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30. Mai 2016

Unterricht im digitalen Klassenzimmer

Tablets und iPods sind an der Projektschule 5 in Arth-Goldau SZ ganz normale Hilfsmittel wie Bleistift und Gummi. Das digitale Klassenzimmer ist ein voller Erfolg. Die besten Handygames und Lernapps für zu Hause finden Sie im weiterführenden Artikel rechts.

Digitales Klassenzimmer
Alessia und Daniel schauen im Wochenplan, welche Teamarbeit sie machen wollen.

Es ist knapp zehn Uhr in Arth. Knapp 20 Jugendliche stehen oder ­sitzen allein, zu zweit oder zu dritt in der für Jugendliche normalen Haltung herum: leicht gebeugt, den Blick auf einen kleinen Bildschirm gerichtet. Mit den Fingern streichen sie flink über die berührungsempfindlichen Monitore. Sie sind vertieft in ihren Tabletcomputer oder iPod Touch.

Eigentlich nichts Besonderes. Nur: Diese Kids sind weder am Gamen, noch befinden sie sich auf Facebook, WhatsApp oder Youtube. Sie sind in der Schule, genauer der Projekt­schule 5. Klasse in Arth-Goldau. Tablet und iPod Touch sind ganz normale Arbeitsinstrumente.

Gentiana lernt Französisch mit digitalen Kärtchen, Lehrer Christof Tschudi steht bereit für Fragen.

Die Schülerinnen und Schüler arbeiten am sogenannten Wochenplan. In diesem sind alle Aufgaben festgehalten, die bis Ende Woche selbständig erledigt werden müssen. In der Projektklasse ist der Wochenplan komplett digitalisiert. Die Schüler scannen mit ihrem Gerät jeweils einen persönlichen QR-Code und loggen sich so beim Schulserver ein. Nun sehen sie auf dem Bildschirm die Arbeiten, die sie noch zu erledigen haben. Lehrer Christof Tschudi (34), der die Klasse unterrichtet, ist einer der Pioniere des digitalen Klassenzimmers. Auf seinem Bildschirm sieht er, wo jeder Schüler mit seiner Arbeit steht.

Computerspiele und Lernen sind in dieser Schule kein Gegensatz

Die Kinder lösen auf ihren Kleincomputern Rechenaufgaben, büffeln französische Wörter inklusive korrekte Aussprache, lesen, schlagen im digitalen Duden nach, schreiben Diktate oder produzieren Vorträge, die kabellos direkt auf einen grossen Bildschirm projiziert werden können.

Der digitale Wochenplan auf dem Tablet. Er enthält die Aufgaben, die bis Ende Woche selbstständig erledigt werden müssen.

«Unsere Erfahrungen zeigen, dass Schüler mit Computer effizienter arbeiten und entsprechend mehr profitieren», sagt Christian Neff, Leiter des Schulkreises Goldau. «Wir hatten in vorhergehenden Computerklassen Schüler, die in zwei Jahren mit dem Computer rund 45 000 Kopfrechnungen lösten, eine Zahl die mit herkömmlichen Mitteln sehr schwer zu erreichen wäre.»

Ein weiterer Vorteil sei, dass jeder Schüler zum Beispiel einen französischen Text so oft und so schnell hören kann, wie er will, unabhängig vom Klassentempo. «So funktioniert individuelles Lernen», sagt Tschudi. Selbst das Spielen kommt dabei nicht zu kurz: «Wir haben auch Spiele fürs Lernen im Einsatz», erklärt Christian Neff. Das sind zum Beispiel Memorys für Sprachen, Zuordnungsübungen für Kantonswappen oder 1x1-Spiele. Dabei gebe es unzählige gute, aber auch viele schlechte Apps und Websites. «Doch», relativiert er «Spiele haben bei uns eher eine Nebenrolle. Für zwischendurch macht es durchaus Spass und kann auch etwas bringen, aber der Effekt schwächt sich recht schnell ab.»

Internetsucht und Cyberkriminalität sind Schulthemen

Wer jetzt denkt, diese Art von Unterricht würde die Lehrer von den Kindern entfremden, dem widerspricht Tschudi vehement: «Der Computer ermöglicht es mir, individueller auf die Schüler einzugehen.» So könne er zum Beispiel für jeden Schüler einen eigenen Wochenplan erstellen und jeweils anpassen.

Marco und Miriam (mit Kopfhörern) üben Französisch, Sina arbeitet mit einer speziellen Lern-App.

Guten Schülern teilt er komplexere Aufgaben zu, Kinder mit Schwierigkeiten arbeiten auf dem Basis­niveau. Und die Lehrkraft gewinnt Zeit: «Automatisierte Aufgaben wie die Hausaufgabenkontrolle erledigt der Computer, dadurch kann ich mir mehr Zeit für die Probleme der einzelnen Schüler nehmen.»

Die Arbeit mit Computern verändert nicht nur den Unterricht, sondern öffnet auch den Zugang zu neuen Themen. «Wir haben die Möglichkeit, Probleme wie Internetsucht, Zuverlässigkeit von Informationen im Internet oder auch Cyberkriminalität eins zu eins zu erörtern», erläutert Tschudi. Auch sind die Kinder sensibilisiert für schützenswertes geistiges Eigentum im Internet. «Muss jemand ein Passwort eingeben, schauen die anderen weg», sagt Tschudi. «Und das nicht etwa, weil das eine Regel in der Klasse wäre. Sondern weil in der Klasse der Sinn der Passwörter intensiv thematisiert wird.»

Klar ist aber für alle Beteiligten: «Wir setzen das Tablet nicht ein, weil wir es haben, sondern dort, wo es Sinn ergibt», sagt Schulleiter Christian Neff. Der grosse Vorteil des täglichen Computergebrauchs besteht darin, dass die Kinder den Computer nicht mehr als etwas Spezielles wahrnehmen, sondern als gewöhnliches Arbeitsgerät wie einen Taschenrechner oder einen Schreibblock. «Natürlich», sagt Neff, «müssen wir jeweils beim Start einer neuen Klasse den Umgang und klare Regeln festlegen. Denn es hat immer Schüler, die anfänglich permanent spielen möchten.» Das lege sich aber jeweils mit der Zeit. Die Pause ist computerfreie Zeit: «Das haben die Schüler selber so festgelegt.»

Zu Hause läuft kein Bildschirm mehr nach 21 Uhr

Begleitet wird die Projektklasse vom Institut für Medien und Schule (IMS) der Pädagogischen Hochschule Schwyz in Goldau. Was vor wenigen Jahren als Hochschulprojekt mit ­einer 5. Klasse und 17 Schülern startete, entwickelte sich inzwischen zum Selbstläufer: «Wir haben inzwischen alle 5.- und 6.-Klässler involviert, und auch die Eltern sind dem Projekt gegenüber positiv eingestellt», sagt Christian Neff.

Er sieht sich selber nicht als Computernerd: «Ich habe noch Freunde», betont der Vater von zwei Kindern im Alter von 14 und 12 Jahren lachend. Bei den Neffs zu Hause gelten klare Computerregeln: Kein Bildschirm läuft mehr nach 21 Uhr, kein Computer bei gemeinsamen ­Aktivitäten. «Aber ob die Kinder die Sendung ‹Galileo› via Fernsehapparat oder Tablet ansehen, ist mir grundsätzlich egal: Hauptsache, sie schauen sich etwas Sinnvolles an.»

Enrico (11) arbeitet mit iPod Touch: «Ich finde es sehr lustig, denn vor allem beim Sprachenlernen höre ich mit dem Gerät auch, wie etwas ausgesprochen wird. Praktisch ist auch der digitale Wochenplan. So sehe ich immer, was ich noch machen muss. Ich trage auch meine Hausaufgaben auf dem Gerät ein. Zu Hause hätte ich noch ein Familientablet. Ich arbeite aber lieber auf dem iPod, weil er so praktisch klein ist und selbst in der Hosentasche Platz findet.»

Samuel (11) arbeitet mit iPod Touch: «Ich finde es schade, dass wir nicht bei allen unseren Lehrern die Geräte so intensiv einsetzen können.»

Amra (11) arbeitet mit iPad Mini: «Ich würde es vermissen, wenn wir das Gerät nicht mehr benützen dürften. Ich bin überhaupt kein Gamer und spiele praktisch nicht auf dem Computer. Mir gefällt speziell, dass ich selber bei den Lösungen prüfen kann, ob ich die Aufgaben richtig gemacht habe. So muss es der Lehrer nicht mehr machen. Ich habe das Gerät mit dem eigenen Taschengeld gekauft. Für Prüfungen lerne ich lieber mit Büchern und auf Papier.»

Salika (12) arbeitet mit iPad: «Ich lerne gerade das Zehn-Finger-Schreibsystem auf dem iPad, das ich von meinen Eltern auf den zehnten Geburtstag geschenkt bekommen habe. Auch für Prüfungen lerne ich am liebsten auf dem iPad.»

Aron (11) arbeitet mit iPod Touch: «Sind wir mit den Prüfungen fertig, dürfen wir jeweils noch etwas gamen. Dann spiele ich jeweils Minecraft. Es kommt vor, dass ich deshalb eine Prüfung auch mal etwas schneller fertigschreibe.»

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: Samuel Trümpy