Archiv
04. November 2013

Der Hausmann unterwegs

Der Hausmann Unterwegs  Ex-Pendler Bänz Friedli

Früher, als ich noch arbeiten ging … Schon falsch, der Satz. Haben Sies gemerkt? Dann sind Sie auch im Haushalt tätig, gut! Diejenigen, die es nicht sind, behaupten ja gern, Wohnung und Kinder gäben nichts zu tun — die würden ob der Einleitung «Früher, als ich noch arbeiten ging …» nicht stutzen. In Wahrheit aber bin ich, als ich noch im Teilzeitpensum «arbeiten» ging, mich ins Büro erholen gegangen — erholen vom strengen Tagewerk zu Hause. Tagewerk? Vom Tagundnachtwerk.

Über meinen Arbeitsweg schrieb ich damals Kolumnen, übers Pendeln. Und «Oh! mäin!! Gott!!!», wie die Teenies sagen, was hab ich in überfüllten Trams und Zügen nicht alles erlebt! Da war der beleibte Verwaltungsratspräsident, der unterwegs vom Hinschied eines Mitarbeiters erfuhr, sofort per Handy die Todesanzeige aufsetzen liess: «Frölläin Tschudi! Schriibet Sii: ‹Der Verwaltungsrat bedauert sehr›, undsowiiter … ‹Sich mit ganzer Kraft für die Firma …›, undsowiiter. Ds Üebliche, gälled Sii!» Er hustete, dann wurde es kurz still, feierlich still (was durchaus angemessen war, wir befanden uns nämlich im Ruhewagen St. Gallen—Genf). Doch dann bellte er schon wieder in sein Telefon: «Häinz! Häinz! Häsch scho vernoh? Äntli. Dee Seckel isch äntli gschtorbe.» Sie! Ich sage Ihnen, alles hab ich erlebt – bis hin zu dem Paar in der S3, das sich allein im Waggon wähnte. Plötzlich ist ihre Bluse offen, er leckt sie hinterm Ohr und anderswo, sie öffnet seine Hose, setzt sich auf ihn, ein Wippen und Winseln … Und seither weiss ich mit Bestimmtheit, was «öffentlicher Verkehr» ist.

Daheim, klar, da kann ich den Boden schrubben und dazu so laut und falsch mit John Mellencamp singen, wie mir beliebt. Ist ja keiner da. Vergisst man sich aber im öffentlichen Verkehr, vergisst man damit auch alle um einen herum. Und schon ist, was zu Hause völlig okay wäre, unflätig. Denn Tram, Bus und Zug sind auf perfide Weise Orte des Übergangs zwischen Privatleben und öffentlichem Raum. Rücksichtnahme wäre geboten. Doch manch einer stolpert noch bettwarm in seine S-Bahn, furzt vor sich hin und frühstückt schmatzend vor aller Augen. Andere schleppen gefühlt das halbe Büro mit in den ÖV, starten den Laptop auf, zücken ihr Smartphone und beginnen ein geschäftliches Gespräch mit «Nu gschnäll, Fra’ Hueber …». Und wenn jemand «Nu gschnäll» sagt, kann man sicher sein, dass es länger dauert. Vom Gequassel der Jugend ganz zu schweigen: «Ey, är hät mich imfall vol aaglüte, ohnischäiss, monn!»

Die Alternative? Man fährt im Auto zur Arbeit, allein mit dem Duftbäumchen, das neckisch am Rückspiegel baumelt, und der überdrehten Frühmoderatorin am Radio, die schon wieder säuselt: «Allne unterwägs e gueti Fahrt!» Dabei steckt man am Grauholz im Stau. Ist also keine Alternative. Eng ists, im Verkehr, und mich dünkt, seit ich vor neun Jahren aufgehört habe, zur Arbeit zu fahren, sei es noch viel enger geworden. Letzten Sonntag: Ein Mann an Krücken – barfuss in Schlarpen, Rotweinfahne – wettert lautstark gegen das «linke Gesindel». Ein Gör frisst einen stinkenden Döner. Ein Kahlgeschorener hält seinen Kampfhund kaum im Zaum. Wir stehen dicht gedrängt, und es ist, als hätten sich wieder mal alle Gestrauchelten der Stadt in unseren kleinen 80er-Bus gequetscht. «Horror!», stöhne ich. Darauf meine Frau: «Werktags, zur Stosszeit, wenn ich zur Arbeit fahre, ist es im Fall viel gesitteter.» Ob ich es ihr glauben soll?

Bänz Friedli live: 6. 11. Fislisbach AG, 7. 11. Chur GR, 8. 11. Menzingen ZG, 10. 11. Burgdorf BE.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

www.derhausmann.ch
Sein Facebook-Auftritt


PENDLER-ERFAHRUNGEN
Verraten Sie Ihr Pendlerglück oder Ihren täglichen Pendlerfrust gleich anschliessend in einem Kommentar.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli