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06. Mai 2013

Urs Widmer: Schreibendes Multitalent

Er gilt zu Recht als einer der grossen und vor allem vielseitigsten Schweizer Autoren: Seine ungebändigte Fantasie brachte in raffiniert durchdachten Plots meist humorvolle, nachdenkliche, bisweilen richtig skurrile Erzählungen und Romane hervor. Ein sozial und in Situationskomik zupackender Stil gern gespielte Theaterwerke, ein Mix von allem auch wunderschöne Essais oder Kolumnen. Eine paar Lesetipps mit ExLibris-Bestelllinks als Einstiegshilfe ins Werke des 75-jährigen.

Bald 75: Urs Widmer mit der Sachertorte
Kurz vor dem 75. Geburtstag: Urs Widmer mit der Sachertorte und widerspenstigen Kerzenhaltern und Kerzchen.


DIE «FANTASTISCHEN»
Sucht man in Widmers erzählendem Werk nach den drei Romanen mit etwas schrägen Stories und Entwicklungen, die aber dennoch eine ohne immense interpretatorische Leistung zu verfolgende Geschichte ergeben, stösst man zuerst auf die unten genannten drei. Natürlich wären da aus dem Frühwerk zum Beispiel der Kongress der Paleolepidepterologen oder noch mehr der Erstling Alois(1968) mit seinen fast schon jeglichen Handlungsablauf hinfällig machenden Stilmitteln aus der französischen Literatur der 60er-Jahre (zuvorderst: Raymond Queneaus Exercises de style). Doch die sind für heutige Lesergewohnheiten teils schon recht schwierig zu lesen.
Im Kongo erzählt eine wilde, aber bis ins kleinste Detail durchkomponierte Geschichte mit Orts- und Tempowechseln. Ein wirklicher Abenteuerroman, auch wenn Hoffnungen oder die Erwartungshaltung zu Hause genauso thematisiert werden wie die Abenteuer selbst. Der Liebesbrief für Mary ist darüber hinaus noch einzigartig, weil er eine ganz neue Sprache erfindet: Ein Englisch nur für Deutschsprachige! Über das Paradies des Vergessens(1992) kann in der Kürze nichts gesagt werden, ausser dass es sich nicht um eine der nun trendigen Romane über Demenz handelt, sondern um eine praktische 'Studie' über das Erinnern und Vergessen sowie die schöpferischen oder zerstörerischen Kräfte in beidem.
Liebesbrief für Mary
Im Kongo
Das Paradies des Vergessens

Urs Widmer in seinem Atelier
Urs Widmer in seinem Atelier. Die Frau auf dem Bild über dem Bett ist übrigens seine Grossmutter Mimi.

DIE «BIOGRAFISCHEN»
Bis zur Erscheinung der Reise an den Rand des Universums (September 2013) galten die folgenden Bücher in der Öffentlichkeit und den Besprechungen als jene mit der grössten Nähe zur (realen) Biografie Widmers.
Betont er jedoch im Gespräch, dass das neue Buch einer Autobiografie bis zum Alter von 30 Jahren nahekomme, so gilt nicht erst seit dieser Ankündigung, dass speziell in den beiden Büchern zur Mutter (2000) und zum Vater (2004) letztlich klar ein fiktives Ich im Zentrum der Handlung steht. Klar findet man darin Orte und teils auch Personen, die Widmers realem Leben entsprungen sein könn(t)en, doch dies macht die Romane noch längst nicht zu Autobiografien. Vielleicht ermöglicht aber genau dieses Spannungsfeld den speziellen Ton im Vater- und noch mehr dem Mutter-Buch, der in Sekundenschnelle von grosser Nähe und Empathie zu ironischen Kommentaren und mitunter gar Spässen des Erzählers wechselt. Und auch bei Widmers bisher letztem erschienenen Roman Herr Adamson genügt das gleiche Geburtsjahr und ein paar Koinzidenzen keineswegs, um die Erzählung zu einer um oder über Urs Widmer selbst zu machen.
Der Geliebte der Mutter
Das Buch des Vaters
Herr Adamson

DER THEATERHIT
Die Top Dogs sind ein durchwegs wirtschafts- und sozialkristisches Stück von 1997 über Manager, deren Kernkompetenz das Entlassen 'überflüssiger' Angestellter war und die dann selbst entlassen wurden. In einer Mischung aus Trainingscamp und Entziehungskur üben sie das Entlassen-Werden und -sein. Die Situationskomik bis zu einem gerüttelt Mass an Slapstick kommt teils sogar beim Lesen rüber.
Top Dogs
Ganz anders das folgende Krimistück, das auf sehr witzige Weise mit den Stereotypen englischer Detektivklassiker und auch den bekanntesten Ermittlerfiguren (nicht nur Englands) jongliert:
Die lange Nacht der Detektive

KURZFUTTER
Urs Widmer verband die Kompositionsgabe, zündende Ideen und ironischen Witz auch für mehrere Buchpublikationen mit kurzen Erzählungen und weiteren literarischen Formen. Wir greifen hier nur drei sehr unterschiedliche aus verschiedenen Perioden seines Schaffens heraus: In Schweizer Geschichten (1977) entwirft der Autor 13 spezielle Kantonsporträts mit ganz erdig-realen und ein paar abgehoben-erfundenen Facts. In Vor uns die Sintflut (2000) tischt der Schriftsteller auf mitunter fantastische Art (mehr noch als bei den drei erstgenannten Romanen ganz oben!) 21 Storys zur Jahrtausendwende auf, die witzig mit dem Ende der Story oder gar der Welt spielen. Wirklich abgeschlossen ist am Ende nichts. Stille Post aus dem letzten Jahr wiederum stellt völlig verschiedene Textgattungen und Erzählstile vor, darunter auch gemeinsame Projekte mit anderen Autoren und Zeitungen respektive Magazine, für die Widmer über Jahrzehnte tätig war (etwa Das Magazin).
Vor uns die Sintflut
Schweizer Geschichten
Stille Post

HÖRSPIEL FÜR JEDES ALTER
In diesem bei ExLibris als CD bestellbaren Hörspiel beweist Widmer, wie er eigene Kindheitserinnerungen (zumindest lässt er das in Erklärungen durchscheinen) aus dem Zweiten Weltkrieg mit ein paar wenigen Stimmen aktuell und fast spürbar werden lassen kann.
S'Chind wo ni gsi bin

DIE BILDERWANDERUNG
Es ist vielleicht Urs Widmers sonderbarstes Buchprojekt, sicher aber eines der schönsten. Zum Blättern, Betrachten, Schmökern oder alternativ auch klassischen Durchlesen sicher das schönste. Valentin Lustig malt in einem sehr eigenen, aber zugänglichen Stil Bilder, die dank Fantasie und skurrilen Einfällen nahelegen, dass Widmer zu Lustigs Fangemeinde zählt. In der auch bei ExLibris erhältlichen Pilgerreise unternimmt er einen literarischen Spaziergang durch 33 Gemälde. Die Texte kommentieren die Bilder nie, sondern erzählen stets Geschichten und Begebenheiten, entwickeln sie weiter. Bisweilen antwortet der Maler in diesem Dialog seinerseits wieder.
Das Buch eignet sich für Leserinnen ab spätestens 12 Jahren.
Valentin Lustigs Pilgerreise

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Jorma Müller