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06. Mai 2013

Unterwegs zum Grand Muveran

Von Jorasse, oberhalb von Ovronnaz VS, bis zur Rambert-Hütte, einer der ältesten Hütten des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) in der Westschweiz. Ein Aufstieg in die Stille, bei dem die Zeit zurückgedreht wird. In einer Serie der nächsten zehn Wochen stellt das Migros-Magazin drei weitere SAC-Ausflüge vor. Nach der Reportage: Welches ist Ihre SAC-Lieblingshütte? Helfen Sie uns auch bei der Routenwahl.

SAC-Hütte
Bald am Ziel: Bis kurz vor der Ankunft bleibt 
die Hütte dem Blick der Wanderer 
verborgen.

DIE SAC-FAVORITEN DER LESER
Diese Vorschläge mit ihren Lieblingshütten und dazu passenden Wanderrouten wurden auf migrosmagazin.ch bereits hochgeladen:

Die Unterengadiner SAC-Perle (Lischana)
Die Finsteraarhornhütte

Haben Sie auch einen SAC-Tipp? Ganz unten auf dieser Seite finden Sie alles zum Mitmachen.

DIE REPORTAGE
Eine Wanderung mit einem angenehmen Auftakt: Der Aufstieg zur Rambert-Hütte beginnt mit einem Abstieg! Man kann sich also vor dem Start ohne Gewissensbisse im Restaurant am Skilift niederlassen und einen Apfelstrudel verschlingen, oder man tritt die Exkursion brav mit leerem Magen an — die erste Stunde ist ein Segen. Warum? Ohne Anstrengung und gleichzeitig mit einem Gefühl von Kühnheit marschiert man mit entspannten Waden in Richtung des Grand Muveran, der, 3051 Meter hoch, die Grenze zwischen den Kantonen Waadt und Wallis bildet.

Den Grand Muveran im Rücken, geht es über eine riesige Geröllhalde. In diesem Gelände beneidet man die Steinböcke um ihre Trittsicherheit.
Den Grand Muveran im Rücken, geht es über eine riesige Geröllhalde. In diesem Gelände beneidet man die Steinböcke um ihre Trittsicherheit.

Sich diesem mächtigen Bergmassiv mit solcher Leichtigkeit zu nähern, lässt einen fast ein wenig geringschätzig auf den Muveran herabblicken. Doch Geduld, es kommt noch ganz anders. Zuerst nun aber windet sich der Weg von Jorasse leicht bergab, vorbei an bald blühendem Enzian, an bis zum Hals eingesunkenen Silberdisteln, und an Ebereschen, die im Herbst Trauben von scharlachroten Früchten tragen werden. Die Wegführung wurde 2009 geändert: Statt in das kleine Tal einzutauchen, führt der Pfad am Hang entlang und glättet so das Höhenprofil, ohne die Weglänge zu verkürzen.

Gemütliche und steile Passagen wechseln sich ab

Der Pfad schlängelt sich vorbei an von vielen Wintern gebeugten Lärchen, bevor er in einen Felsenkessel mündet, einen Riesentrichter, in dem man tief unten das Rauschen der Bäche erahnt. Dann führt der Weg über ein Schieferplateau mit langen, dunklen Platten, die einst von den Flanken des Six Noir heruntergestürzt sind. Mit Beeren prall bestückte Heidelbeerbüsche laden zum Pflücken ein, sie sind hier zum Greifen nah.

In engen Serpentinen gehts einem ungestümen Bach entlang

Der Abstieg ins Tal setzt sich fort und führt kurz darauf über den alten Fussweg unter einem riesigen Fels durch, der einem Dampfschiff gleicht, dessen gigantischer Bug die letzten Weiden zu durchpflügen scheint. Genau hier, unter dem ockerfarbenen Rumpf dieses gewaltigen Felsens, wird es nach einer Stunde des unbekümmerten Schlenderns spannend. Der Pfad wird plötzlich verschlungener, steiler, und steigt in engen Serpentinen einem ungestümen Bachlauf entlang hinauf, bevor man eine erste Ebene erreicht, den Plan Coppet mit seiner Jagdhütte.

Mit ein bisschen Glück kann man auf dem Grat gegenüber der Hütte ein Rudel Steinböcke beobachten.
Mit ein bisschen Glück kann man auf dem Grat gegenüber der Hütte ein Rudel Steinböcke beobachten.

So wird auch der noch bevorstehende Weg sein — eine Aufeinanderfolge von anstrengenden Aufstiegen und flachen Passagen zum Verschnaufen. Als würde man Etage um Etage aufsteigen, von einem Treppenabsatz zum nächsten, mal in Schweiss gebadet und bald darauf wieder erholt. Lieblich breitet sich der Plan Coppet aus, es geht vorbei an blauroten Eisenhutbüschen und den Überresten einer alten Schäferei. Nebelfetzen wechseln schnell, einem Schal gleich umhüllen sie den Gipfel. Von da an ist der Weg für den Wanderer noch lang. Am Ende der Ebene lohnt sich für ihn ein Blick zurück auf das prächtige Netz der in der Sonne silbrig glänzenden Bäche und das atemberaubende Bergmassiv des Grand-Combin, dessen höchster Gipfel mit 4314 Metern zu den höchsten der Alpen gehört.

Die nächste Etappe ist eine erneut schweisstreibende Herausforderung in steinigem Gelände. Nach und nach und fast ohne die langsame, aber stetige Veränderung der Umgebung wahrzunehmen, verlässt man die Farben, die Pflanzen und die vertrauten Geräusche. Und plötzlich ist man in einer anderen Welt unterwegs: mondartig, mineralisch, ein grauer und bräunlicher Krater der Stille, von der Vegetation verlassen. Auf dem Plan Salentze, unmittelbar unterhalb der Frête des Saille, wachsen nur noch wenige Disteln, vereinzelte Exemplare, die dem rauen Wind standhalten. Fast schwerelos bewegen sich die Beine in dieser unwirklichen Landschaft, fast wie bei Neil Armstrong, als dessen Fuss zum ersten Mal den Mond berührt hat.

Wie im Märchenbuch duckt sich die Hütte unter den Berg

Wilde Heidelbeeren.
Wilde Heidelbeeren.

Schliesslich erscheinen die riesigen geriffelten Wände des Grand Muveran — gigantische Falten, als hätte der Berg seinen Kopf verdreht. Aber keine Hütte ist in Sicht. Erst nach der letzten Kurve taucht sie auf. Nach der letzten Anstrengung im Geröll zeigt sich zuerst die Schweizer Fahne, dann das graue Dach und die Steinmauer. Gelegentlich gibts für die Besucher eine reizvolle Überraschung: Immer wieder hält sich dort auf dem Grat gegenüber ein Rudel Steinböcke auf. 30 männliche Tiere, trittsicher im Gestein, die Geweihe gen Himmel gerichtet, sich streckend, vor sich hindösend oder in Duellen ihre Kräfte messend in Vorbereitung auf die Brunftzeit. Ein letzter steiler Grashang, und man erreicht die Hütte, mit der schönen Terrasse und dem gemütlichen Speisesaal mit Vorhängen wie aus dem Märchen «Hänsel und Gretel» duckt sie sich unter den Kalksteintorso des Grand Muveran. Vor den Augen breitet sich die Alpenkette aus: Matterhorn, Grand Combin, Mont Blanc — die magische Parade der 4000er. Jetzt ist es Zeit für eine Stärkung in der Hütte. Für den Rückweg können Wanderer entweder denselben Weg gehen oder die Schleife über Outannes, Chamosentse und Loutse nehmen, den «Sonntagsspaziergang», wie die Einheimischen sagen.

Links um die Pointe de Chemo herum ist der Rückweg etwas länger, bietet aber eine interessante Alternative. Der Weg führt über eine riesige Geröllhalde, durch eine zerklüftete Felslandschaft des Dent de Chamosentse, bei der man bedauert, dass man nicht über die trittsicheren Hufe eines Steinbocks verfügt. Schritt für Schritt nähert man sich wieder der belebten Welt, mit einer ersten Weide, mit Heuschrecken und Kuhglocken. Im Gegenlicht der flach stehenden Sonne wirkt jeder Zweig wie mit dem Stift gezeichnet. Nun hat man wieder festen Boden unter den Füssen. Ein Zwischenhalt in der Buvette de Loutze bietet sich an, bevor man wieder in die Zivilisation zurückkehrt.

Der Hüter des Paradies

«Wie könnte man hier oben unglücklich sein»: Hüttenwart Sébastien Planchamp mag das einfache Leben auf dem Berg.
«Wie könnte man hier oben unglücklich sein»: Hüttenwart Sébastien Planchamp mag das einfache Leben auf dem Berg.

Sébastien Planchamp (41), gelernter Schlosser, immer schon sportbegeistert, liess im Alter von 30 Jahren alles hinter sich. Er machte sich auf nach Südamerika. Zurück kam er mit dem Drang, sein Leben völlig umzukrempeln: Er wurde Skilehrer, danach Hilfshüttenwart im Wallis, zuerst in der Cabane des Susanfe bei den Dents du Midi, später in der Sornio-Hütte. «Bis sich eine für mich ideale Hütte anbot, nicht zu gross und mit möglichst rustikalem Ambiente», sagt Sébastien Planchamp. Als die Stelle in der Rambert-Hütte 2008 frei wurde, schnappte er sie sich. Seine Aufgaben? Mahlzeiten zubereiten, sauber machen — «und retten, sofern es sich im Rahmen meiner Kompetenzen bewegt, sonst rufe ich die Air Glacier», sagt er.

Sébastien Planchamp ist kontaktfreudig, aber er liebt auch die Einsamkeit hier oben und die Gipfel. «Ich mag dieses einfache Leben hier. Mit Regenwasser kann man 2000 Menschen am Leben erhalten, das ist wunderbar», sagt er. Er schwärmt von der Landschaft und der Tierwelt: den Steinböcken, Füchsen, Hasen, Schneehühnern und dem Bartgeier, der mit seiner riesigen Flügelspannweite majestätisch an der Hütte vorbeischwebt.

Die Rambert-Hütte ist umgeben von einer spektaktulären Bergkulisse.
Die Rambert-Hütte ist umgeben von einer spektaktulären Bergkulisse.

«Wie könnte man hier oben unglücklich sein», sagt Sébastien Planchamp und zeigt auf die grandiose Bergkulisse. Mit einem, mal auch zwei Helfern führt er die Hütte, wäscht die Wäsche von Hand, «wie unsere Grossmütter», kocht Mahlzeiten, je nach Saison Hirsch­pfeffer, Rösti, Quiche oder gebratenes Poulet für die Kinder. «Den Schülern, welche die Hütte besuchen, berichte ich von meinen Alltag. Sie betrachten mich schon ein bisschen als Neandertaler», lacht Sébastien Planchamp und fügt an: «Das ist ein kleines Paradies hier oben. Eine Wanderin hat einmal gesagt, dass ich nach meinem Tod keinen Anspruch auf das Paradies hätte, weil ich es zu Lebzeiten schon gehabt hätte.»

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Autor: Patricia Brambilla

Fotograf: Mathieu Rod