinzu kommen die Migranten aus Afrika. Europa hat viele Probleme.

Können Sie auch etwas Nettes sagen?

Europa ist wunderschön. Seine wahrscheinlichste Rolle in der Zukunft wird diejenige eines Museums sein. Ein Museum, das viele chinesische Touristen besuchen werden.

Und was für eine Rolle hat die Schweiz?

Die Schweiz will kein EU-Mitglied sein, aber alle Vorteile der Union geniessen. Wenn ich ein Bürokrat in Brüssel wäre, würde ich das nicht toll finden. Aber natürlich verstehe ich auch die Schweiz. Sie kann kein Vollmitglied werden, ohne die direkte Demokratie aufzugeben. Das ist ein Dilemma. Aber keine Angst: All die chinesischen Touristen, die künftig nach Europa kommen, wollen sicher auch das Matterhorn sehen – und Chinesen lieben Schweizer Uhren.

Waren Sie schon in der Schweiz?

Ja, schon mehrmals. Nach Interlaken und Zermatt gehe ich aber nicht mehr. Das ist ein internationaler Zoo. Vor zwei Jahren war ich in Les Diablerets, dort hat es praktisch keine Touristen, das hat mir gefallen.

Im Vergleich zu Kanada sind unsere Berge domestiziert.

Der Vorteil ist, dass ihr keine Grizzlies habt. Die sind gefährlich. Darum wandere ich lieber in den Schweizer Bergen als in den Rocky Mountains.

Aber die Wahrscheinlichkeit, in der Schweiz von einem Offroader angefahren zu werden, ist viel grösser, als in Kanada von einem Bären gefressen zu werden.

Ganz klar. Aber ich mag die Vorstellung nicht, dass ich einen Bären antreffen könnte. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar klein, aber das Gefühl unangenehm.

Sehen Sie, darum lebe ich nicht gerne neben einem Atomkraftwerk.

Das müssen Sie wahrscheinlich nicht mehr, die Schweiz will ja aus der Atomenergie aussteigen. Aber Sie wissen, dass der Wind oft aus Westen weht, aus Frankreich? Das Leben ist gefährlich – mit oder ohne Kernkraftwerke in der Schweiz.

Fotograf: Andrea Freiermuth