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08. Dezember 2014

Uu huara Spass ...

Vermutlich haben Sie es geahnt: dass ich ein Warmduscher bin. Immer morgens. Stets befestige ich den Duschvorhang, indem ich ihn benetze und seitlich an die Plättli «klebe», und zwar schräg nach innen verlaufend, auf dass er unten nicht über den Rand der Bodenwanne hinauswehe und das Wasser, das innen hinabperlt, nicht den Badezimmerboden verspritze … Mach ich seit gefühlten siebenundzwanzig Jahren so, man will ja hernach nicht alles aufputzen.
Heute aber habe ich es irgendwie vergessen. Bin etwas in Eile und noch nicht ganz wach. Ich stelle mich also unter die warme Dusche und … Siehe: Der Vorhang wölbt sich von selbst nach innen; das Wasser tröpfelt nicht auf den Boden raus, sondern zurück in die Dusch­wanne. Als wäre Magie im Spiel.

«Hey, ich hab grad rausgefunden, dass ich all die Jahre den Duschvorhang für nichts und wieder nichts festgeklebt habe», erzähle ich den Kindern am Frühstückstisch, «der weht ja von sich aus nach innen …» Und ich habe kaum ausgeredet, schon erklärt Hans: «Physik, dänk! Das heisse Wasser wärmt die Luft, warme Luft steigt – so entsteht ein Unterdruck, der den Vorhang nach innen zieht.» – «Das ist der Bernoulli-Effekt», fällt Anna Luna ein, in der Früh sonst eher wortkarg und gewöhnlich nicht eben Physik-begeistert, «der Unterdruck entsteht aber auch bei kaltem Wasser, weil die Tropfen von der Luft gebremst werden, was einen Luftwirbel verursacht, der …»
Und während sie noch erläutert, bin ich nur noch baff. Was die alles wissen! Ich reiche ihnen die Böxli mit ihrem Mittagessen, und weg sind sie. Ab in die Schule. Schwester und Bruder besuchen dasselbe Gymi.

Schon noch cool, dass jungen Frauen dasselbe offensteht: Bildung, berufliche Möglichkeiten, Verwirklichung. Für die Generation unserer Tochter ist dies so selbstverständlich, dass sie sich kaum Gedanken darüber macht. Anna Luna hat verinnerlicht, dass sie wird studieren können, was sie will; dass sie Sport treiben kann, wie sie will; reisen, wohin sie will. Heuer war sie immerhin schon ein halbes Jahr allein in Amerika.
Und mir wurden vorige Woche erfreulich viele mutige Berufswünsche gemeldet: Eine Neunjährige will Landmaschinenmechanikerin werden, ein weiblicher Polymech hat mich kontaktiert (Wie heisst das? Polymechin?), und aus Ilanz mailte eine gelernte Landwirtin, die sich zur Fleischfachfrau weitergebildet hat, im Schlachthaus fürs Leben gern ausbeinelt und wurstet und momentan als Metzgerin in einem Laden tätig ist. «Nicht typisch für eine Frau», schreibt sie, «aber es macht mir uu huara Spass!» Statt Konventionen zu gehorchen, können junge Frauen tun, wonach ihnen der Sinn steht. Wir leben in einer guten Welt.

Eine Weltkarte der Frauenrechte?
Eine Weltkarte der Frauenrechte?

Während des Abendessens grenzen wir diese Welt auf der Karte, die über unserem Küchentisch hängt, ein bisschen ein. In Pakistan, Afghanistan? Dürfen Mädchen oft nicht einmal zur Schule gehen. In Saudi-Arabien? Ist Frauen das Autofahren verwehrt. In Dubai? Werden Frauen, die vergewaltigt worden sind, als «Ehebrecherinnen» verurteilt und eingekerkert. In Uganda, Nigeria? Werden Lesben mit dem Tod bedroht. In Haiti? Haben Mädchen kaum Zugang zu medizinischen Leistungen. In Russland und weiter östlich? Vergiss es! Und je weiter wir überlegen, desto kleiner wird die Welt, in der junge Frauen sich frei bewegen und entfalten können. Vielleicht lernt Anna Luna ja nun ein bisschen lieber für die nächste Physikprüfung.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli