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03. Oktober 2011

«Unterhaltungsshows müssen überraschen»

Wieso floppen die Miss-Schweiz-Wahlen bei den Fernsehzuschauern? Louis Bosshart (67), Professor für Journalistik an der Universität Freiburg, erklärt, woran es dem TV-Format fehlt.

Alina Buchschacher
Die 20-jährige Handelsschülerin Alina Buchschacher aus Bern ist in Lugano zur Miss Schweiz 2011 gekürt worden (Photo: Keystone/Karl Mathis).

Herr Bosshart, die Zuschauerzahlen bei den Miss-Schweiz-Wahlen sinken, während andere Castingshows Traumquoten vermelden. Die Mister-Schweiz-Show hat das SF sogar abgesetzt. Haben Mister und Miss Schweiz ausgedient?

Unterhaltungsshows müssen überraschen. Bei Schönheitswettbewerben gibts wenige Elemente,die man variieren kann, und so werden sie mit der Zeit langweilig. Hinzu kommt, dass die Missen seit Jahren immer gleich aussehen. Der klassische Barbie-Typ: grosse Augen, feine Nase und hübscher Mund.

Bei der Miss-Schweiz-Wahl gehts aber auch um Sympathie und nicht nur das Aussehen.

Die Miss Schweiz muss auch Persönlichkeit haben und sprachbegabt sein. Seit Fiona Hefti waren alle Missen Studentinnen oder Schülerinnen. Bei Hefti hiess es, «sie sei aus gutbürgerlichem Haus und könne mit Fischbesteck umgehen».

Muss man zwischen TV-Show und der Marke «Miss Schweiz» unterscheiden?

Ja. Die Marke ist sehr gut eingeführt, die Wahl ist ein Sprungbrett in die Promiwelt. Der Fernsehauftritt ist aber wichtig, um die Reichweite der Marke zu erhöhen.

Was passiert, wenn SF abspringt?

Dann müssten die Veranstalter einen Event mit ein paar Tausend Leuten veranstalten, wobei die Fans der einzelnen Kandidatinnen bevorzugt werden müssten. So gäbe es Stimmung und Fantrubel. Dies hätte eine grosse Ausstrahlungskraft.

Ledig, nicht geschieden und kein Kind. Das sind die Anforderungen an die Kandidatinnen. Es fehlt das Skandalpotenzial, das man von anderen Unterhaltungssendungen her kennt.

Brav, bieder und vorbildhaft ist ein Teil des Charakters der Show. Es gibt Castingformate, die mehr Platz für Skandale haben. Aber die Miss Schweiz muss ein Vorbild sein und die Schweiz bei verschiedenen Events vertreten — deshalb sollte sie eine gewisse Sauberkeit ausstrahlen. Das ist ein Teil des Nationenimages, das die Schweiz hat.Und das darf man durchaus pflegen.

Brav, bieder und vorbildhaft ist ein Teil des Charakters der Show.

Bei den Mistern übernimmt 3+ und will es mehr Richtung Castingshow entwickeln. Ist das für die Missen auch denkbar?

Durchaus. 3+ müsste aber mehr Leben in die Bude bringen. Es reicht nicht, wenn die Kandidaten nur hinstehen und schön aussehen. Die Show muss mehr Emotionen auslösen, Schadenfreude oder Mitleid à la «Ich bin ein Star, holt mich hier raus».

Vielleicht haben wir schlichtweg einen Missen-Overkill?

Das ist gut möglich. In Bern gibt es eine Miss Bern und eine Miss Bern-Ost. Irgendwo gibts Miss Garage, Miss Molly und Miss Earth. Aber das ist typisch für die Medien. Sobald es ein Format gibt, das Erfolg hat, wird es nachgeahmt.

Wird dieser Zug mal zum Stehen kommen?

Er wird zumindest langsamer werden.

Mit Youtube oder Facebook gibt es auch andere Plattformen, um berühmt zu werden.

Es gibt zu viel Konkurrenz. Bei Youtube und Facebook muss man nicht durch ein Casting. Auch muss das Publikum nicht zwingend am Samstagabend von 20 bis 22 Uhr vor dem Fernsehgerät sitzen.

Schauen Sie die Miss-Schweiz-Wahlen?

Vorab, aus beruflicher Neugier. Aber ich habe ein gesellschaftliches Leben, das nur samstags und sonntags Platz findet. Daher verpasse ich manchmal die Show.

Autor: Nathalie Bursać